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Marburg „Religiöse Vielfalt ist das Besondere“
Marburg „Religiöse Vielfalt ist das Besondere“
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16:58 05.09.2021
Kuratorin Dr. Susanne Rodemeier zeigt eine Maske aus Papua-Neuguinea.
Kuratorin Dr. Susanne Rodemeier zeigt eine Maske aus Papua-Neuguinea. Quelle: Manfred Hitzeroth
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Marburg

Eine monumentale Figur empfängt die Besucher der Religionskundlichen Sammlung in majestätischer sitzender Haltung am Eingang zu den Ausstellungsräumen im Erdgeschoss. Bei der Grabfigur handelt es sich um den Abguss eines Originals aus dem Vorderasiatischen Museum in Berlin. Die überlebensgroße weibliche Figur – vielleicht eine Göttin – war ursprünglich ein Fund aus dem 8. Jahrhundert vor Christus in Tell Halaf im heutigen Syrien.

Mithilfe des Marburger Abgusses als einziger vollständiger Kopie konnte das Original in einer groß angelegten Restaurierungsaktion wieder zusammengefügt werden und wurde 2011 im Pergamonmuseum gezeigt.

Eine Göttin als Wächterin

Eine Göttin als Wächterin: Das passt ganz gut zu der seit der 400-Jahr-Feier der Marburger Universität bestehenden Sammlung. Denn das Religiöse spielt in der Uni-Sammlung eine entscheidende Rolle. Zur Sammlung gehören mehr als 10.000 Objekte, Bilder, Modelle, Gewänder und Schriften aus der Welt der Religionen. „Das Besondere an der Sammlung ist die religiöse Vielfalt“, erläutert Kuratorin Dr. Susanne Rodemeier.

Ein Schwerpunkt liegt auf asiatischen Religionen. Im Fokus sind vor allem Objekte aus dem Hinduismus, dem Buddhismus und dem Islam. Aber auch Daoismus und Shinto sind vertreten, ebenso wie Stücke antiker und erloschener Religionen. Selbst besondere Aspekte des Christentums und des Judentums werden in einigen Vitrinen präsentiert.

Kokosfasern und Muschelen

Einen speziellen Raum nimmt die Darstellung von ethnischen religiösen Traditionen aus Ozeanien ein. In diese Sparte fällt auch eine im Aufbau befindliche Sonderausstellung, in der Objekte aus kolonialen Kontexten eine Rolle spielen. Sie stammen aus Papua-Neuguinea, einer ehemaligen deutschen Kolonie.

Zwei Figuren, die an Ahnen der Menschen in Papua-Neuguinea erinnern, stehen nebeneinander in einer Vitrine der Religionskundlichen Sammlung. Quelle: Manfred Hitzeroth

Mit Kalkfarben bemaltes Holz, Kokosnussfaser und Muschel: Aus diesen Materialien besteht eine 1,32 Meter hohe Uli-Figur, die aus Neu-Irland (ehemals Neu-Mecklenburg) im auch heute sogenannten Bismarckarchipel des Staates Papua-Neuguinea stammt. Gekauft wurde sie im Jahr 1934 von dem Hamburger Kuriositätenhändler Gustav Umlauff.

Totenrituale

Die Figur trägt einen flossenähnlichen Kopfschmuck und einen Bart, sie hat zudem sowohl Brüste als auch einen Penis. Einer jüngst veröffentlichten Studie des französischen Forschers Jean-Philippe Beaulieu zufolge deutet die Ausstattung mit weiblichen und männlichen Geschlechtsorganen an nur einer Figur auf die Darstellung eines als besonders potent angesehenen Vorfahren, der weibliche und männliche Qualitäten vereint.

"Die Große Sitzende" heißt diese Skulptur am Eingang der Religionskundlichen Sammlung. Quelle: Manfred Hitzeroth

Doch was für eine Bedeutung hatte diese sogenannte Uli-Figur damals für die Bewohner der Südsee-Insel? „Uli gelten als Verkörperung eines seit Langem verstorbenen Vorfahren“, hat Rodemeier zusammen mit Studierenden in einem Seminar herausgefunden. Verkörpert in der Figur nehmen diese Ahnen somit auch bei jedem Totenritual an der Feierlichkeiten teil, auch wenn sie physisch nicht anwesend sind.

Übergang in die Ahnengemeinschaft

Denn durch ihre Anwesenheit sollen sie sicherstellen, dass die eben Verstorbenen den Übergang in die Ahnengemeinschaft vollziehen. Jede ethnische Gruppe in der Südsee hatte und hat teilweise bis heute ihre eigene ganz speziell ausgestattete Ahnenfigur. Und das Besondere daran ist aus Sicht der Marburger Forscherin, dass diese Figuren weniger als Objekte, sondern dauerhaft als machtvolle und handelnde Subjekte wahrgenommen wurden.

Das gilt für die in der Vitrine direkt daneben platzierte kleinere Malangan-Figur allerdings nur während des Totenrituals. Sie wurde zwar auch bei Totenritualen mit eingesetzt, hatte aber Rodemeier zufolge nur eine Einmalverwendung bei einem Ritual.

Vitrine in der regulären Sammlung der Religionskundlichen Sammlung. Quelle: Manfred Hitzeroth

Diese auch weniger filigran ausgearbeitete Figur korrespondiert mit zwei hohen Säulen, die an Totempfähle erinnern, aber als „Malangan-Friese“ vor allem im Rahmen eines mehrere Jahre dauernden Totenrituals Verwendung fanden. Stirbt Jahrzehnte später der älteste Sohn einer Gruppe, wird wieder ein neuer Fries mit den in Erinnerung gebliebenen Verzierungen geschnitzt.

Tiere und Krieger

Schaut man genauer hin, dann sind an diesen Friesen kunstvoll gearbeitete Tierfiguren zu sehen, aber auch ein Krieger, der einen Speer in der Hand hält. Rodemeier hat beispielsweise einen Schweinskopf, einen Fischkopf sowie einen Fregattenvogel und wahrscheinlich eine Eule identifiziert. Der Raum mit den Objekten aus der Südsee ist Teil eines Pilotprojektes, bei dem die Sammlungsverantwortlichen die genaue Herkunft der Objekte aus den kolonialen Kontexten erforschen wollen.

Eine von der Islam-Forscherin Annemarie Schimmel illustrierte Tagebuchseite aus der "Schimmel"-Sonderausstellung in der Religionskundlichen Sammlug Quelle: Manfred Hitzeroth

So steht beispielsweise fest, dass die Uli-Figur ursprünglich zum Besitz der Witwe eines deutschen Kolonialbeamten gehörte, der die Ahnenfigur käuflich erworben hatte. Für solch eine Figur wurde damals an die einheimischen Besitzer eine Summe zwischen 40 und 700 Reichsmark gezahlt. „Die Menschen hatten damals kein Geld und konnten sich durch den Verkauf ihres Ahnen vom verhassten Arbeitsdienst für Kolonialherren freikaufen“, erläutert Susanne Rodemeier die Gründe, warum ein Verkauf solcher Ritualgegenstände attraktiv gewesen sein könnte.

Im Zuge der „Kunsterbe und Kolonialismus“-Debatte wird bei Kunstmuseen, in der Völkerkunde, aber auch in der Religionswissenschaft derzeit ausführlich über die Rückgabe von Sammlungsobjekten debattiert. „Bisher gab es bei uns für Objekte unserer Sammlung noch keine Rückgabe-Anfragen“, betont Rodemeier. Das nächste Ziel sei es, in der Post-Corona-Zeit zumindest ein Projekt vor Ort in Papua-Neuguinea anzusiedeln, um mehr Details über die Marburger Sammlungsstücke aus heutiger Sicht der Ursprungsgesellschaften zu erfahren.

Religionskundliche Sammlung

Die Religionskundliche Sammlung der Marburger Universität ist eine Lehr- und Forschungssammlung. Sie zeigt die Vielfalt der Religionen der Welt anhand von Objekten und bildlichem Material. Sie wurde im Jahr 1927 als zentrale Einrichtung der Universität von dem evangelischen Theologen und Religionsforscher Rudolf Otto (1869–1937) begründet. Sie sollte der Erforschung religiöser Praktiken und Vorstellungen anderer Kulturen dienen und sowohl für die universitäre Lehre wie auch Vorbereitung von Auslandsaufenthalten von Diplomaten, Ärzten, Händlern und Missionaren genutzt werden. Auch heute ist die Sammlung eng in Forschung und Lehre der Universität eingebunden. Hier können sich aber auch Schülergruppen und andere Interessierte über die Vielfalt von Religionen informieren.

Seit 1981 ist die Sammlung in der ehemaligen Landgräflichen Kanzlei (Landgraf-Philipp-Straße 4) unterhalb des Landgrafenschlosses untergebracht. Seit 2006 liegt die Leitung der Sammlung bei Edith Franke, Professorin für Allgemeine und Vergleichende Religionswissenschaft. Die Religionsethnologin Dr. Susanne Rodemeier ist seit 2018 Kuratorin der Sammlung. Wegen der Corona-Pandemie war die Uni-Sammlung lange geschlossen. Sie wird aber ab 11. Oktober wieder montags von 14 bis 16 Uhr geöffnet. Führungen sind auf Anfrage unter Telefon 0 64 21 / 2 82 24 80 oder E-Mail: relsamm@uni-marburg.de auch zu anderen Zeiten möglich.

Von Manfred Hitzeroth