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Marburg Auf den Spuren des Corona-Kummers der Jugend
Marburg Auf den Spuren des Corona-Kummers der Jugend
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20:00 22.04.2021
Corinna Posingies (41) ist Gesamtschullehrerin und Krisenbewältigungs-Expertin. Sie forscht zur Corona-Pandemie, zur Auswirkung von Schulschließungen auf das Seelenleben von Kindern und Jugendlichen.
Corinna Posingies (41) ist Gesamtschullehrerin und Krisenbewältigungs-Expertin. Sie forscht zur Corona-Pandemie, zur Auswirkung von Schulschließungen auf das Seelenleben von Kindern und Jugendlichen. Quelle: Foto: Björn Wisker
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Marburg

„Die psycho-sozialen Auswirkungen der Corona-Pandemie auf junge Menschen haben keine Wertigkeit.“ Das sagt Corinna Posingies, gleichsam Gesamtschullehrerin in Wetter, wissenschaftliche Mitarbeiterin an einer Universität und ehrenamtlich im Kriseninterventionsdienst des Landkreises Marburg-Biedenkopf tätig.

Nach mehr als einem Jahr sei offensichtlich, dass Ängste, Sorgen, die Zukunft von Kindern und Jugendlichen in den Augen der meisten Politiker, Behörden, Verbände und der Öffentlichkeit „nicht existent, nicht relevant“ seien. Dabei sei die psychische Belastung „extrem hoch“, denn Schulen, auch Kindergärten seien „keine reinen Lern-Orte, wo es um Unterrichtsstoff geht. Es sind Sozial-Orte, wo sich Persönlichkeit entwickelt.“ Das gelte vor allem für jene Teenager, deren Schulabschluss noch weiter entfernt ist. Viele Abschlussjahrgänge, speziell in Haupt- und Realschulzweigen, seien hingegen wegen Bildungslücken genauso wegen fehlender Praktika-Möglichkeiten und Ausbildungs-Zurückhaltung in Firmen „völlig verunsichert, haben richtig Angst, unbegleitet ins Leben zu gehen und in ein Loch zu fallen“, sagt die 41-Jährige. „15-Jährige haben existenzielle Sorgen. Die Nummer gegen Kummer anzurufen, löst ihr Problem nicht.“

Die Marburgerin hat daher mit der „Hamburg Medical School“, unter der Leitung von Professor Harald Karutz eine Studie gestartet, um die akuten Probleme zu untersuchen. Unter dem Titel „Ist das Bildungswesen eine kritische Infrastruktur?“ schauen sich die Forscher die Schulschließungs-Auswirkungen an und wollen Handlungsempfehlungen geben, wie das Bildungssystem als solches speziell in großen, lang anhaltenden Krisenzeiten widerstandsfähiger werden kann. Denn: Ein zuverlässiger Betrieb von Kindertagesstätten und Schulen sei für die gesamte Gesellschaft wichtig, fast die Hälfte der Bevölkerung sei mindestens indirekt mit dem Bildungssystem verzahnt, heißt es von dem Forscher-Team.

„Die Kinder vermissen weniger die Schulstunden als die Pausen. Denn da geht es um das für sie wichtige: Kontakte und Austausch, Freunde treffen und Bewegung – auch um eine feste Tagesstruktur“, sagt Posingies anhand einer Umfrage, die sie mit einigen Schülern bereits gemacht hat. Nur, weil sich die unerfüllte Sehnsucht nach Gemeinsamkeit, die sozial-psychologischen Folgen von Schulschließungen nicht wie der omnipräsente Corona-Inzidenzwert messen und in Zahlen ausdrücken ließen, sei deren „soziale Sprengkraft“ nicht zu unterschätzen. Alleine wegen der schieren Zahl der Betroffenen und der „langfristig wegen der psycho-sozialen Folgen systemschädigenden Wirkung“ sei Schule, deren Schließung „eigentlich ein Unding“. Sie müssten vielmehr gerade in Krisenzeiten „Oasen der Sicherheit“ werden, in denen auch „Kontinuität und Hoffnung vermittelt“ würden, sagt Posingies und verweist auf die Hygienekonzepte. Gestützt wird Posingies Ansatz durch eine aktuelle Studie der Universität Kassel, die den Effekt von Schul- und Kitaschließungen auf das Infektionsgeschehen mit gerade mal fünf Prozent angibt.

Mangel an Selbstwirksamkeit

Erste Grundsatz-Studien gibt es bereits: Laut Bertelsmann-Stiftung fühlen sich 61 Prozent der 12 000 befragten, jungen Menschen in Deutschland teilweise oder dauerhaft einsam. 64 Prozent stimmen zum Teil oder voll zu, psychisch belastet zu sein. 69 Prozent plagen Zukunftsängste.

Der Marburger Pädagogik-Professor Eckhard Rohrmann warnte schon vor einem Jahr vor den bevorstehenden sozialen und gesellschaftspolitischen Homeschooling-Folgen. Das Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation erkennt aktuell ein „Absinken der Motivation“. Dr. Claudia Schmölz, Elternvertreterin an der Steinmühle, forderte jüngst ebenfalls eine Rückkehr aller Schüler in den Präsenzunterricht – eben weil viele Eltern in und um Marburg an ihren Kindern Wesensveränderungen, zunehmende psychische Probleme beobachten (OP berichtete). Quer durch Marburg-Biedenkopf, egal ob Hartz-IV-Hintergrund oder Akademiker-Haushalt, gelte: „Schule zu, die ganze Zeit alleine im Homeschooling statt Freunde zu treffen, kein Vereinsleben oder Sporttraining: Die Kinder spüren keine Selbstwirksamkeit mehr, sie können ihre Stärken, sie können sich selbst nicht finden. Das ist fatal für ihre Entwicklung.“ Und den Preis dafür, so fürchtet die Pädagogin werde die Gesamtgesellschaft zahlen – nicht heute, nicht morgen, aber in einigen Jahren.

Mit ersten Ergebnissen der im Auftrag des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe erstellten Studie rechnet Posingies im Sommer.

UNICEF: Schulen keinesfalls schließen

Jugendämter deutschlandweit warnten vergangene Woche vor einer Verdoppelung der Zahl der Schulabbrecher auf mehr als 100 000. Und: „Keiner kann die persönliche Entwicklung in zwei Jahren Kindheit, die verloren gegangen sind, nachholen“, heißt es in einer Stellungnahme. Auch das Kinderhilfswerk in Deutschland warnt: Die Einschränkungen des öffentlichen und privaten Lebens gefährden nach Einschätzung des Kinderhilfswerks nicht nur die Bildungserfolge junger Menschen, sondern haben auch weitreichende Folgen für ihr gesamtes Wohlbefinden und ihre Entwicklung. „Was wir aus Schulschließungen während Covid gelernt haben, ist klar: Die Vorteile, Schulen geöffnet zu halten, überwiegen bei Weitem die Kosten, sie zu schließen, und nationale Schließungen von Schulen sollten unter allen Umständen vermieden werden.“ Die Störung der sozialen Kompetenz, der kognitiven Entwicklung und sozialer Beziehungen könnte gravierende Konsequenzen haben, heißt es im Unicef-Bericht.

Von Björn Wisker

  • „Starke Eltern, starke Kids – wie stärke ich mein Kind in der Corona-Krise“: Einen Online-Vortrag gibt es am 27. April um 18.30 Uhr unter https://www.vhs-marburg-biedenkopf.de/digital/elternakademie/ (Anmeldung bis 27. April um 13 Uhr)

22.04.2021
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