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Marburg Auf den Spuren der „Yoga-Bibel“
Marburg Auf den Spuren der „Yoga-Bibel“
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12:58 07.03.2021
Der Grundtext des Yoga erschließt sich nur dem Sanskritkundigen: Dieser Textausschnitt aus der Hathapradīpikā mit dazugehörigem Kommentar beschreibt „Raja Yoga“, in Anlehnung an das Wort Maharadscha eine „königliche“ Yoga-Variante.
Der Grundtext des Yoga erschließt sich nur dem Sanskritkundigen: Dieser Textausschnitt aus der Hathapradīpikā mit dazugehörigem Kommentar beschreibt „Raja Yoga“, in Anlehnung an das Wort Maharadscha eine „königliche“ Yoga-Variante. Quelle: Hatha-Yoga-Projekt
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Marburg

Es ist eine Art Bibel der Yoga-Begeisterten. Die Rede ist von dem Ende des 15. Jahrhunderts entstandenen indischen Buch namens Hathapradīpikā. Wörtlich geht es in dem in der klassischen indischen Gelehrtensprache Sanskrit verfassten theoretischen Yoga-Lehrbuch darum, ein Licht (pradīpikā) auf das Hatha Yoga (körperbetontes Yoga) zu werfen. Hatha Yoga (Wortursprung von hatha: Kraft, Hartnäckigkeit) ist eine Form des Yoga, bei der das Gleichgewicht zwischen Körper und Geist vor allem durch körperliche Übungen (Asanas), durch Atemübungen (Pranayama) und Meditation angestrebt wird.

Ein deutsch-britisches Forschungsprojekt

Die wissenschaftliche Beleuchtung des Schlüsselwerks steht im Mittelpunkt eines deutsch-britischen Forschungsprojektes. Die Editionsfachleute um Professor Jürgen Hanneder vom Marburger Fachgebiet Indologie und Tibetologie wollen gemeinsam mit dem Team des britischen Indologen und Yoga-Forschers Dr. James Mallison den Wandel der Textfassungen im Laufe der Zeit nachvollziehen.

Die älteste bekannte Handschrift des Haṭhapradīpikā ist nach dem jetzigen Stand der indologischen Forschung wohl 1498 erstellt worden. Allerdings beruhe diese Handschrift wiederum auf älteren Texten, erläutert Professor Hanneder im Gespräch mit der OP.

Ziel: Entwicklung des Yoga aufzeigen

Die Forschergruppe will dazu beitragen, die historische Entwicklung des Yoga nachzuzeichnen. „Die Hathapradīpikā ist der vielleicht einflussreichste Text des körperlichen Yoga aus vormoderner Zeit“, erklärt Hanneder. Die Schrift werde oft als normsetzend für die Entwicklung des Yoga bis in die Moderne angesehen.

„Hinter dem Text verstecken sich aber mehrere Versionen recht unterschiedlicher Länge“, führt der Indologe aus. So umfasst die derzeit aktuelle Version nur vier Kapitel, es existieren aber unter der Vielzahl der späteren Abschriften auch Versionen mit acht oder zehn Kapiteln. Es sei angesichts der großen Popularität nicht verwunderlich, dass der Inhalt in einer großen Zahl an Handschriften überliefert sei, meint Hanneder. Im Druck sei freilich nur ein kleiner Ausschnitt aus dieser Vielfalt überhaupt erschienen.

Einfluss der indischen Kultur

„Die indische Kultur übt wohl auf keine andere Weise einen so großen Einfluss aus als auf dem Gebiet des Yoga“, meint Jürgen Hanneder, der das Fachgebiet Indologie und Tibetologie der Philipps-Universität Marburg leitet. Aber ist Yoga tatsächlich so alt, wie die modernen Anhänger glauben, oder ist er eine Erfindung der späten Kolonialzeit?

Die Antwort auf diese Frage ist nach Hanneders Angaben vielschichtig. So gehe Yoga grundsätzlich auf sehr alte Vorbilder zurück, und Elemente der indischen Sitzmeditation seien wohl schon so alt wie der Buddhismus. Andererseits gebe es in den ganz praktischen Yoga-Ausformungen durchaus immer wieder Aktualisierungen und Neuerungen.

Hanneder: Materialfülle ist Herausforderung

Diese nachzuzeichnen, ist ein Ziel des Forschungsprojektes. Als größte Herausforderung des Projektes bezeichnet Hanneder die Materialfülle. So müssen 250 unterschiedliche Fassungen gesichtet und analysiert werden. Anders als die mittelalterlichen Handschriften aus Klöstern in Europa seien die indischen Handschriften nach rund 200 Jahren in dem subtropischen feuchten Klima bereits oft vom Zerfall bedroht, was auch zu häufigeren Abschriften geführt habe.

In jeder Handschrift kommen beispielsweise viele Zusatz-Kommentare hinzu. Ein Vergleich der Fassungen verspreche Aufschluss über die Rezeptionsgeschichte und Entwicklungsdynamik einer mittelalterlichen Bewegung auf dem Weg in die Neuzeit, meint Hanneder. „Wir wollen erfahren, was wann dazugekommen ist“, erläutert er. Denn jede Abschrift kann auch inhaltliche Neuausrichtungen aufgenommen haben.

Ziel liegt nicht auf Weiterentwicklung des Yoga

Allerdings dämpft der Marburger Forscher allzu große Erwartungen darauf, in den Handschriften die Beschreibungen von vergessen geglaubten Yoga-Übungen zu entdecken, auch wenn das die Londoner Yoga-Forscher in der Vergangenheit bereits in Einzelfällen geschafft hätten. Die Weiterentwicklung des Yoga liege auch nicht primär im Interesse der Wissenschaftler.

Der Detailgenauigkeit sind zudem alleine durch die starre Begrenzung in der Textform enge Grenzen gesetzt: Jede Übung wird mit einem Vers mit 24 Silben beschrieben. Der Rest, die inhaltliche Interpretation, sei dann meistens die Auslegungssache von kreativen Yoga-Lehrern, meint der Marburger Indologe.

Von Manfred Hitzeroth

07.03.2021
06.03.2021