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Marburg Auf den Feldern brennt das Geld
Marburg Auf den Feldern brennt das Geld
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12:59 10.10.2021
Prof Siegfried Becker Prof Siegfried Becker
Prof Siegfried Becker Prof Siegfried Becker Quelle: Nadine Weigel
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Marburg-Biedenkopf

Es wundert nicht, dass die Sagen von verborgenen Schätzen besonders häufig im Hinterland erzählt wurden – die Armut der Menschen regte die Fantasie und die Hoffnung an, mit einem Schatzfund die ärgste Not überwinden zu können. Viele Leute aus den Dörfern des alten Kreises Biedenkopf waren zudem oft unterwegs, als Wanderarbeiter, als Schnitter und Erntearbeiterinnen in der Wetterau, als Maurer und Hüttenarbeiter in den Industrierevieren des Ruhrgebiets. Wenn sie nachts auf dem Heimweg waren, wussten sie anderntags manchmal von merkwürdigen Lichterscheinungen zu berichten, die sie auf den Feldern beobachtet hatten, irrlichterndes Glimmen, das als Geldfeuerchen gedeutet wurde, dem man nur folgen müsse, um auf verborgene Schätze zu stoßen.

Überall auf der Welt sponnen Menschen die Chemolumineszenz, das Leuchten von Faulgasen in dunkler Nacht, in Erzählungen aus – im Himalaya erzählten die Sherpas vom fliegenden Drachen Gourral, der es in seiner Höhle hüte, jenes blaue Licht, von dem Bengt Berg meinte, dass es von den faulenden Exkrementen und Knochenresten im Nest des Bartgeiers ausging.

Dämonische Tiere als Schatzhüter finden wir auch in vielen Schatzsagen der Marburger Landschaft, ja auch in den Märchen treten sie auf – wie im Grimmschen Märchen „Die drei Sprachen“ oder in Andersens Märchen „Das Feuerzeug“. Hoffnungen auf einen Schatzfund wurden zuweilen bestätigt, wie historische Funde am Goldberg bei Amöneburg-Mardorf belegen.

Münzfunde zeigen zwei Perspektiven auf: diejenige der Menschen, die den Schatz verbargen, wohl meist in der Hoffnung auf Rücklagen für eine ungewisse Zukunft, und diejenige der Menschen, die sich auf die Suche nach einem Schatz machten. Beide Perspektiven hatten Konjunktur in Krisenzeiten, und tatsächlich weisen viele Münzfunde darauf hin, dass ihr Verbergen in den Kontext von Krisen, Kriegen oder Katastrophen gestellt werden kann. Sie zeigen Strategien zur Überwindung von Verelendungstendenzen auf und machen damit auf die Bedeutung des Prinzips Hoffnung aufmerksam, das ja auch in den Erzählungen erkennbar wird – in den Sagen von Geldfeuerchen, aber auch in den Märchen, von denen das Sterntaler-Märchen wohl das bekannteste ist.

Vielleicht sind darin sogar alte Erzählungen aufgenommen worden, die auch in der Marburger Landschaft die Herkunft von Schätzen aus dem Regenbogen deuteten?

Hinweis zum Weiterlesen: Niklot Klüßendorf und Siegfried Becker: Notgroschen und sagenhafte Schätze – Fundnumismatik und Volkskunde. In: Hessische Blätter für Volks- und Kulturforschung 47, 2011, S. 167-194

Von Siegfried Becker

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