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Marburg Auch der Bruder belastet den Stiefvater
Marburg Auch der Bruder belastet den Stiefvater
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20:58 30.03.2022
Die Verhandlung um den Vorwurf des sexuellen Missbrauchs findet vor dem Landgericht in Marburg statt (Themenfoto).
Die Verhandlung um den Vorwurf des sexuellen Missbrauchs findet vor dem Landgericht in Marburg statt (Themenfoto). Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Am zweiten Verhandlungstag des Revisionsprozesses um den Vorwurf des sexuellen Missbrauchs eines Mädchens zu Beginn dieses Jahrtausends gab es am Mittwoch (30. März) vor der Ersten Strafkammer des Landgerichts eine unerwartete Zeugenaussage. Der Prozess gegen einen heute 63-Jährigen aus dem Südkreis muss erneut aufgerollt werden, da der Bundesgerichtshof im September 2016 das erstinstanzliche Urteil des Landgerichts vom August 2015 aufhob.

Die Große Jugendstrafkammer urteilte damals auf drei Jahre und sechs Monate Haft – wegen schweren sexuellen Missbrauchs eines Kindes und des Besitzes von kinderpornografischen Schriften sowie wegen exhibitionistischer Handlungen und dem Besitz von Munition. Der Zweite Strafsenat des BGH bemängelte die nicht ausreichende Begründung des Landgerichts, weshalb es zu einem anderen Ergebnis als eine Sachverständige kam. Simone Gallwitz schloss damals mit ihrem aussagepsychologischen Gutachten das Verwerten der Aussage der Tochter aus, weil diese zwar glaube, als Kind missbraucht worden zu sein, es sich aber wahrscheinlich nicht um echte Erinnerungen handele.

Überraschende Äußerungen

Stand die Geschädigte mit ihren belastenden Aussagen bisher alleine da, überraschten am Mittwoch (30. März) die Äußerungen ihres Bruders. Er habe alles mitbekommen und sehe sich als Betroffener und Opfer, antwortete der 50-Jährige der Vorsitzenden Richterin Beate Mengel. Dann berichtete der Bruder von seinem Entschluss, „bei der heutigen Verhandlung“ das öffentlich zu machen, was geschehen sei – obwohl es ihm nicht leicht falle, darüber zu sprechen.

Auch er sei im Alter von zehn Jahren vom Angeklagten, der sich von ihm mit der Hand und auch oral befriedigen ließ, sexuell missbraucht worden. Begonnen habe es am Abend vor dem Polterabend des Ehepaares mit einem Anfassen und habe sich zugespitzt, bis es „bei jeder Gelegenheit“ passierte. Gewalt sei nicht ausgeübt worden. Später wurde ihm klar, dass „da etwas nicht stimmte“ und bei einsetzender Pubertät mit 12 oder 13 Jahren habe er sich gewehrt. Der Stiefvater habe es noch einmal versucht und dann gelassen.

Mutter habe geschwiegen

Gegenüber der Polizei habe er seine Aussage „geschönt“, habe sexuelle Übergriffe verneint, um nicht vor Gericht aussagen zu müssen. An der damaligen Aussage stimme aber, ein Computerspiel als Geschenk dafür abgelehnt zu haben, wenn er es so tue, wie es in einem Heft zu sehen war. Seine Mutter habe von den Übergriffen auf ihn und auch seiner Schwester gewusst, aber geschwiegen, aus Angst, das Haus wieder verlassen zu müssen.

Das alles habe er „tief in mir vergraben“, sprach darüber nur ansatzweise mit einer Freundin, die in ihrem Umfeld Ähnliches erlebte. Auch sein jüngerer Bruder, damals sieben oder acht Jahre alt, habe ihm bei einer Übernachtung im Zelt von gleichgearteten Vorkommnissen mit dem Angeklagten erzählt. Von der exhibitionistischen Neigung des Angeklagten habe er ebenfalls erfahren.

Zeugin berichtet

Dass der Angeklagte auf der Treppe stand und seinen Penis zeigte, „war fast schon Standard“, sagte dazu eine 49-jährige Zeugin später dazu. „Das wusste jeder in der Familie“, wurde aber totgeschwiegen, berichtete die Zeugin weiter. Sie selbst rettete eine Tante aus dem Badezimmer, als sie schrie.

Dorthin habe sie der Angeklagte gebeten, damit sie sein Glied anfasse. Seit diese Ereignisse durch das Vernehmen bei der Polizei in ihr wieder hochkamen, leide sie an Albträumen und Panikattacken und befinde sich „immer noch“ in einer Therapie.

Die Gründe für die Anzeige

„Meine Schwester wird erschüttert sein“, sagte ihr Bruder abschließend, denn er habe nie mit ihr darüber gesprochen. Das mutmaßliche Missbrauchsopfer stieß mit ihren Vorwürfen, als Zwölfjährige vom Vater im Jahr 2004 sexuell missbraucht worden zu sein, den ersten Prozess an. Sie nannte das Vereiteln weiterer Taten sowie dass der Angeklagte bestraft werde, als Motiv für ihre Anzeige. Unter anderem weil sie die damaligen zwei Anwälte des Angeklagten hart angingen und die Aussage sie sehr belastete, will die heute 30-Jährige nicht mehr im Gerichtssaal dabei sein, machte am ersten Prozesstag von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch.

Die Zeugin ist aber damit einverstanden, ihre von der Polizei aufgenommene Aussage vor Gericht verlesen zu lassen. Am ersten Verhandlungstag beantragte der aktuelle Verteidiger des Angeklagten, Rechtsanwalt Frank Richtberg, dass die Gutachterin aus dem ersten Prozess an der neuen Verhandlung teilnehmen solle. Dies verneinte die Erste Strafkammer am Mittwoch (30. März).

Diese sehe keine Veranlassung dazu und sei in ihrer Auswahl frei, begründete Richterin Beate Mengel die Entscheidung. Richtberg stellte während der Zeugenaussage des älteren Bruders fest, dass der Jüngere sich laut Aussageprotokoll nicht an das Gespräch im Zelt erinnern könne.

Von Gianfranco Fain

30.03.2022
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