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Marburg „Auch das muss Afghanistan überleben“
Marburg „Auch das muss Afghanistan überleben“
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18:59 17.10.2021
Ein afghanischer Mann verkauft Taliban-Fahnen vor dem Hintergrund des muslimischen Glaubensbekenntnisses, das an einer Wand der ehemaligen US-Botschaft geschrieben steht.
Ein afghanischer Mann verkauft Taliban-Fahnen vor dem Hintergrund des muslimischen Glaubensbekenntnisses, das an einer Wand der ehemaligen US-Botschaft geschrieben steht. Quelle: Oliver Weiken
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Moischt

Noor Muhammad Ghafury (65) ist Berufspendler – anders, als man denkt. Er pendelt zwischen den Welten: seiner Heimat Afghanistan und seiner Wahlheimat Moischt. Dort lebt er mit seiner Familie. 1992, als der Bürgerkrieg ausbrach, war er aus der Heimat in ein sicheres Land geflüchtet. Damals sei es unmöglich gewesen, von einer Seite des Landes zur anderen zu reisen, sagt Ghafury.

Später entschloss er sich, die Sicherheit in Deutschland gegen das gute Gefühl einzutauschen, in seiner Heimat etwas zu bewirken. Ghafury unterrichtet an der Universität in Kabul. Die meiste Zeit des Jahres verbringt er seit Jahren in dem Land, dem er einst aus Sorge für sich und seine Familie den Rücken gekehrt hat. Davon will er auch jetzt nicht abrücken, obwohl Afghanistan nach der Machtergreifung durch die Taliban in die nächste Krise gestürzt ist.

Basisdemokratie, Freiheit und Frieden

Schon als junger Mann engagierte sich Ghafury politisch. Sein Credo: Basisdemokratie, Freiheit und Frieden. Auch nach der Machtübernahme durch die Taliban will Ghafury weiter junge Menschen unterrichten und sich sozial engagieren – er unterstützt eine Schule für Mädchen und behält die Frauenrechte im Blick. Zwar müsse er keine Verfolgung fürchten, doch er weiß: Niemand ist sicher vor der Rache eines Einzelnen.

Auch politisch will Ghafury weitermachen. Er und seine Mitstreiter hätten sich Ende September getroffen – wenn auch nur virtuell. Sie wollen ihre politische Arbeit fortsetzen, weil sie daran glauben, dass sich letztlich die demokratischen Kräfte in Afghanistan durchsetzen werden. Dass die Situation im Land kippt, war für Ghafury offensichtlich – jedes Mal, wenn er von Deutschland nach Kabul zurückkehrte. Mehr und mehr habe sich das Verhältnis zu den Ausländern im Land verschlechtert. „Statt Krieg gegen die Terroristen wurde Krieg gegen die Bevölkerung geführt“, sagt er.

Die Menschen hätten gehofft, dass Amerika und die Nato Verbesserungen bringen. In der Realität habe das Militär Afghanistan keinen Frieden gebracht, sondern den Krieg verstärkt. Die Schere zwischen Arm und Reich sei immer größer geworden. Die geleistete humanitäre Hilfe von Billionen US-Dollar habe nur ein korruptes Milieu hervorgebracht. Denn: „Wo sind die Fabriken, die davon gebaut wurden?“, fragt Ghafury und gibt darauf selbst die Antwort: „Das Geld ist in private Taschen geflossen!“

„Freie Wahlen gab es nicht“

Das seien die Gründe, warum sich die „normalen Leute“ gegen die Regierung gestellt haben und warum die Taliban an der Macht sind. Vor dem Einmarsch der Amerikaner seien die Menschenrechte in den Dörfern missachtet worden und danach ebenfalls. „Freie Wahlen gab es nicht, stattdessen Arbeitslosigkeit und Krieg. Täglich starben Menschen“, sagt Ghafury. Die USA und die Nato hätten nicht verstanden, dass man den Konflikt in Afghanistan nicht mit Krieg lösen kann. Den friedlichen und demokratischen Weg habe man nicht eingeschlagen. „Am Ende ist das gekommen, was wir jetzt in Afghanistan sehen. Die USA sitzen mit den Taliban am Verhandlungstisch“, sagt der 65-Jährige.

Ghafury beschreibt die Taliban als fundamentalistisch-religiöse Gruppe, die wie vor 400 Jahren leben will. „Auch das muss Afghanistan überleben“, sagt Ghafury. Was kann man tun? „Geduld haben!“, sagt Ghafury. Zu versuchen, die Taliban durch Krieg „wegzuräumen“, löse nicht das Problem.

Der Talibanismus lasse sich nur durch Aufklärung besiegen. „Die Taliban sind Menschen mit einer bestimmten Idee. Sie haben die Waffen, wir den Glauben an die Demokratie. Entscheidend sei, dass die Weltengemeinschaft weiter wirtschaftliche Hilfe leistet, um die Situation der Bevölkerung verbessern.

„Dann wird der Fundamentalismus politisch und wissenschaftlich besiegt“, glaubt Ghafury.

Noch ist der 65-Jährige bei seiner Familie in Moischt. Doch wenn das Hochschulleben in Afghanistan wieder startet, packt er seine Koffer und macht sich auf den Weg in seine Heimat, die – vielleicht – eines Tages ein sicherer Hafen sein wird.

Von Silke Pfeifer-Sternke

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