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Marburg Coronavirus war unbekannter Erreger
Marburg Coronavirus war unbekannter Erreger
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14:58 02.01.2021
Professor Jürgen Schäfer arbeitet am Zentrum für seltene und unerkannte Krankheiten. . Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Die Corona-Pandemie hat in den vergangenen Monaten unter anderem dazu geführt, dass die Notfallaufnahme im Uni-Klinikum weniger stark frequentiert wird. Aber auch im Zentrum für unerkannte und seltene Erkrankungen (Zuse), das am Marburger Uni-Klinikum angesiedelt ist, gibt es in Zeiten der Pandemie spürbar weniger Anfragen von Patienten, berichtet Professor Jürgen Schäfer auf OP-Anfrage. Der „deutsche Doctor House“ erzählte der OP, dass es in den vergangenen Monaten rund die Hälfte weniger Anrufe gegeben habe als sonst.

Das gehe wohl auf einen ähnlichen psychologischen Effekt wie in der Notaufnahme zurück, schätzt Schäfer. Denn obwohl die Patienten eigentlich keine Angst haben müssten, schrecken sie doch aus Angst vor einer Corona-Ansteckung derzeit eher davor zurück, sich in ein Krankenhaus zu begeben.

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Anscheinend gilt das so ähnlich selbst für den Erstkontakt von Patienten, der im Falle des Marburger Spezialzentrums üblicherweise schriftlich oder per Telefon vonstatten geht. Dort melden sich üblicherweise Menschen aus ganz Deutschland, die bereits seit vielen Jahren an starken Beschwerden leiden, aber über die üblichen Behandlungsoptionen im Gesundheitswesen nicht weitergekommen sind. „Akut haben sie andere Probleme. Auch wenn sie beispielsweise seit zehn Jahren starke Bauchschmerzen haben, so kommt jetzt die Sorge vor einer Virusinfektion hinzu“, erläutert Schäfer.

Die Ansteckungsangst führe also zu einer Überlagerung der ursprünglichen Probleme, aufgrund derer sich viele Patienten an das Marburger Zentrum gewendet haben. Für die „Zuse“-Mitarbeiter bedeutet das zunächst eine gewisse Arbeitsentlastung. „Aber uns wird nicht langweilig“, betont der Zentrumschef.

So werden beispielsweise Mitarbeiter des Zentrums auch dringend benötigt, um auf der Covid-Station des Marburger Klinikums mitzuarbeiten. Zudem gründete Schäfer eine Art kleine „Covid-Task-Force“, bei der die Zentrumsmitarbeiter regelmäßig einmal die Woche zusammenkommen, um sich Gedanken zu machen über die Virusbekämpfung. Die Treffen finden Corona-bedingt im kleineren Kreis statt als die vorher in größerer Runde üblichen Brainstorming-Treffen des Zentrums. Sie sollen vornehmlich dazu dienen, auch jenseits der Expertise von Virologen oder Epidemiologen aus medizinischer Sicht eventuell ungewöhnliche Herangehensweisen an die Corona-Problematik zusammenzutragen oder neue Fragen zu stellen.

Jürgen Schäfer berichtet, dass es auch schon erste Früchte dieses „Corona“-Brainstormings gibt. So wurde ein Diskussionspapier sogar als „Leserzuschrift“ im renommierten Medizin-Fachblatt „New England Medicine Journal“ abgedruckt.

Zudem ist das Marburger „Zuse“-Zentrum in Kooperation mit der nordhessischen Pharmafirma Braun Melsungen an einer Studie beteiligt, in der eine Art „künstlicher Nase“ getestet wird, die als ein „Corona-Detektor funktionieren soll. Der Ausgangspunkt für diese Idee war die Tatsache, dass es Hunde gibt, die mit Hilfe ihres Geruchssinnes an Covid-19 erkrankte Menschen aufspüren können. An der Studie beteiligen sich jetzt 400 ambulante Covid-19-Patienten, die mit leichten Verläufen erkrankt sind und nicht mit Fieber in der Klinik liegen.

Die Geschichte der Corona-Pandemie dient für Professor Schäfer insgesamt auch als ein Beispiel dafür, dass man seltene und unerkannte Krankheiten nicht unterschätzen sollte und somit auch als ein Plädoyer für die Bedeutung der Erforschung seltener Krankheiten. „Das Coronavirus war am Anfang auch eine Art unbekannter Erreger, den wir nicht einschätzen konnten“, berichtet Schäfer. „Auch anfänglich seltene Erkrankungen können je nach den Rahmenbedingungen innerhalb kurzer Zeit zu einer weltweiten Bedrohung werden“.

Als weiteres Beispiel neben dem Coronavirus nennt Schäfer in Zeiten des Klimawandels beispielsweise Tropenkrankheiten, die derzeit kaum in Deutschland verbreitet seien. Man müsse aber auf eine globalere Verbreitung solcher Krankheiten vorbereitet sein.

Von Manfred Hitzeroth

02.01.2021
01.01.2021
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