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Marburg Asylhelfer wären „gerne überflüssig“
Marburg Asylhelfer wären „gerne überflüssig“
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07:59 12.07.2019
Charlotte Büchi ist eine von acht Freiwilligen, die über die Asylbegleitung Mittelhessen in der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung in Neustadt Kindern Deutschunterricht geben. Quelle: Tobias Kunz
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Marburg

Mitglieder der Asylbegleitung Mittelhessen bringen in der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung in Neustadt Flüchtlingskindern Deutsch bei.

Obwohl die Kinder im schulpflichtigen Alter sind, erhalten sie ohne die Hilfe der Ehrenamtlichen keinen Unterricht, sagt Stefan Stein vom Vorstand der Asylbegleitung.

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Und das, obwohl die hessische Landesregierung in ihrem Koalitionsvertrag als Ziel festgehalten hat, „dass alle schulpflichtigen Kinder und Jugendliche in den Erstaufnahmeeinrichtungen des Landes spätestens ab dem dritten Monat ihres Aufenthalts in der Einrichtung eine Schule besuchen können“.

Flüchtlingskinder teils monatelang ohne Bildung

Auf Anfragen an verschiedene hessische Ministerien konnten ihm die dortigen Mitarbeiter keine Antwort geben, ab wann die Landesregierung gedenkt, ihren Vorsatz umzusetzen, sagt Stein. Laut Ina Velte, Dezernentin für Ehrenamt im Regierungspräsidium Gießen, bleiben die Kinder im Schnitt sechs bis acht Wochen in den Erstaufnahmeeinrichtungen.

Die Mitglieder der Asylbegleitung haben jedoch andere Erfahrungen gemacht. Charlotte Büchi, die für den Verein Unterricht in Neustadt gibt, sagt, dass viele Kinder weit über ein halbes Jahr in der Erstaufnahmeeinrichtung bleiben. Manche, so Büchi, erhalten bis zu einem Jahr keine Bildung.

Asylbegleitung Mittelhessen

Der Verein Asylbegleitung Mittelhessen ist im Januar 2014 von einer Gruppe von Studierenden der Philipps-Universität Marburg gegründet worden. Ziel war zunächst, auf unbürokratischem Wege Deutschkurse für Geflüchtete im Kreis Marburg anzubieten.

Seitdem sind nicht nur die Tätigkeitsfelder des Vereins vielfältiger geworden, sondern auch seine Mitglieder: Zirka 80 Menschen gibt es aktuell, rund 30 Mitglieder darunter beteiligen sich aktiv an den Angeboten des Vereins.

Weitere Informationen unter www.asylbegleitung-mittelhessen.de im Internet.     

Um dem entgegenzuwirken, unterrichten acht Mitglieder der Asylbegleitung seit Sommer 2018 zweimal pro Woche in der „Zwergenschule“ Flüchtlinge im schulpflichtigen Alter.

Für die Freiwilligen kein leichtes Unterfangen, wie Stella Lossy vom Vorstand der Asylbegleitung erklärt. Dadurch, dass die Bewohner ständig wechseln, ist „kaum zusammenhängender Unterricht möglich“, sagt Lossy, die die „Zwergenschule“ organisiert.

Die Ehrenamtler bereiten zwar etwas vor, müssen aber vor Ort spontan entscheiden, was sie wirklich mit den Kindern machen. Denn die Vorkenntnisse der jungen Flüchtlinge sind sehr unterschiedlich.

Manche können etwas Deutsch oder Englisch, wieder ­andere können noch gar nicht lesen oder schreiben. „Wir wissen nie, wer da ist und wie der Sprachstand ist“, sagt Charlotte Büchi. Hinzu kommt, dass nur die wenigsten Freiwilligen Lehramt studieren.

Viereinhalb Stunden pro Unterrichtseinheit

Trotz der schwierigen Bedingungen lassen sich die Ehrenamtlichen aber nicht von ihrem Vorhaben abbringen. „Alles, was wir machen, ist ein Mehr für die Kinder, weil sie ansonsten überhaupt keinen Unterricht erhalten“, sagt Büchi. Aufgrund der Entfernung von Marburg nach Neustadt wollte sie sich zunächst einmal die Arbeit vor Ort anschauen.

Die Situation der Kinder habe sie aber „emotional so sehr berührt und aufgeregt“, dass sie sich dazu entschied, dabei zu bleiben. Da Büchi mit dem Zug fährt, investiert sie pro Unterrichtseinheit knapp viereinhalb Stunden ihrer Zeit – freiwillig und unentgeltlich.

Einsatz richtet sich nach Bedarf vor Ort

Die Asylbegleitung Mittelhessen sucht weitere ­Interessierte, die in ihrem Verein mitwirken wollen. Gerade in den Semesterferien sei es schwer, den Unterricht sicher anbieten zu können. Mit weiteren Freiwilligen könnte der Verein zusätzliche Tage abdecken. Es sei aber nicht zwingend, „sich auf Dauer zu verpflichten“, sagt Lossy.

Die Asylbegleitung orientiert sich in ihrer Arbeit nach dem Bedarf vor Ort, sagt Stein. Auch in anderen Unterkünften haben Vereinsmitglieder schon Unterricht gegeben. Aber nur, „wenn es notwendig war und nicht die Volkshochschule oder die Kommunen selbst schon Unterricht organisiert haben“, sagt Stein. Am liebsten ist ihm aber, wenn sein Verein erst gar nicht dafür gebraucht wird. „Wir wären gerne überflüssig“, sagt er.

von Tobias Kunz

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