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Marburg Diese Frauen wollen Flüchtlingen helfen
Marburg Diese Frauen wollen Flüchtlingen helfen
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16:00 05.03.2020
Die Flüchtlingshelferinnen der Initiative „200 nach Marburg“: Gabriele Borgemeister (von links), Marita Gabrian und Karin Schwalm. Quelle: Privatfoto
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Marburg

„Wir sind bereit“ – das sagen die Aktivistinnen der Initiative „200 nach Marburg“. Für den Fall, dass sich angesichts der aktuellen Krise in Griechenland, Türkei und Syrien die Flüchtlings-Bewegung gen Deutschland aus dem Jahr 2015 wiederholen würde, könne sich jedenfalls in Marburg „die Hilfsbereitschaft, die helfenden Menschen re-aktivieren lassen“, sagt Marita Gabrian.

Flüchtlings-Erstaufnahme-Einrichtung in Cappel für Feuerwehr-Neubau freigegeben

Aber: Es könne sich rächen, dass der Magistrat die Flüchtlings-Erstaufnahme-Einrichtung in Cappel geschlossen, das Gelände unter anderem für einen Feuerwehr-Neubau freigegeben habe. So könne ein „hausgemachter Mangel an Aufnahme-Kapazitäten“ entstehen, zumal sich nur die Flüchtlingszahlen seit 2016 verringert hätten, keinesfalls aber die Ursache – Krieg und Elend speziell in Syrien – bekämpft worden sei. „Wir drehen uns lieber im Kreis, als Menschen praktisch zu helfen“, sagt Karin Schwalm. Sie und ihre Mitstreiter haben das „Ignorieren von Zivilgesellschaft, das Mit-Füßen-Treten des Helfer-Engagements“ satt, sie fordern schnelle Hilfe für die Flüchtlinge, die etwa im „Camp Moria“ auf Lesbos leben oder anderswo an geschlossenen Grenzen oder in Lagern ausharren.

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150 Städte in Deutschland sind Bereit freiwillig Flüchtlinge aufzunehmen

„Naiv sind wir nicht, natürlich kann Deutschland nicht alle aufnehmen. Aber es kann mehr getan werden, das was geht, muss auch gehen können“, sagt Gabriele Borgemeister. „Die Basis ist da“, sagt sie mit Verweis auf rund weitere 150 Städte bundesweit, die sich teils schon vor Jahren zur freiwilligen Flüchtlingsaufnahme bereiterklärt haben. So auch Marburg, das im Jahr 2016 einen Parlamentsbeschluss fasste, um eben 200 zusätzliche Flüchtlinge von den griechischen Inseln nach Marburg zu holen. Eine Forderung, die jahrelang an Zuständigkeits-Gerangel zwischen Land und Bund scheiterte und bis heute versandet. „Erneut sehen wir zu, wie eine Situation eskaliert und immer unerträglicher wird. Die Menschen werden sich auf den Weg machen, so oder so. Wir müssen vorbereitet sein, steuern wie, wo und was wir können. Die Lage ist jetzt ernst, also müssen wir auch jetzt und schnell handeln.“ In Marburg und anderswo, das habe man bewiesen, könne angesichts des „menschenfreundlichen Klimas“ mehr gestemmt werden als anderswo.

Außer „Rumeierei und Rausrederei“ hat sich nichts getan

Ihnen tue es jedenfalls „weh, immer über so viel unsägliches Leid zu erfahren“ und dann die europaweite Untätigkeit zu sehen. Denn außer „Rumeierei und Rausrederei“ der Verantwortlichen, so Borgemeister, habe sich an der Situation, der Forderung der 200er-Initiative nichts getan. Fast vier Jahre – und keinem einzigen freiwilligen Flüchtling mehr in Marburg – nachdem sie ihre Forderung formuliert haben, ist das Bündnis daher zwar frustriert – aber aufgeben wollen und werden sie nach eigenen Angaben nicht. „Wenn man die Menschen kennt, ihnen begegnet ist, sie begleitet, dann kann man gar nicht mehr anders als zu helfen, dranzubleiben, weiterzumachen“, sagt Borgemeister, die wie viele aus dem 200er-Bündnis einst in der Cappeller Erstaufnahme ehrenamtlich arbeiteten, etwa Deutschkurse gaben und bis heute Asylbewerber in der Stadt und im Landkreis betreuen. „Kennt man die Menschen, kann man nicht mehr einfach so über sie und ihre Schicksale, ihre Gefühle weggehen“, sagt Gabrian. Was sie auch den heimischen Politikern vorwerfen: ein Rückzug auf die Rechtslage. „Sie verlieren sich im juristischen Irrgarten und verlieren völlig den Blick für die Menschen“, sagt Schwalm. Aber selbst die Rechtslage, die von Landes-Politikern und hessischen Behörden immer wieder vorgebracht wird, ist offenbar keinesfalls eindeutig: Ein juristisches Gutachten der Universität Hamburg, das der OP exklusiv vorliegt, sieht die „Aufnahme von Schutzsuchenden aus einem EU-Mitgliedsstaat durch Bundesländer als rechtlich zulässig“ an. Demnach hätten Landesbehörden ein „weites Entschließungs-Ermessen“ und die Aufnahme dürfe „ungeachtet eines Asylverfahrens erfolgen“. Sollten Bundesministerien einschreiten, sei das unzulässig, der Schritt würde bei Überprüfung des Bundesverfassungsgerichts wahrscheinlich nicht standhalten.

Mit einer Postkarten-Aktion – rund 1000 Stück sind bisher an Landespolitiker verschickt worden – fordern die Marburger aktuell eine Umsetzung des seit mehr als einem Jahr angekündigten Landesaufnahme-Programms durch die hessische Regierung. Borgemeister: Mehr noch als 2015 laufe man im Jahr 2020 „sehenden Auges in die Krise“. Integration sei „keine chamäleonhafte Anpassung“ von Ausländern, sondern ein „gegenseitiges Lernen“. „Wir alle gewinnen, jeder profitiert – einzeln wie als Gesellschaft. Deshalb machen wir weiter“, sagt Schwalm.

Von Björn Wisker