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Marburg Asklepios hat Mehrheit im Rhön-Konzern
Marburg Asklepios hat Mehrheit im Rhön-Konzern
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22:00 06.03.2020
UKGM Marburg. Quelle: Thorsten Richter
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Bad Neustadt

Die Klinikkette Asklepios hat sich schon vor Beginn des Übernahmeangebots die Mehrheit am Konkurrenten Rhön-Klinikum gesichert. Man habe ein weiteres Aktienpaket von rund 1,08 Prozent der Stimmrechte zum Preis von 18 Euro je Aktie erworben, teilte Asklepios am Mittwoch in Hamburg mit. Damit ergattere Asklepios in der Gemeinschaftsfirma mit Rhön-Gründer Eugen Münch eine Stimmrechtsmehrheit von knapp über 50 Prozent an Rhön.

Am Freitag hatte Asklepios erklärt, Rhön-Klinikum übernehmen zu wollen. Das Asklepios-Aktienpaket und die Anteile von Familie Münch wurden in einer Gemeinschaftsfirma gebündelt, die auf 49 Prozent an Rhön kommt. Die Hamburger und der Rhön-Gründer wollen mit ihrem Übernahmeangebot von 18 Euro je Aktie möglichst viele Rhön-Anteile einsammeln. Dabei hat der hessische Medizintechnik-Hersteller B. Braun ein Wort mitzureden: Er hält gut 25 Prozent an Rhön. Ob B. Braun sein Paket verkauft, wollte das Unternehmen nicht sagen.

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Mit dem Deal würden sich zwei führende Klinik-Konzerne in Deutschland hinter Platzhirsch Fresenius Helios zusammenschließen. Rhön behandelte vergangenes Jahr mehr als 860 000 Patienten, Asklepios versorgte 2018 rund 2,3 Millionen Kranke. Während Asklepios in 160 Gesundheitseinrichtungen in Deutschland vertreten ist, betreibt Rhön Krankenhäuser in Bayern, Thüringen, Brandenburg und Hessen.

Verdi fürchtet Folgen für die Beschäftigten

Die Übernahme, die im zweiten Quartal abgeschlossen sein soll, würde auch das lange Tauziehen um Rhön beenden. Schon 2012 wollte Münch Rhön-Klinikum mit Fresenius Helios fusionieren. Daraufhin stiegen Asklepios und B. Braun bei Rhön ein und verhinderten den Deal. Lediglich 40 Rhön-Krankenhäuser gingen am Ende an Helios.

Verdi fürchtet Folgen für die Beschäftigten des Universitätsklinikums Gießen-Marburg, das mehrheitlich im Besitz von Rhön liegt. Asklepios zeige sich in Hessen bislang als rein renditeorientierter Konzern, erklärte die Gewerkschaft.Die mögliche Übernahme der Rhön-Klinikum AG durch den Mitbewerber Asklepios traf offenbar den Aufsichtsrat des Konzerns völlig überraschend. Das geht aus einem internen Brief des Vorstands an die Mitarbeiter vor, der der OP vorliegt. In dem Schreiben vom 2. März heißt es: „Der Vorstand der Rhön-Klinikum AG war bislang nicht eingebunden.“

Demnach hat Asklepios seinen Aktionären ein Übernahmeangebot in Höhe von 18 Euro je Aktie gemacht. Jedoch schränkt der Vorstand ein: „Aktuell hat Asklepios zunächst seine Übernahmeabsicht erklärt. Ein formales Übernahmeangebot, einschließlich einer detaillierten Angebotsunterlage, liegt noch nicht vor.“ Folglich kenne man derzeit nur wenige Details – daher könne es noch einige Monate dauern, bis ein Ergebnis vorliege.

Dem Vorstand sei bewusst, dass die Mitarbeiter zahlreiche Fragen hätten. In dem Brief stellt er jedoch klar: „Arbeits- und Dienstverträge, alle bestehenden Tarifverträge wie auch Vereinbarungen mit den Mitgesellschaftern wie zum Beispiel mit dem Land Hessen werden aktuell natürlich weiter Bestand haben.“

Brief von Eugen Münch an die Mitarbeiter

Auch Rhön-Patriarch Eugen Münch hat sich mit einem Brief an die Mitarbeiter des Konzerns gewandt – und verteidigt darin die Entscheidung. „Sie haben aus den Medien die Nachrichten zu einem Übernahmeangebot durch Asklepios und eine gemeinsame Gesellschaft, die Asklepios und ich gebildet haben, gelesen. Dies ist ein Schritt, mit dem wir eine für unser Unternehmen schädliche Pattsituation beenden, damit wir mit unserem Können, unseren Ideen und den an allen unseren Standorten sichtbaren neuen Lösungen, um die uns andere Krankenhäuser und Gesundheitseinrichtungen landauf und landab beneiden, wieder entschlossen und vorwärts gewandt gehen können“, schreibt er.

Die bei der Verkleinerung des Unternehmens durch den Verkauf zahlreicher Kliniken entstandene Aufteilung der Eigentümerseite in die Gruppen Braun, Asklepios und Münch habe laut Münch dazu geführt, „dass eine klare Eigentümer-Führung fehlte. Über Jahre habe ich, da meine Zeit naturbedingt begrenzt ist, versucht, hier eine Lösung zu finden“, schreibt Münch. Es seien „fehlgerichtete Folgen“ eingetreten, zudem habe es „nicht sachorientiertes Verhalten und Richtungsverlust“ gegeben – das hätten einige auch für sich ausgenutzt.

Münch schreibt: „Die Ausrichtung durch die Eigentümer, die bei weitreichenden Entscheidungen Verantwortung übernehmen, Sicherheit und Deckung geben müssen, hat gefehlt, weil sie gegenseitig neutralisiert waren. Es ist beziehungsweise war wie bei der Kindererziehung, bei der jeder Elternteil eine andere Position einnimmt.“

Zahlreiche politische und regulatorische Entscheidungen sowie der Fachkräftemangel hätten sich in dem „bisherigen desaströsen Börsenkurs der letzten Monate niedergeschlagen. Der Wert des Unternehmens wurde auf eine ausschließliche Abhängigkeit vom Gewinn und den Ergebnissen vor Steuern und Abschreibungen reduziert“. Mit dem Zusammenschluss auf der Eigentümerseite werde das Patt beendet. „Damit kommen zwei Unternehmen zusammen, von denen Asklepios die Vorteile des Großunternehmens, wie eine große Einkaufsmacht, besondere Erfahrungen bei der Beschaffung von Pflegekräften und der Organisation eines effizienten Tagesgeschäftes, einbringen kann.“ Seine eigene Rolle sieht Münch darin, „die Gene, welche die Rhön-Klinikum AG in diese Beziehung einbringt und die ursächlich sind für diese Spitzenleistungen, zu bewahren, weiter zu entwickeln und zu beschützen sowie unseren Vorstand und den Aufsichtsrat dabei in seiner besonderen Funktion zu unterstützen und zu begleiten.“

Von Andreas Schmidt