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Marburg „Die Corona-Angst isst die Realität auf“
Marburg „Die Corona-Angst isst die Realität auf“
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20:10 27.10.2020
Dr. Ortwin Schuchardt, Hausarzt mit Praxis in Stadtallendorf und im Vorstand des Mediziner-Netzwerks "PriMa" kritisiert den Umgang mit der Corona-Pandemie. Er sagt: Wir wissen mittlerweile genug über das Virus, um eine gewisse Normalität im Alltag zuzulassen. Quelle: Björn Wisker
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Stadtallendorf

Im OP-Interview kritisiert Dr. Ortwin Schuchardt, einer der bekanntesten Ärzte des Landkreises Marburg-Biedenkopf und im Vorstand des heimischen Mediziner-Netzwerks „PriMa“, den Umgang mit der Corona-Pandemie.

Wie sehr beschäftigt Sie das Coronavirus?

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Dr. Ortwin Schuchardt: Die Balance ist aus den Fugen geraten. Medizinisch bereitet uns Hausärzten Corona praktisch keine Probleme, vielmehr belasten uns die Tests und Bürokratie. Ja, es gibt in der Region einige Hundert Infizierte, aber eben kaum ernsthaft Kranke. Wir sehen kaum Katastrophenfälle. Anders sieht es jenseits von Corona aus: Die normalen, auch schweren Krankheiten finden weiter statt und werden von Covid-19 und den eingesetzten Ressourcen überlagert.

Wie bewerten Sie die Kategorie der Neuinfektionen – 50 pro 100 000 Einwohner binnen 7 Tagen – als einzige Bezugsgröße der Corona-Bekämpfung?

Schuchardt: Ein Schwellenwert, in welcher Höhe auch immer, ist sinnvoll, schafft Vergleichbarkeiten. Aber alleine gestellt ist die Zahl ein großes Problem. Zum einen, weil ein Positiv-Test nicht gleich krank, gar lebensgefährdet bedeutet. Zum anderen, weil ohne andere Bezugsgrößen keine Einordnung, schon gar keine nüchterne Betrachtung des Pandemieverlaufs stattfindet. Nur mit einer Gesamtschau geht das. Und dazu gehören eben auch Zahlen, welche Altersgruppe erkrankt, wie viele schwere Verläufe es gibt, wie stationäre Belegungszahlen, die Beatmungs-Kapazitäten und der flächendeckende Druck auf das Gesundheitssystem sind.

Klingt nach: Alles nicht so schlimm.

Schuchardt: Die Sorge, sich anzustecken, ist berechtigt. Viele werden erkranken, aber eben nicht schwer bis lebensbedrohlich. Diese Angst isst die Realität auf. Es geht nicht um Herunterspielen oder Ignorieren, sondern um Maß halten. Wir sind gut beraten, Covid-19 ernst zu nehmen. Diese Spirale aus Angst, Unruhe und hektischen Maßnahmen ist aber ungesund. Viele Menschen scheinen nicht bereit zu sein, ein Stück weit Biologie, dass etwas schiefgehen und Menschen sterben können, zu akzeptieren. Wir werden alle sterben. Irgendwann – aber nicht notwendigerweise an Corona. Das wird sich auch in der Sterblichkeits-Statistik zeigen. Klar, wenn das Virus in Altenheime gelangt, gibt es leider Tote. Und auch Unter-70-Jährige werden mal daran sterben, das wird aber die Ausnahme sein.

„Ton bestimmen die, die weit wegvom Pandemie-Alltag sind“

Gesundheits-, gar Lebensschutz steht seit Corona aber über allem.

Schuchardt: Als Arzt ist es meine Prämisse, jedes Leben zu schützen, zu fördern. Aber es ist gesellschaftlich ein Optimierungs-Gebäude errichtet worden, in dem es kein Leid, keinen Schmerz, keine Krankheit und schon gar keinen Tod gibt. Jederzeit ist für jeden alles rauszuholen – bis hin zum unbedingten Lebensschutz. Andererseits akzeptieren wir Tote, indem alle stillschweigend Risiken eingehen, obwohl manches noch so irre ist. Die eigene Endlichkeit zu verdrängen, ist zwar menschlich. Aber es geht eine als Vorsicht getarnte Angst um, auch weil viele weiter so tun, als ob wir nichts über das Virus wissen. Das stimmt jedoch nicht.

Wieso ist das so?

Schuchardt: Es bestimmen diejenigen den Ton und Kurs, die weit weg von der Pandemie, den Alltagsproblemen sind. Die wissenschaftliche, die virologische, die epidemiologische Perspektive ist wichtig. Aber es sind oft Labor- und Krankenhausperspektiven, die kaum etwas mit dem zu tun haben, was die Menschen in der hausärztlichen Versorgung bewegt und was wir Hausärzte sehen. Der Fokus liegt auf den vielleicht fünf Prozent, die nicht im ambulanten Bereich, sondern auf Intensivstationen behandelt werden müssen. Das ist die falsche Bezugsgröße, wir müssen uns beim Umgang mit Corona auf die große Masse, nicht auf Extremverläufe konzentrieren.

Das klingt nach Vorwürfen in Richtung Politik.

Schuchardt: Es gibt heute mehr Infizierte denn je, aber wir haben kein Problem, obwohl das Virus ja nicht lieber geworden ist. Wir könnten mit angezogener Handbremse weiterfahren, wir müssen nicht stehenbleiben. Verschärfungen, Drohungen, Lockdown: Das ist nicht die Aufgabe, sondern Lebensqualität kreativ zu ermöglichen. Vieles ist aus meiner Sicht Aktionismus, etwa erst Räume zu lüften und draußen dann Maskenpflicht einzuführen. So kippt die Stimmung und man erreicht das Gegenteil von dem, was man wollte: Weniger Menschen halten das nötige Wachsamkeits-Niveau. Politiker und Behörden müssen zwar undankbare Entscheidungen treffen, sie wollen Stärke demonstrieren. Was wir medizinisch geschafft, gelernt haben, fällt so aber völlig hinten runter. Seit langem ist es ganz viel Politik und sehr wenig Medizin. Der Doktor sagt: Wir kriegen das hin – das ist unsexy, will keiner hören.

„Wenn wir Wissen nicht anwenden, kommen wir nie aus dem Ist-Zustand“

Wie schätzen Sie den immer wieder genannten Grippe-Vergleich ein?

Schuchardt: Corona und Grippe sind auf mikroskopischer Ebene im Labor verschieden, aber die Symptome – also das in der Praxis Entscheidende – sind nun mal ähnlich. Das gilt auch für die Genesung, viele Influenza-Kranke, auch junge Leute, schleppen Folgeschäden noch lange mit sich rum. Allerdings setzen viele die echte Grippe leider mit grippalem Infekt gleich und glauben deshalb, das sei nicht so wild und ignorieren selbst sinnvolle Corona-Schutzvorgaben wie Maske oder Abstand. Aber: Wer Influenza hatte, will sie nicht nochmal kriegen. An ihr sterben Menschen, wie an Coronaviren eben auch. Ein echter Unterschied scheint zu sein, dass bei Corona mehr Komplikationen auftreten können. Etwa, dass oft Blutgerinnsel entstehen, die zu tödlichen Lungen-Embolien führen können. Wir haben aber gelernt, dass der Einsatz von Heparin in bestimmten Fällen hier die Lebensgefahr deutlich reduziert. Ärzte werden von Corona nicht mehr überrascht, wir wissen seit dem Frühjahr viel mehr.

Worauf würden Sie bei der Corona-Bekämpfung den Fokus legen?

Schuchardt: Wir haben doch gelernt, wo das auch bezogen auf Krankenhaus-Kapazitäten auftretende Problem liegt: Wenn das Virus in Alten- und Seniorenheime kommt, es sich dort verbreiten kann und man nicht ebenso schnell wie richtig reagiert. Um solche Einrichtungen müssen wir daher einen Schutzwall ziehen. Die medizinischen Test-Kapazitäten müssen wir dort hin verschieben, nicht in die Breite, auch nicht in Schulen. Nach allem was man weiß, sind – Stichwort Hauptinfektionsgruppe 20- bis 59-Jährige – Erwachsene eher für Kinder ein Infektionsrisiko als umgekehrt. Wenn wir das Wissen aber nicht anwenden, kommen wir nie aus dem Ist-Zustand.

Sie fordern letztlich, das Leben mit Corona-Vorsicht wieder aufzunehmen. Wie kann das gelingen?

Schuchardt: Die entscheidende Frage ist doch, wie lange man diesen Alarmzustand als Gesellschaft wie als Einzelner durchhalten will und kann. Wir müssen allen wieder Freude ermöglichen, jeden möglichst viel vom Leben mitnehmen lassen. Dazu gehören für viele zumal jüngere Menschen eben Partys, Konzerte, Reisen. Ich sehe Corona-Schnelltests als absolut geeignetes Mittel, um wieder in einen normaleren Alltag, zumindest zu einem ruhigeren Umgang mit dem Virus zu kommen. Wenn ein Selbstzahl-Schnelltest vorerst der Preis ist, damit niemand das schlechte Gewissen haben muss, eventuell seine Oma umzubringen – bitteschön. Wir brauchen Lösungen, das Leben in der Pandemie zu ermöglichen und nicht alles weiter vom Virus bestimmen zu lassen. Denn 2021 wird sich, egal was mit der Impfstoff-Entwicklung geschieht, nicht sehr viel ändern. Zwei Jahre wird es sicher bis zur Normalisierung dauern, bis dahin können und müssen wir nüchternen Umgang lernen. Wir dürfen nur die Wachsamkeits-Grenze nicht unterschreiten – aber die Latte dafür sollte man nicht ewig hoch legen.

Von Björn Wisker

27.10.2020
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