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Marburg Arbeitsminister besucht Erna Rein
Marburg Arbeitsminister besucht Erna Rein
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19:41 25.07.2019
Gefilmt von mehreren Kamerateams steht Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) bei Erna Rein an der Kasse des Cappeler Edeka-Marktes.  Zur Gratulation gab‘s auch einen Blumenstrauß.  Quelle: Nadine Weigel
Cappel

Im Cappeler Edeka-Markt kann es schon eng werden, wenn sich zwei Kunden zwischen den Regalen begegnen. Wenn dann zusätzlich noch Rundfunk- und Fernsehteams ihre Kameras und Mikrofongalgen zwischen Toilettenpapier und Weichspüler umherwuchten, dann wird der Platz hinter der Scannerkasse zum sichersten Örtchen im ganzen Laden. Dort saß am Donnerstag die 90-jährige Erna Rein, so wie sie es jeden Tag seit der Geschäftseröffnung im Jahr 1953 getan hat.

Als Erna Rein im April Geburtstag feierte (die OP berichtete), hatte es schon einmal großen Medienrummel um „Deutschlands älteste Supermarktkassiererin“ gegeben – im fernen Berlin saß zu der Zeit Bundesarbeitsminister Hubertus Heil vor dem Fernsehgerät und beschloss, die Frau zu besuchen, die immer noch voll im Berufsleben steht und sich während der ganzen Jahre nicht einen Tag Urlaub gegönnt hat.

„Hat er sich wenigstens anständig benommen?“

Blumen hat er mitgebracht, der Sozialdemokrat aus dem Groko-Kabinett, und einen kleinen Berliner Bären. Während sich Erna Reins Kundschaft an den Journalisten, Tontechnikern und Kameraleuten vorbeidrängelt, plaudert die Frau an der Kasse mit Hubertus Heil, der zum Beispiel wissen will, ob seine Gesprächspartnerin zu Beginn ihres Berufslebens damit gerechnet hat, so lange im Supermarkt die Stellung zu halten. „Ach wissen Sie, am Anfang, da denkt man doch gar nicht so weit“, antwortet sie, während die achtjährige Samri ihren Einkauf aufs Band legt und die Artikel mit dem Zettel vergleicht, auf dem steht, was sie bei Edeka besorgen sollte.

Im Schlepptau hat Heil unter anderem Landrätin Kirsten Fründt sowie den heimischen SPD-Bundestagsabgeordneten Sören Bartol. Den kennt Erna Rein bestens, und zwar nicht aus der OP, die sie Tag für Tag schon um 5.30 Uhr in der Frühe liest. Nein, Bartol ist Stammkunde, er wohnte längere Zeit direkt gegenüber vom Cappeler Lebensmittelmarkt. „Hat er sich denn wenigstens immer anständig benommen?“, will der Arbeitsminister wissen und Erna Rein hat an diesem Punkt offenbar keinen Grund zur Klage.

„Ach, das ist doch besser, als wenn nichts los ist“

Klagen scheint ohnehin nicht zum Wesen der 90-Jährigen zu gehören, deren Tochter Anja Gethings schon vor 16 Jahren den Edeka-Markt offiziell übernahm. „Meine Mutter sitzt das hier heute ganz ruhig aus“, sagt Gethings und lächelt, als ihre Mutter die Frage beantwortet, ob sie der ganze Trubel stört. „Ach, das ist doch besser, als wenn nichts los ist.“
Sie erzählt dem Minister, wie sie sich in die technisierte Welt der Barcodes und Scannerkassen einarbeiten musste, und Heil meint anerkennend: „Na, lebenslanges Lernen scheint für Sie jedenfalls keine Bedrohung zu sein.“ Dann fragt er seine Gastgeberin: „Wollen wir uns kurz erfrischen? Bei der Hitze müssen Sie viel trinken.“ Er sei ja nun mal auch Minister für Arbeitsschutz, da müsse er auf so etwas achten. Spontan wird der Politiker zum Kellner, schleppt Wasser, Weintrauben, Käsespieße und Salamischnittchen an und richtet im Kassenbereich ein kleines Büfett her.

„Die Grundrente ist ein Kernversprechen“

Nach dem kurzen Snack und ein wenig Smalltalk mit der Kundschaft beantwortet Heil noch Reporterfragen: „Die Grundrente ist ein Kernversprechen des Sozialstaats“, sagt er etwa und kündigt an, dass sein Grundrentenkonzept zum Januar 2021 in Kraft treten soll. „Das hilft 3 Millionen Menschen, die mindestens 35 Jahre gearbeitet haben. Von dieser Gruppe sind 85 Prozent Frauen.“ Zur in der Koalition strittigen Frage einer Bedürftigkeitsprüfung für potenzielle Bezieher der Grundrente sagt Heil: „Nein, wir wollen da keine bürokratische Prozedur, wir – das heißt: die Sozialdemokraten – wollen keine Bedürftigkeitsprüfung.“
Von der Lebensleistung der Cappelerin Erna Rein ist Hubertus Heil auf jeden Fall tief beeindruckt als er den Markt in der Marburger Straße wieder verlässt.

Und Erna Rein? Hat sich ihre Mittagspause an diesem Tag noch ein wenig mehr verdient als sonst. Kurz durchschnaufen, dann wieder zurück in den Laden. Bis 18.30 Uhr. Wie an jedem Werktag seit 1953.

von Carsten Beckmann