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Marburg Sorge um Langzeitarbeitslose und Ältere
Marburg Sorge um Langzeitarbeitslose und Ältere
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19:58 29.07.2021
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Marburg

Weniger neue Arbeitslose, niedrigere Arbeitslosenquote, mehr freie Stellen: Die Zeichen am Arbeitsmarkt sind heute deutlich besser als vor einem Jahr. „Der Arbeitsmarkt hat leichte Krankheitssymptome, ist aber auf dem Weg der Besserung“, sagte Volker Breustedt, Leiter der Marburger Arbeitsagentur, bei der Vorstellung der Arbeitsmarktzahlen. „Was uns Sorgen macht, sind die Langzeitarbeitslosen und arbeitslose Menschen, die älter als 55 Jahre sind.“ Die Arbeitsagentur bemühe sich besonders, diese Menschen weiterzuqualifizieren. An die Arbeitgeber appellierte Breustedt, keine Vorurteile gegenüber älteren Arbeitssuchenden zu haben: „Guckt sie euch doch mal an, lasst sie doch mal probearbeiten“, rät er Unternehmen.

Die Arbeitslosenquote im Landkreis sank im Juli auf 3,8 Prozent (Juni: 3,9 Prozent; Juli 2020: 4,7 Prozent). Hessenweit liegt die Quote mit 5,1 Prozent etwas höher als in Marburg-Biedenkopf, bundesweit sank sie auf 5,6 Prozent. Erstmals seit 15 Jahren gab es bundesweit im Juli weniger Arbeitslose als im Juni.

5 143 Personen waren im Landkreis in diesem Monat arbeitslos, das sind 1 197 weniger als vor einem Jahr. Allerdings hatte die Wirtschaft im Vorjahresmonat massiv unter der Corona-Pandemie gelitten und erholt sich nun dank sinkender Ansteckungszahlen und der Lockerung von Corona-Regeln. Das zeigen auch weitere Daten: Die Zahl der Menschen, die sich neu arbeitslos meldeten, sank gegenüber dem Vorjahr um 29 auf 1 206 Personen. Dagegen stieg die Zahl der neu gemeldeten Arbeitsstellen um 267 auf 701 deutlich an. Insgesamt waren bei der Marburger Arbeitsagentur im Juli 2 529 freie Stellen gemeldet.

Mehr Langzeitarbeitslose als vor einem Jahr

Gestiegen ist allerdings die Zahl der Langzeitarbeitslosen, die seit mehr als einem Jahr arbeitslos sind – es sind nun 1 862 Personen, 194 mehr als vor einem Jahr. Die Zahl der älteren Arbeitslosen ab 55 Jahren sank nur leicht um 44 auf nun 1 098 Personen. 2 942 Arbeitslose beziehen Leistungen des Kreisjobcenters nach Sozialgesetzbuch II (Hartz IV), für 2 201 Arbeitslose ist nach Sozialgesetzbuch III die Arbeitsagentur zuständig.

Die schlimmsten Befürchtungen in der Corona-Pandemie, etwa eine drohende Welle von verschleppten Unternehmensinsolvenzen, haben sich laut Breustedt bisher nicht bestätigt. Die derzeitigen Umstrukturierungen in einigen Unternehmen seien nicht pandemiebedingt. Auch die Kurzarbeit ist offenbar rückläufig. Allerdings sind die neuesten offiziellen Zahlen dafür vom März, da Unternehmen drei Monate Zeit haben, die Abrechnung bei der Arbeitsagentur einzureichen. Im März waren demnach noch 791 Betriebe in Kurzarbeit, davon waren 5 684 Menschen betroffen. Das waren 160 Betriebe und fast 500 Beschäftige weniger als im Februar. „Das wird sich weiter so durchgezogen haben“, prognostizierte Breustedt für die folgenden Monate.

Auf Nachfrage sagte er, sollte eine vierte Corona-Welle kommen, „dann würde es sehr stark die Gastronomie betreffen. Im produzierenden Gewerbe werden die Einbußen nicht so stark sein wie in den ersten Monaten der Pandemie.“

Wieder neue Stellen in der Gastronomiebranche

Derzeit wirken sich offensichtlich die Corona-Lockerungen in der Gastronomie am Arbeitsmarkt aus. Im Gastgewerbe gab es im Landkreis im Juli 40 neue Stellen nach 46 im Vormonat, berichtete Dr. Heike Beber, Sprecherin der Agentur für Arbeit. Da in der Pandemie viele Beschäftigte aus der Gastronomie-Branche in andere Berufe gewechselt sind, seien dort nun tatsächlich Fachkräfte knapp, ergänzte Breustedt.

Am Ausbildungsmarkt sei die Lage „grundsätzlich unter den Vorzeichen der Pandemie nicht schlecht“, sagte Breustedt. Zwar ist die Zahl der gemeldeten Ausbildungsstellen um 4 Prozent auf 1 430 leicht gesunken. Allerdings gibt es auch nur 1 304 gemeldete Bewerberinnen und Bewerber, das sind 10,7 Prozent weniger als vor einem Jahr. Indes sank die Zahl der Ausbildungsstellen im Hinterland deutlich um 13,5 Prozent und im Bereich der Geschäftsstelle Marburg um 3,4, während sie im Ostkreis um 5,2 Prozent stieg.

Zurzeit gibt es laut Arbeitsagentur 431 noch nicht versorgte Bewerber und 470 noch unbesetzte Ausbildungsstellen im Kreis – rechnerisch kommen demnach 1,1 Ausbildungsstellen auf einen Interessenten. Sorge macht Breu­stedt aber, dass den Jugendlichen in der Corona-Zeit vieles gefehlt hat, was für ihre Berufsorientierung wichtig ist – Praktika, der Besuch von Berufsmessen und der persönliche Kontakt mit Berufsberaterinnen und -beratern.

Agentur öffnet wieder

Nach Corona-bedingter Schließung kehrt die Agentur für Arbeit langsam von telefonischen Kontakten zu Gesprächen vor Ort zurück. Wer persönlich zur Arbeitsagentur kommen möchte, sollte aber einen Termin vereinbaren. Ab 1. September müssen sich alle, die arbeitslos sind, wieder persönlich in der Agentur melden, kündigte Volker Breustedt, Leiter der Marburger Arbeitsagentur, an. 

Von Stefan Dietrich