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Marburg „Der Arbeitsmarkt ist nicht tot“
Marburg „Der Arbeitsmarkt ist nicht tot“
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08:52 30.10.2020
Die Zahl der Arbeitslosen im Landkreis ist im Vergleich zum Vorjahr um gut ein Fünftel gestiegen. Quelle: Sonja Wurtscheid/dpa
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Marburg

Mehr Arbeitslose als vor einem Jahr, steigende Kurzarbeit und ein „Lockdown Light“ am Horizont – nicht die besten Voraussetzungen für den Arbeitsmarkt. Und in der Tat: Im Vergleich zum Vorjahr ist die Zahl der Arbeitslosen im Landkreis um knapp 22 Prozent gestiegen – 5.795 Menschen waren arbeitslos gemeldet, 1.042 mehr als im Oktober vergangenen Jahres. Die Arbeitslosenquote stieg auf 4,3 Prozent – vor einem Jahr lag sie noch bei 3,5 Prozent.

Doch Volker Breustedt, Leiter der Marburger Agentur für Arbeit, versichert: „Der Arbeitsmarkt ist nicht tot“ – es gebe durchaus auch kleine positive Signale, etwa bei der Entwicklung zum Vormonat. 257 Personen waren im Oktober weniger arbeitslos als noch im September – ein Minus von 4,2 Prozent. „Das ist zwar der Saison geschuldet“, so Breustedt, und dieser Aufschwung falle weniger stark aus als üblich – doch sei es dennoch ein positives Signal. Auch im Hessenvergleich stehe Marburg nicht so schlecht da. Denn während die Arbeitslosenquote binnen Jahresfrist in Frankfurt um 49 und in Hanau um 40 Prozent anstieg, „hätte es bei uns durchaus schlimmer kommen können“.

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1.226 Personen meldeten sich neu arbeitslos, 108 oder rund 8 Prozent weniger als vor einem Jahr und 136 oder 12,5 Prozent mehr als im September. 1 473 Personen meldeten sich aus der Arbeitslosigkeit ab, das waren 37 oder 2,6 Prozent mehr als vor einem Jahr. Im Vergleich zum September waren es 14 Personen mehr.

Im Oktober wurden der Arbeitsagentur 345 sozialversicherungspflichtige Stellen gemeldet – das Niveau liege weit unter dem der Vorjahre. Vergangenes Jahr waren der Agentur noch 213 oder rund 38 Prozent mehr Stellen gemeldet worden, im September 62 oder 15,2 Prozent mehr.

Lockdown Light: Direkt Fragen aus der Gastronomie

Die Zahlen der Kurzarbeit kommen stark verzögert bei den Agenturen an – im Juni waren 11.616 Menschen in 879 Betrieben in Kurzarbeit. „Im Mai waren es noch 1.146, im April sogar 1 389 Betriebe“, erläutert Breustedt. Entsprechend sei auch die Zahl der Kurzarbeiter gesunken. Doch: Mit Bekanntgabe des neuerlichen Lockdowns „gingen sofort die ersten Anrufe von gastronomischen Betrieben zum Thema ein“, sagt Tanja Siegert vom Arbeitgeberservice.

Die Zahl der Arbeitslosen, die das Kreisjobcenter (KJC) des Landkreises betreut, ist im Vergleich zum Vormonat gesunken – um 151 auf 3.044 Personen, was einem Rückgang von 4,7 Prozent entspricht. Im Vergleich zum Vorjahr stieg die Zahl allerdings um 138 Personen oder 4,7 Prozent.

„Der regionale Arbeitsmarkt im Landkreis zeigt sich trotz Corona-Pandemie robust und hat sich nach dem anfänglichen Einbruch durch die Corona-Krise weiter stabilisiert“, sagte der Erste Kreisbeigeordnete und zuständige Sozialdezernent Marian Zachow. „Die Zeichen standen auf dem Arbeitsmarkt auf leichter Entspannung. Aber angesichts des dynamischen Infektionsgeschehens und der aktuellen Entwicklung wird es wieder unsicher. So schwungvoll wie im Herbst dürfte es im weiteren Verlauf nicht weitergehen“, prognostizierte Zachow. Als größtes Risiko gelte derzeit, dass die zweite Infektionswelle die wirtschaftliche Tätigkeit erneut stark einschränke.

Ausbildungsmarkt schwächelt

Der Oktober ist traditionell der Monat, in dem auch das Fazit des Ausbildungsjahrs gezogen wird. Wenig überraschend: Auch das hat unter der Corona-Pandemie gelitten. Im Landkreis meldeten sich 1 646 junge Menschen als Interessenten für eine Ausbildung – 177 oder rund 10 Prozent weniger als im vorherigen Jahr. Parallel dazu meldeten Betriebe der Arbeitsagentur Marburg 1.602 Berufsausbildungsstellen – das waren 144 oder 8,2 Prozent weniger als ein Jahr zuvor.

Im Hinterland mit einer traditionell hohen Ausbildungsquote ging die Zahl der Stellen um 77 auf 357 zurück. Das liege nicht nur an der wirtschaftlichen Unsicherheit durch die Pandemie, wie Volker Breustedt sagt. Denn im Hinterland sitzen zahlreiche Zulieferbetriebe der Autobranche, „und die Corona-Krise überdeckt die negative Entwicklung im Automotive-Bereich, die aber nicht stehenbleibt“. Gesunken ist im Hinterland auch die Zahl der Bewerber – um 23 auf 435.

In Stadtallendorf gab es mit 318 Ausbildungsstellen 18 weniger als im Vorjahr, die Zahl der Bewerber ging um 34 auf 458 zurück. und in Marburg meldeten die Betriebe 927 Ausbildungsstellen – 39 weniger als im Vorjahr. Dem gegenüber suchten mit 753 Bewerbern 120 junge Leute weniger eine Ausbildungsstelle.

161 Berufsausbildungsstellen im Landkreis blieben frei, 182 Bewerber haben indes keine bekommen. „Wir versuchen, die Interessenten noch zusammenzubringen“, so Sascha Becker vom Team der Berufsberater, „aber es passt nicht immer.“ Erschwert worden sei die Situation in diesem Jahr dadurch, „dass wir ab März nicht mehr in die Schulen kamen, um dort beraten zu können“, sagt Becker.

Und Volker Breustedt erläutert: „Durch die Pandemie hatten viele junge Leute auch das Gefühl, sie hätten sowieso keine Chance – daher haben sie sich häufig gar nicht beworben.“ Das sei jedoch ein Trugschluss, denn: „Auch jetzt, Ende Oktober, geht noch was.“ Und: Betriebe, die ihre Ausbildungsquote im Vergleich zum Vorjahr halten oder verbessern, werden gefördert.

Von Andreas Schmidt

29.10.2020