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Marburg Kläger fürchtet um seinen guten Ruf
Marburg Kläger fürchtet um seinen guten Ruf
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15:55 15.07.2020
Fahnen wehen vor einem Gebäude von CSL Behring. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

CSL Behring hatte einem Mitarbeiter aus betriebsbedingten Gründen gekündigt und ihm gleichzeitig den Zugriff auf sämtliche Systeme verwehrt. Dagegen wollte der Mann vor dem Arbeitsgericht eine einstweilige Verfügung erstreiten – letztlich einigten sich die Parteien auf einen Vergleich.

Seit 2006 arbeitet der Mann bereits bei dem Unternehmen, zuletzt in gehobener Position in der globalen Forschung und Entwicklung. Am 10. Juni hatte er eine betriebsbedingte Kündigung erhalten: Aufgrund von Umstrukturierungen sei sein Arbeitsplatz weggefallen, hieß es vonseiten des Unternehmens. Denn: Die Funktion des Klägers werde nun in den USA wahrgenommen und sei „ein Level höher“ angesiedelt.

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Der Mann wurde mit sofortiger Wirkung freigestellt – gleichzeitig wurde sein Firmenaccount deaktiviert. „Dadurch hat der Kläger auch keinen Zugriff mehr auf die interne Karriereseite des Unternehmens und kann somit auch keine Bewerbungen mehr auf freie Arbeitsplätze einreichen“, erläuterte Richterin Annette Stomps den Sachverhalt.

Anschein, „dass irgend etwas vorgefallen ist“

Nachdem auch ein Gespräch zur Aufhebung dieser Sperre mit CSL-Geschäftsführer Michael Schröder und der Personalleiterin nicht gefruchtet habe, habe der Kläger den Antrag auf einstweilige Verfügung eingestellt.

Für ihn habe es ein weiteres fatales Signal gegeben: Seine US-amerikanische Vorgesetzte habe Anfang Juli eine Mail an einen großen Verteilerkreis gesendet, in der es hieß, der Kläger sei ausgeschieden – „das ging an das absolute Top-Management, auch an Leute die wissen, dass ich vielleicht eine andere Position bekleiden will“, erläuterte der Kläger.

Er habe bereits einen immensen Reputations-Schaden erlitten. „Wenn der Anschein erweckt wird, dass irgend etwas vorgefallen ist, dann wird mir die Chance genommen, mich woanders zu bewerben“, sagte der Kläger.

Anwalt sieht Ruf seines Mandanten geschädigt

Dass diese Mail versendet wurde „in Kenntnis der Beklagten, dass bereits interne Bewerbungsprozesse liefen“ – das erwecke den Eindruck, „es ist irgendwas vorgefallen – dabei ist dies absolut nicht der Fall“, erläuterte auch der Anwalt des Klägers den bitteren Beigeschmack der Mail. Der Ruf seines Mandanten sei dadurch deutlich geschädigt – es werde der Eindruck erweckt, „es liegt leistungs- oder verhaltensbedingt in irgendeiner Art und Weise etwas gegen ihn vor“, so der Anwalt.

Die Vorgesetzte habe zwar später eine weitere Mail gesendet, in der sie die „fehlerhafte Kommunikation“ bedauerte – jedoch sei diese an einen wesentlich kleineren Verteilerkreis gegangen.

Der Kläger sagte, dass es sehr wohl mindestens drei andere Stellen im Unternehmen gebe, die geeignet für ihn seien – dass er die geeigneten fachlichen Qualifikationen dafür habe, bestritt CSL Behring jedoch. Allerdings hatte der Betriebsrat einen Widerspruch gegen die Kündigung formuliert – und genau eine dieser drei genannten Stellen als geeigneten Ersatz identifiziert. „Da ist aus unserer Sicht nicht ansatzweise erkennbar, dass dort irgendetwas fehlen sollte, das der Kläger nicht sofort ausführen könnte“, erläuterte der Anwalt des Klägers.

Zwei Stunden lange Diskussion

Richterin Stomps regte eine gütliche Einigung an, woraufhin die Parteien rund zwei Stunden lang unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhandelten – mit Erfolg.

So wird das Arbeitsverhältnis zum 31. März 2021 beendet. Bis dahin wird der Kläger bei fortlaufenden Gehaltszahlungen freigestellt. Für den Verlust seines Arbeitsplatzes erhält er eine Abfindung in Höhe von 240.000 Euro, außerdem wird der Bonus für das Geschäftsjahr 2020/21 anteilig zu 100 Prozent ausgezahlt.

Sollte er vor dem 31. März eine neue Stelle finden, bekommt er zumindest noch 75 Prozent der eingesparten Gehälter bis zum eigentlichen Zeitpunkt des Ausscheidens. Außerdem darf er noch einmal für drei Tage auf das Computersystem zugreifen, um Daten zu sichern und eine – mit dem Arbeitgeber abgestimmte – Abschieds-Kommunikation zu verfassen.

Von Andreas Schmidt