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Marburg „In Corona-Zeiten läuft Alltag anders ab“
Marburg „In Corona-Zeiten läuft Alltag anders ab“
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19:56 16.04.2020
Ramona Hopf arbeitete bei der Arbeitsagentur bisher in der Eingangszone. Quelle: privat
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Marburg

Kurzarbeit ist immer noch ein riesiges Thema für Unternehmen in der Corona-Krise – auch wenn sich der Anstieg der Kurzarbeit-Anzeigen laut Hessendirektion der Arbeitsagentur verlangsamt habe.

Binnen einer Woche seien die Anzeigen auf knapp 62.000 angestiegen, teilte die Direktion am 15. April mit. Damit sei die Zahl der Betriebe, die Kurzarbeit planen, gegenüber der Vorwoche um rund 10.000 oder 19,2 Prozent gestiegen. Zum Vergleich: In der Woche davor lag der Anstieg noch bei 65,5 Prozent.

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Auch Marburg war in den vergangenen Wochen von Kurzarbeit-Anzeigen geradezu überrollt worden: Binnen zwei Wochen hatten nach Beginn der Corona-Krise rund 1.400 Unternehmen Kurzarbeit angezeigt – also nahezu jede vierte Firma. Aktuellere Zahlen liegen derzeit noch nicht vor.

Oft geht es um schnelle Hilfe

Mit der Flut von Anzeigen und Anträgen brauchte die Agentur auch das Personal, um alles abzuarbeiten. Da auch der Publikumsverkehr eingestellt wurde, waren zahlreiche Mitarbeiter quasi frei – und wurden geschult, um für das Thema Kurzarbeit fit zu werden. Zwei von ihnen sind Ramona Hopf (42) und Sascha Becker (37). Sie erzählen im Gespräch mit der OP von ihren Erfahrungen.

Pressesprecherin Dr. Heike Beber erläutert: „In Corona-Zeiten läuft der Alltag anders ab. Denn das Thema, das über allem steht, ist, dass Geld fließt.“

Wer arbeitslos werde, wolle versorgt werden, „mit Rat und Tat und Geld. Und wer Kurzarbeit macht, braucht schnelle Hilfe – und zwar sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer“, sagt Beber. Auf diesen Bereichen liege derzeit der Fokus – „auch, wenn alles andere natürlich weiterläuft“.

Beratung für Aufstocker

Ramona Hopf hat bis vor Kurzem noch in der Eingangszone gearbeitet – „mit regem und persönlichem Kundenkontakt“. Nun sitzt sie an der Kurzarbeiter-Hotline. „Es rufen sehr viele Arbeitnehmer an, die viele Fragen haben“, sagt Hopf.

So wollten viele Menschen zum Beispiel wissen, was sie tun können, wenn das ausgezahlte Geld nicht reicht. „Dann versuche ich natürlich, die Kunden an die passende Stelle weiterzuleiten, um noch etwas obendrauf zu bekommen – also beispielsweise als Aufstocker ans Kreisjobcenter. Oder es gibt auch in einigen Fällen die Möglichkeit, Kindergeldzuschläge zu beantragen“, weiß Ramona Hopf.

Am Telefon ist Improvisationstalent gefragt

Der persönliche Kundenkontakt sei nun weggebrochen, „stattdessen sitzt man mit dem Headset vor dem Computer“, sagt sie. „So erleben wir mal den Alltag von Telefonservice-Beratern“, meint sie schmunzelnd. Das sei nicht immer einfach, „denn im persönlichen Kontakt sind sprachliche Hürden einfacher zu überwinden“.

Auch Erklärungen seien am Telefon nicht immer so leicht. „Es ist eine neue Herausforderung, die aber auch spannend ist.“ So zum Beispiel, wenn ihr Improvisationstalent gefragt sei oder sie gemeinsam mit Kollegen Lösungen finde „für Fragen, die sich nicht ad hoc beantworten lassen“. Hilfreich ist bei allen geänderten Vorschriften ihr „Corona-Ordner“, in dem „alle wichtigen Dokumente liegen“, sagt Ramona Hopf.

Sascha Becker arbeitete bei der Arbeitsagentur bisher als Berufsberater. Privatfoto

Und wie war die Einarbeitung? „Das ging eigentlich relativ schnell – jeden Tag kam ein kleines Päckchen oben drauf, und nach einigen Tagen hatte man alles“, sagt die 42-Jährige lachend. Sie freue sich darüber, dass sie den Anrufern „viele Unsicherheiten nehmen kann – vielmehr wollen wir Zuversicht vermitteln, denn wir wollen alles möglich machen, damit möglichst schnell alles funktioniert“.

Sascha Becker war bisher hauptsächlich im Außen-Einsatz – denn als Berufsberater ist er viel unterwegs. Nun sitzt er im Büro. Von den eigentlich 14 Berufsberatern sind nur noch vier als solche tätig, „der Rest arbeitet in anderen Bereichen“.

Anfangs hätte das Team den Arbeitgeberservice unterstützt, „um der Flut an Anrufen Herr zu werden – das war sehr massiv, hat aber nun stark nachgelassen“, sagt Becker. Nun bearbeite man Fälle. Denn: Alle Anträge müssten ja auch zügig abgearbeitet werden, „damit dann auch Geld fließt“. Das Kurzarbeiter-Team betreut ganz Nordhessen mit 210 Mitarbeitern, gesteuert aus Kassel – „zu normalen Zeiten sind es 14“, weiß Becker.

Mitarbeiter wurden nach und nach geschult

Wie war es für ihn, sich das Thema Kurzarbeit in kurzer Zeit „draufzuschaffen“? „Als Azubi vor etwa 20 Jahren hatten wir das Thema genau einen Tag lang“, sagt Becker lachend, „davon war jetzt nicht mehr so viel präsent.“ Auch deswegen, weil das Thema bisher in seinem Berufsleben eine untergeordnete Rolle gespielt habe. Die gesetzlichen Grundlagen waren die härteste Nuss, „wobei die ja sehr stark gelockert wurden“.

Der Rest ist Software – „wir wurden nach und nach intensiv geschult – anfangs ging es hauptsächlich um Datenerfassung, mittlerweile bewillige ich auch Anträge“, sagt Sascha Becker. „Wenn es dann um mehrere Zehntausend Euro geht, dann schaut man schon ganz genau hin, ob die Bankverbindung auch wirklich stimmt.“

Von Andreas Schmidt

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