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Marburg Arbeiten mit der Angst im Nacken
Marburg Arbeiten mit der Angst im Nacken
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11:58 23.02.2021
Wann die Pläne für die Kinderbetreuung in der Stadt Gladenbach geprüft und umgesetzt werden, stünde ohne beschlossenen Haushalt in den Sternen.
Wann die Pläne für die Kinderbetreuung in der Stadt Gladenbach geprüft und umgesetzt werden, stünde ohne beschlossenen Haushalt in den Sternen. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Seit gestern (22. Februar) gilt an Hessens Kindertagesstätten wieder Regelbetrieb unter Pandemiebedingungen. An Schulen werden Kinder in geteilten Lerngruppen im täglichen oder wöchentlichen Wechsel unterrichtet. Betroffene sehen das mit gemischten Gefühlen. Für die Kinder ist es ein Plus, endlich wieder andere Kinder zum Spielen und Toben zu haben. „Das soziale Miteinander ist für Kinder extrem wichtig“, sagt etwa Andrea Morbitzer, Leiterin des evangelischen Kindergartens „Arche“ in Wetter. Es ist eine große Einrichtung mit fünf Gruppen und derzeit 109 angemeldeten Kindern, von denen gestern 79 in der Kita in der Schulstraße waren.

Im Schnitt: 34 bis 40 Kinder

So herrscht beides vor: die Freude, die kleinen Schützlinge wieder um sich zu haben, und die Sorge vor Ansteckungen mit dem Corona-Erreger, zumal auch in Deutschland die ansteckenderen Mutanten des Virus auf dem Vormarsch sind. Der Notbetrieb im zweiten Corona-Lockdown sei in der Arche gut gelaufen. „Ich muss die Eltern echt loben“, sagt Andrea Morbitzer.

Im Schnitt waren 34 bis 40 Kinder in der Einrichtung. „Viele Eltern lassen ihre Kinder noch zu Hause – aus Vorsicht.“ Bisher habe es an der „Arche“ keine Corona-Infektion gegeben – das sei fast verblüffend für eine so große Einrichtung, freut sich die Leiterin. Dazu bei tragen vielleicht auch die wöchentlichen, freiwilligen Schnelltests in der „Arche“.

Nun fahren die Kindergärten wieder hoch und bei den Beschäftigten wächst die Sorge vor Ansteckungen. „Viele sagen: Zuhause darf ich mich nur mit einer Person aus einem anderen Haushalt treffen, hier treffe ich Kinder aus 50 Haushalten“, erklärt Andrea Morbitzer. Sie ergänzt: „Ich würde es begrüßen, wenn Erzieherinnen zügig geimpft würden.“

Schnelle Impfungen der Erzieherinnen und Erzieher

Ihre Kollegin Veronika Wabnegg, eine von drei Leiterinnen der städtischen Kindergärten in Wetter, spricht sich angesichts des Ansteckungsrisikos ebenfalls für schnelle Impfungen der Erzieherinnen und Erzieher aus. „Sehr viele würden es sehr begrüßen und ein Großteil würde sich sofort impfen lassen“, sagte sie der OP. Denn aus pädagogischen Gründen arbeiten viele Erzieherinnen und Erzieher ohne Maske, weil „Kinder sehr stark auf die Mimik angewiesen sind“. Und Abstand halten ist in Kindergärten gar nicht möglich.

Auch die städtischen Kindergärten in Wetter fahren fast wieder auf Normalbetrieb. Kamen im Lockdown etwa 50 Prozent der Kinder, so waren es gestern in den drei Einrichtungen in Wetter, Unterrosphe und Treisbach rund 110 von 140 Kindern.

„Alle Kolleginnen und Kollegen sind hochmotiviert und unglaublich tapfer“, sagt Veronika Wabnegg. „Aber bei allen sitzt auch die Angst vor Corona im Nacken.“ Inzwischen ist auch die Burgwaldkita in Unterrosphe wieder in Betrieb, die wegen Corona-Fällen zeitweilig geschlossen war. Für kleine Tiefs in der Belegschaft sorgen immer mal wieder Corona-Verdachtsfälle etwa bei Eltern. „Die Öffnung der Kindergärten ist ein Spagat“, meint Veronika Wabnegg.

Rasche Impfungen für Lehrer gefordert

„Generell sind wir natürlich dafür, dass die Schulen bald öffnen“, sagt Hille Kopp-Ruthner vom Kreisverband der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), die Lehrerinnen und Lehrer vertritt. Schließlich bräuchten Kinder und Eltern Sicherheit. „Wir hätten uns sicherlich gewünscht, dass die Kollegen vorher eine Impfung bekommen hätten“, fügt Kopp-Ruthner hinzu.

„Denn es ist keinem geholfen, wenn sich Lehrer infizieren und Schulen wieder schließen müssen.“ Ein baldiges Impfangebot für Lehrkräfte ist aus Sicht der GEW daher wichtig. Kritisch sieht Kopp-Ruthner aber, dass die Politik darüber erst jetzt diskutiert – offensichtlich sei der Impfstoff von AstraZeneca „auf Halde“, da sich aufgrund der etwas geringeren Wirksamkeit viele Impfberechtigte nicht damit impfen lassen wollen. Auch der Hessische Philologenverband forderte in einer Mitteilung rasche Impfungen für Lehrer.

Distanzunterricht geht weiter

Die GEW befürchtet auch, dass viele Lerngruppen in den Grundschulen mit Blick auf die Corona-Ansteckungsgefahr zu groß sind und sich das Konzept fester Gruppen nicht wirklich durchhalten lässt. Denn es seien schon viele Kinder in der Notbetreuung gewesen – wenn dazu jetzt noch jeweils die Hälfte der Klasse komme, habe man „einen Klassenraum mit 20 Grundschülern, die vielleicht aufgedreht sind, weil sie sich freuen, sich wiederzusehen“, sagt Kopp-Ruthner. Man könne nur hoffen, dass es dadurch nicht zu einer weiteren Corona-Welle kommt.

Die älteren Schülerinnen und Schüler ab Klasse sieben mit Ausnahme der Abschlussjahrgänge sind derweil weiter im Distanzunterricht. Wie gut das klappe, hänge von der digitalen Ausstattung ab – auch am Wohnort der Schüler, sagt Kopp-Ruthner. Dadurch bestehe die Gefahr, dass Schüler abgehängt werden. Die Kollegen hätten bei der Umstellung auf digitalen Unterricht sehr gut mitgezogen, es herrsche aber viel Unverständnis darüber, dass im zwölften Monat der Pandemie immer noch technische Probleme bestünden. Entsprechende Kritik hatte es in den vergangenen Tagen auch von Eltern- und Schülerseite gegeben.

Von Uwe Badouin und Stefan Dietrich