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Marburg In heimischen Apotheken bleibt der Piks noch aus
Marburg In heimischen Apotheken bleibt der Piks noch aus
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11:00 09.02.2022
Seit Dienstag dürfen auch Apothekerinnen und Apotheker in Hessen gegen das Coronavirus impfen – im Landkreis bietet dies jedoch bisher noch keine Apotheke an.
Seit Dienstag dürfen auch Apothekerinnen und Apotheker in Hessen gegen das Coronavirus impfen – im Landkreis bietet dies jedoch bisher noch keine Apotheke an. Quelle: Sebastian Gollnow
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Marburg

Seit Dienstag (8. Februar) können auch hessische Apotheker impfen, wie es in einer Mitteilung des Hessischen Apothekerverbands (HAV) heißt. Doch wird dies zumindest im Landkreis Marburg-Biedenkopf nicht zu einer Verbesserung der Impf-Situation beitragen können. Denn: Keine Apotheke im Kreis bietet die Impfung an, wie auf der Plattform des Verbands zu sehen ist.

Entsprechend ernüchternd auch die Mitteilung des Apothekerverbands: Darin heißt es, man erwarte zu Beginn der Kampagne „überschaubare Impfzahlen“ und führt dies auf hohe Belastungen der Apothekenteams sowie ausreichende Impfkapazitäten in Arztpraxen und Impfzentren zurück. Und auch das Interesse der Apotheken an den notwendigen Fortbildungen war eher gering: Demnach hätten bislang 114 hessische Apotheken die Voraussetzungen geschaffen, um kurzfristig gegen das Coronavirus impfen zu können. Das sind jedoch gerade einmal zehn Prozent der rund 1 400 Apotheken in Hessen. Weitere würden folgen, sobald die Schulungen abgeschlossen seien.

Jeanett Wetzel, Mitglied im Vorstand des HAV erklärt, warum nicht alle schon impfen werden: „Manche Apotheken werden erst am Wochenende starten, um die Impfungen leichter in ihre Abläufe zu integrieren oder impfen zu Beginn ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, um mehr Routine zu bekommen.“

Hohe Belastung durch Zertifikate und Schnelltests

Hinzu komme die laut HAV ohnehin schon hohe Belastung der Teams durch das Ausstellen von Impfzertifikaten, Durchführen von Schnell- und das Auswerten von PCR-Tests sowie Corona-bedingtem Personalausfall. „Weil derzeit Arztpraxen und Impfzentren zahlreiche Impftermine anbieten, fokussieren sich die Apotheken jetzt stärker auf die anderen dringenden Aufgaben.

Dank ihrer Vorbereitungen können sie dann bei hoher Nachfrage umgehend mit Impfungen unterstützen“, so Wetzel. Dabei sei das niederschwellige Angebot der Apotheken besonders wichtig, denn für manche Patienten sei „das nächste Impfzentrum schwer zu erreichen; manche haben keinen Arzt – aber sie haben eine Apotheke vor Ort, der sie vertrauen und in der sie sich impfen lassen“. Der Hausärzteverband Hessen hat das zusätzliche Impfangebot durch Apotheker mit Verweis auf einen Beratungsbedarf sowie freie Termine in den Arztpraxen und kommunalen Impfzentren kritisiert. Im Sinne der Behandlungsqualität und Patientensicherheit müsse die Trennung zwischen Leistungen der Apotheken einerseits und der Ärzteschaft andererseits aufrechterhalten bleiben.

„Damit dringen die Apothekerinnen und Apotheker massiv in den hausärztlichen Leistungskatalog ein“, kritisierte Armin Beck, Vorsitzender des Hessischen Hausärzteverbands. „Wer sich in Apotheken impfen lässt, begibt sich bei akuten Impfnebenwirkungen im schlimmsten Fall in eine lebensbedrohliche Situation, die Apothekerinnen und Apotheker mangels Fachwissens und aufgrund des Behandlungsverbots nicht beherrschen können“, warnte er. Für ihn steht fest: „Das Impfen muss eine Aufgabe der Humanmedizin bleiben.“

Bei Ärzten ist Nachfrage ein Drittel gesunken

Bei den niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten ist die Nachfrage nach Corona-Impfungen im Vergleich zu Ende vergangenen Jahres auf ein Drittel gesunken, berichtet Dr. Ortwin Schuchardt, Sprecher der Ärztegenossenschaft Prima, auf OP-Anfrage. „Wir begrüßen natürlich, dass die Apotheker sich engagieren“, sagte der Hausarzt aus Stadtallendorf deshalb, „aber zum jetzigen Zeitpunkt bringt es eigentlich nichts. Wir haben derzeit deutlich mehr Kapazitäten, als wir brauchen.“ Zum Teil müsse sogar Impfstoff weggeworfen werden, weil Impftermine abgesagt würden. Es komme auch immer wieder vor, dass sich Impfwillige vor dem Termin mit Corona infizierten und die Impfung deshalb absagen müssten.

Grundsätzlich sei es sinnvoll, dass es in Deutschland eine strenge Trennung zwischen Arzt- und Apothekerberuf gebe, sagt Schuchardt. Das heißt: Ärztinnen und Ärzte verkaufen keine Medikamente, Apothekerinnen und Apotheker bieten umgekehrt keine ärztlichen Leistungen an.

In einer besonderen Situation wie der Corona-Pandemie findet Schuchardt aber die politische Entscheidung nachvollziehbar, auch Impfungen in Apotheken zu ermöglichen. „Im Dezember hätte ich gesagt: Helft uns, Hauptsache, wir kriegen das gemeinsam gewuppt!“, sagt er. Doch dafür hätte die Politik schon im Sommer über Impfungen in Apotheken nachdenken müssen. Man könne schließlich nicht von jetzt auf gleich jemanden mit Impfungen beauftragen, der dies vorher nicht gemacht habe.

Von Andreas Schmidt und Stefan Dietrich