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Marburg Ein paar Sekunden für die Sicherheit
Marburg Ein paar Sekunden für die Sicherheit
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09:00 09.02.2019
Ilona Voigt-Laske (von links), Dr. Doris Klarner und Dr. Susanne Rück sprechen an der Apothekenkasse über die Echtheitsprüfung verschreibungspflichtiger Arzneimittel. Quelle: Michael Agricola
Marburg

Ab dem 9. Februar dürfen neu in den Verkehr gebrachte verschreibungspflichtigte Arzneimittel nur noch nach einer Echtheitsprüfung an die Patienten abgegeben werden. Das verlangt die EU-Fälschungsschutzrichtlinie, die im Jahr 2016 beschlossen wurde und die nach einer dreijährigen Übergangszeit ab dem heutigen Samstag verpflichtend ist. Ein zweites, zusätzliches Sicherheitsmerkmal ist der sogenannte Erstöffnungsschutz, also ein Siegel oder eine Perforierung, die erkennbar machen, ob die Packung bereits geöffnet wurde.

Zu dem Stichtag 9. Februar sind alle Apotheker technisch auf die Echtheitsprüfung vorbereitet. In Deutschland wird dies über ein ausgeklügeltes System abgewickelt, für das die verschiedenen Verbände von Apotheken, pharmazeutischer Industrie und Großhandel einen nicht gewinnorientierten Verein namens Secur­pharm ­gegründet haben, der dieses System ­betreibt.

Die Apothekerinnen Dr. Susanne Rück (Fronhausen), Ilona­ Voigt-Laske (Niederweimar) und Dr. Doris Klarner (Marburg) berichteten gegenüber der OP von der Neuerung und bitten auch im Namen ihrer Kollegen bei den Kunden um etwas Geduld beim Apothekenbesuch. Denn durch die Einführung von ­Securpharm verlängert sich der Arbeitsprozess von der Entgegennahme des ärztlichen Rezepts bis zur Übergabe an den Kunden leicht, weil ein zusätzlicher Scanvorgang und die entsprechende Wartezeit bis zum Gegencheck im System dazukommt. Gerade in der Anfangszeit und zu Stoßzeiten könne es sein, dass es etwas länger dauert, weil vielleicht noch nicht alles reibungslos funktioniert, so Klarner. 

Enorme Gewinne machen Fälschen attraktiv

„Wir wissen auch noch nicht so recht, ob im Ernstfall, wenn am Samstag alle Apotheken in Deutschland gleichzeitig auf das System zugreifen, der Server hält“, sagt Voigt-Laske. Denn in den vergangenen Wochen wurden in den Apotheken zwar die Funktionalität getestet und die Abläufe eingeübt, aber eben noch nicht „live“ am echten ­System.

Aber warum braucht es überhaupt eine Echtheitskontrolle in Apotheken? Dort kann man sich doch – anders als mancherorts im Internet – darauf verlassen, Originalprodukte und keine Fälschungen zu bekommen, oder nicht? „Das stimmt“, sagt Ilona Voigt-Laske, aber es sei auch bisher nicht ausgeschlossen, dass über den Großhandel eine Fälschung den Weg in die Apotheke findet.

Ihr selbst sei es mit einem Krebsmittel einmal so ergangen. Der Fall fiel eher durch ­Zufall auf, weil ein Kunde beim Anblick der alten und neuen ­Packung Verdacht geschöpft hatte. Da die Gewinne auf diesem Gebiet enorm sein können, seien Arzneimittel für Fälscher natürlich entsprechend attraktiv. Dem stehen die Interessen der Kunden, der Apothekerschaft, des Zwischenhandels und genauso der Hersteller entgegen, die nun mit einer ­sogenannten Ende-zu-Ende-Verifikation sicherstellen wollen, dass Fälscher keine Chance haben.

Dass die neue Echtheitsprüfung ab heute verpflichtend ist, bedeutet aber nicht automatisch, dass ab sofort alle­ Medikamente schon einen solchen Code tragen. Voigt-Laske schätzt, dass in ihrer Apotheke derzeit erst sechs oder sieben von 100 Packungen mit dem zweidimensionalen Quadrat ausgerüstet sind. Der Grund: Solange wie möglich hätten viele Hersteller noch alte Verpackungen produziert. Damit ist definitiv ab dem 9. Februar Schluss, doch bis in den Apotheken der alte Warenbestand abverkauft ist, dauert es je nach Präparat noch einige Wochen oder gar Monate.

Apotheker wollen "Wächterfunktion" gerne erfüllen

Die Apotheker nehmen diesen Aufwand im Sinne der Patientensicherheit gern auf sich, wollen der „Wächterfunktion“ für ihre Patienten damit gern gerecht werden, betont Susanne Rück. Allerdings müssten die Apothekenbetreiber die Kosten­ für die Investitionen in ihren Räumen allein tragen. Und die summierten sich durchaus, berichtet Klarner. Neue Scanner für jede Kasse und die Rechner im Lager waren fällig, Fortbildungen für die Mitarbeiter fielen an, dazu kommen monatliche Kosten für Software und den Serverbetrieb von Secur­pharm. Zum Teil müsse bei ­älteren ­Lager-Automaten sogar eine neu programmierte Software in Auftrag gegeben werden, ergänzt Rück. In Niederweimar musste Ilona Voigt-Laske etwa sieben neue Scanner à 300 Euro anschaffen, dazu einen weiteren PC und entsprechende Schulungen für alle ­Angestellten und sich selbst.

Für die Patienten ändere sich preislich nichts, sie würden für ihre Geduld an der Kasse aber mit einem deutlichen Zuwachs an Sicherheit belohnt, glauben die Apothekerinnen. Denn ­Arzneimittel-Fälschungen seien meist schwer zu erkennen, können aber natürlich dramatische Folgen für kranke Menschen haben. Das Securpharm-System gewährleiste,­ dass wirklich ­jede einzelne ­Packung, die die Herstellerfirma verlässt, mit einem individuellen Code versehen ist. Dieser wird nur einmal vergeben und muss in der Apotheke gegengecheckt werden, bevor das Mittel in die Kasse eingebucht und damit bezahlt werden kann. Ein kopierter Code oder eine bereits an anderer Stelle ausgecheckte und somit ausgehändigte Packung fällt auf. Mit dem Scan und dem Abgleich im Verzeichnis durch den Apotheker wird einerseits geprüft, dass die Packung echt ist, zum anderen wird sie als verkauft auch wieder ausgetragen.

Die zweidimensionalen Barcodes, die Kunden ab jetzt auf ihren Medikamenten-Verpackungen finden, sehen ähnlich aus wie QR-Codes. Abgelegt sind darin vier Daten: die Seriennummer, der Packungs­code, die Chargennummer und das Verfallsdatum. Doch keine Angst, alle diese Informationen finden sich weiterhin auch für Kunden lesbar auf der Verpackung.

von Michael Agricola

Hintergrund

Neben 19.500 Apotheken gehören zu den Systemnutzern von Securpharm 400 Krankenhausapotheken, 350 pharmazeutische Unternehmen, 1.000 Großhandlungen sowie 100 sonstige Betriebe. Pro Jahr werden damit in Deutschland nun rund 750 Millionen ­rezeptpflichtige Arzneimittel auf ihre Echtheit geprüft, so die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA).