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Marburg Exkremente vor der Tür, Schreie in der Nacht
Marburg Exkremente vor der Tür, Schreie in der Nacht
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07:58 25.09.2020
Alkoholexzesse an der Lahn und der daraus resultierende Müll sind seit Jahren ein Problem. Anwohner aus Weidenhausen sind verzweifelt und bitten die Stadt Marburg um Hilfe. Quelle: Privatfoto
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Marburg

Spitze Schreie schrillen durch die Nacht. Es klingt, als ob eine Frau abgestochen wird. Martin Keßler schreckt aus dem Schlaf. Doch niemand ist in Gefahr. Vielmehr herrscht Feierlaune. Draußen im Northamptonpark verwandelt eine Gruppe Jugendlicher den Spielplatz in eine Partyzone. Der Bass wummert in ohrenbetäubender Lautstärke, Gelächter, Gegröhle – und immer wieder die spitzen, gellenden Schreie einer überdrehten Heranwachsenden. Für Martin Keßler ist die Nacht vorbei. Wieder einmal – wie so oft. „Es ist einfach nicht mehr auszuhalten“, sagt der junge Familienvater. Der 42-Jährige ist in Weidenhausen aufgewachsen und hat eigentlich überhaupt kein Problem mit den stadttypischen Geräuschen. Aber die Situation habe sich in den vergangenen Jahren dramatisch verschlechtert. So sehr, dass er darüber nachdenkt, mit seiner Familie Marburg zu verlassen.

Feuerwehrfrauen kommen nachts aus Angst nicht mehr zur Alarmierung

Eine Katastrophe sei das, findet sein Freund Steffen Zeidler. Nicht nur aus freundschaftlicher Sicht. Denn Zeidler, Zugführer vom 1. Zug der Freiwilligen Feuerwehr Marburg-Mitte, bangt um die Einsatzfähigkeit seiner Feuerwehr. Die Stadt Marburg ermöglicht ihren Feuerwehrleuten Wohnraum in der Nähe der Feuerwache, damit sie bei einer Alarmierung tags wie nachts schnellstmöglich zum Einsatz fahren können. „Doch immer mehr Kameradinnen und Kameraden, viele gestandene Marburger, ziehen wieder weg, weil es hier einfach nicht mehr lebenswert ist“, sagt Zeidler und berichtet von einem weiteren Problem: Furcht. „Es gibt Kameradinnen, die kommen bei einer Alarmierung nachts nicht mehr zum Einsatz, weil sie einfach Angst haben zur Hauptwache zu laufen.“ Der Weg an den Lahnterrassen vorbei zur Hauptfeuerwache am Erlenring sei für viele Frauen ein Graus. Denn es komme immer wieder vor, dass sie dort auf betrunkene Männergruppen träfen, die „es auch mit dem körperlichen Abstandhalten nicht so genau“ nähmen.

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Schlägereien vor dem Bafögamt

Tim Vollmerhausen kann das bestätigen. Der Feuerwehrmann wohnt im Wohnhaus in der Wache. Seine Nachbarschaft ist dem 24-Jährigen nicht geheuer. „Die Lautstärke nachts von den Lahnterrassen herüber ist enorm. Vor dem Bafögamt – also gegenüber der Feuerwehrwache – kommt es immer wieder Schlägereien“, erzählt er. Vandalismus sei quasi an der Tagesordnung. Es würden Scheiben an Türen des Feuerwehrkomplexes eingetreten, Steine entlang der Zufahrt herausgerissen und kleine und große Geschäfte in die Ecken vor der Wache gemacht. „Einfach ekelhaft.“

Von solchen unappetitlichen Szenen kann auch sein Feuerwehrkamerad Julian Kliebisch berichten. Er wohnt in Weidenhausen und leidet darunter, dass sein Vorgarten regelmäßig als Toilette missbraucht wird. Erst vor kurzem habe er jemanden erwischt, der über den geschlossenen Zaun geklettert war „und in den Garten kacken wollte“.

Kein Einzelfall, weiß Kliebischs Nachbarin Agnes Blöing. Die pensionierte Lehrerin wohnt seit 25 Jahren in Weidenhausen. Sie liebt Marburg und das wuselige Stadtleben, aber was sich hier in den vergangenen Jahren entwickelt habe, sei „jenseits aller Grenzen“. Menschliche Exkremente in den Vorgärten, Urin in den Ecken, Scherben und jede Menge Müll – darunter leidet nicht nur Blöing, sondern die gesamte Nachbarschaft. „Wir haben Angst vor dieser zunehmenden Zerstörungswut“, betont sie und berichtet, wie ihre Blumenkästen samt Verankerung aus der Hauswand gerissen, Blumentöpfe zerdeppert werden und regelmäßig Flaschen auf ihrer Terrasse landen. „Man kann den gesamten Sommer nicht mehr mit geöffnetem Fenster schlafen, weil man sonst Gefahr läuft, plötzlich um halb vier durch Schreie geweckt zu werden“, sagt sie. Früher habe sie oft das Gespräch mit den Feiernden gesucht und um Rücksicht gebeten. Doch heute traue sie sich das nicht mehr, weil die Leute oft so betrunken und aggressiv seien, dass sie Angst habe, ein Stein könne dann bei ihr im Fenster landen „oder Schlimmeres“, befürchtet sie und erntet zustimmendes Nicken ihrer Leidensgenossen.

Anwohner kritisieren Alkoholverkauf

Keßler, Blöing, Zeidler, Kliebisch und Vollmerhausen haben genug. Es ist ein Hilferuf der Anständigen gegen eine offensichtlich immer respektlosere Gesellschaft. Die Rücksichtslosigkeit und Aggressivität der Menschen habe die Grenze des Zumutbaren überschritten. Sie sehen auch das Lebensmittelgeschäft am Erlenring in der Verantwortung. Seit Jahren ist der Betreiber des Supermarktes nicht bereit, freiwillig auf einen spätabendlichen Alkoholverkauf zu verzichten. Als absolute Provokation empfinden die fünf Weidenhäuser die Plakataktion des Supermarktes: Im Eingangsbereich, in dem sechs Kühlschränke voll mit Alkoholika stehen, wirbt ein Bier-Plakat mit dem Slogan: „Wir sehen uns an der Lahn“. Und genau das passiere dann eben auch: Jugendliche würden sich noch spätabends mit haufenweise Alkohol eindecken und dann diesen in Einkaufswagen an die Lahn oder in den Northamptonpark transportieren. „Es kann doch nicht sein, dass Gastronome, die es ohnehin schon schwer haben, ihre Tische vor den Kneipen ab 22 Uhr reinstellen müssen, aber aus dem Supermarkt können Menschen spätabends haufenweise Alkohol tragen, um dann lautstark in der Nachbarschaft zu feiern“, kritisiert auch Michael Schneider, an dessen Haus regelmäßig die mit Alkohol bepackten Einkaufswagen auf dem Weg an die Lahn vorbeirattern.

Die Weidenhäuser sind verzweifelt. Anrufe bei der Polizei seien oft wirkungslos. Das Ordnungsamt kontrolliere zwar, aber nicht genug, sagen sie. Auf Nachfrage der OP teilt die Stadt mit, dass die Stadtpolizei täglich bis nachts um zwei Uhr, am Wochenende die gesamte Nacht hindurch, in den Brennpunkten unterwegs sei. Durch Corona und die damit verbundenen Einschränkungen und Abstandsregelungen seien in diesem Jahr deutlich mehr Menschen draußen unterwegs gewesen. Deshalb sei das Personal für die nächtlichen Rundgänge der Stadtpolizei gerade aufgestockt worden, heißt es.

Aber Corona lassen die Weidenhäuser als Ausrede nicht gelten. „Es war schon vor Corona schlimm“, betont Keßler. Er hat sich in einem Brief an Bürgermeister Wieland Stötzel (CDU) gewandt und bittet ihn darum zu prüfen, ob noch engmaschigere Kontrollen möglich seien oder gar ein nächtliches Aufenthaltsverbot im Park. Auch ein Ordnungsgeld bittet er zu überdenken. „Die aktuelle Situation führt dazu, dass die Jugendlichen nach Ermahnungen und Bitten in der Regel trotzdem wiederkommen“, sagt er.

Der zweifache Vater hat für sich bereits Konsequenzen gezogen. Er hat nach 25 Jahren sein ehrenamtliches Engagement für regelmäßige nächtliche Einsätze der Freiwilligen Feuerwehr Marburg-Mitte als stellvertretender Gruppenführer eingestellt. „Ich habe neben der nächtlichen ,Dienstzeit’ für die eigenen kleinen Kinder und durch die Probleme im Park nicht noch die Möglichkeit, die letzten Stunden möglichen Schlafs in Not geratenen Mitbürgern zu spenden. Das ist traurig, aber wahr.“

Von Nadine Weigel