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Marburg Anwohner fürchtet um Sicherheit
Marburg Anwohner fürchtet um Sicherheit
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16:58 25.04.2021
Lieferverkehr in der Marburger Oberstadt.
Lieferverkehr in der Marburger Oberstadt. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

In der Oberstadt sind aufgrund geschlossener Geschäfte und Restaurants weniger Menschen zu Fuß unterwegs als in der Vergangenheit – dafür aber deutlich mehr mit Fahrzeugen? Ja, deutlich, meinen einzelne Anwohner, fürchten um die Sicherheit für Fußgänger und um die Lebensqualität. Nur wenig, erklärt hingegen die Stadt – und liefert auf OP-Anfrage Zahlen und Einschätzungen.

Er beobachte seit Beginn der Corona-Pandemie, dass es deutlich mehr Individualverkehr in der Oberstadt gebe, sagt ein Anwohner im Gespräch mit der OP, spricht von einer „illegalen Situation“. In der Reitgasse, an der er seine Wohnung hat, in der Marktgasse und der Barfüßerstraße seien nicht nur mehr Fahrzeuge als vor den ersten Geschäftsschließungen unterwegs, viele seien auch deutlich zu schnell unterwegs, ebenso in der Wettergasse: „Da wird regelmäßig mit 20 oder 30 Stundenkilometern gefahren.“ Zulässig ist laut Satzung der Stadt „über die Zulässigkeit des Fahrverkehrs“ in diesem Bereich nur Schrittgeschwindigkeit.

Nur mit vorheriger Genehmigung

Im März 1990 hatte die Stadtverordnetenversammlung die Satzung beschlossen. Demnach dürfen in Teilen der Oberstadt montags bis freitags zwischen 11 und 18 Uhr sowie samstags zwischen 10 und 14 Uhr nur Fahrzeuge unterwegs sein, für die eine entsprechende Genehmigung vorliegt.

Für die Fahrer gilt grundsätzlich neben der Beschränkung auf Schrittgeschwindigkeit: „Der Fußgängerverkehr hat Vorrang; der berechtigte Fahrzeugführer hat die größtmögliche Rücksicht zu nehmen und erforderlichenfalls anzuhalten.“

Keine Rücksicht mehr

Diese Rücksicht gebe es oft nicht, meint der Anwohner. Bewusst gehe er hin und wieder mitten auf der Straße, wenn sich Fahrzeuge mit erhöhter Geschwindigkeit nähern würden, sagt er offen: „Ich bin als Fußgänger derjenige, nach dem sich gerichtet werden muss.“ Es sei bereits vorgekommen, dass Autos bis auf wenige Zentimeter herangefahren seien, auch Beleidigungen habe es gegeben.

Etwas, teilt Bürgermeister und Ordnungsdezernent Wieland Stötzel auf OP-Anfrage über die städtische Pressestelle mit, habe der Individualverkehr in der Oberstadt seiner Meinung nach zugenommen. Seine Erklärung: „Bei einigen Restaurants, Ladengeschäften und Gebäuden wurde der Lockdown zu Renovierungsarbeiten genutzt, wodurch Handwerkerverkehr entstand. Andererseits ist der Lieferverkehr zu den Einzelhandelsgeschäften geringer, der Bringdienst der (geschlossenen) Gastronomie ist dagegen neu hinzugekommen.“

Ausnahmegenehmigungen für Gastronomen erteilt

Die in der Oberstadt ansässigen Gastronomen haben Ausnahmegenehmigungen erhalten, befristet auf die Dauer des Lockdowns, heißt es von der Pressestelle. „Sie dienen der Unterstützung der durch die Corona-Krise arg gebeutelten Gastronomie-Betriebe, die seit fast einem halben Jahr durchgängig geschlossen sind und ausschließlich durch Abholung und Lieferung Umsätze erzielen können.“

Vergleichszahlen, was das Verkehrsaufkommen in den betreffenden Oberstadt-Straßen angeht, gebe es nicht, erklärt die Stadt auf Anfrage, teilt aber mit: „Die letzten Kontrollen vor wenigen Wochen haben tagsüber etwa zehn bis 15 Fahrzeuge je Stunde ergeben. Ab spätabends ist praktisch gar kein Durchgangsverkehr mehr festzustellen.“ Der Anwohner aus der Reitgasse hat ein anderes Empfinden, spricht von „mindestens 50 Fahrzeugen pro Stunde, eher mehr“.

Anwohner meinen, dass Verkehr zugenommen hat

Ein Anwohner aus der Barfüßerstraße ist ebenfalls der Meinung, dass der Verkehr zugenommen habe. Etwas anderes störe ihn mehr: „Sicherlich ein Drittel der Fahrzeuge hat keine Genehmigung, innerhalb der Sperrzone durch die Oberstadt zu fahren.“

Die Zahlen der Stadt sagen etwas anderes: Kontrollen in den vergangenen drei Wochen hätten ergeben, dass es für acht Prozent der kontrollierten Fahrzeuge keine Genehmigung gab und diese somit unberechtigt durch die Oberstadt fuhren. Und die Geschwindigkeit? „Weder nach unseren Beobachtungen noch nach der Beschwerdelage“ gebe es „eine Grundlage“, von einem hohen Teil an Fahrzeugen mit überhöhter Geschwindigkeit auszugehen, heißt es auf Anfrage. „Es gab bisher keine Indikatoren, die regelmäßige Kontrollen notwendig machen.“ Kontrollen in der Vergangenheit hätten ergeben, „dass die Geschwindigkeitsverstöße marginal sind: Weniger als drei Prozent der durchfahrenden Fahrzeuge waren zu schnell.“

Stadt: nur wenige Fahrzeuge ohne Erlaubnis

Laut Verkehrsdienst Marburg ist es zumindest in den vergangenen drei Jahren in dem verkehrsberuhigten Bereich der Oberstadt zu keinen geschwindigkeitsbedingten Unfällen oder gar Personenschäden gekommen.

Den Anwohner der Reitgasse beruhigt dies nicht: „Vor fünf Jahren ist der Sohn einer Freundin in einem verkehrsberuhigten Bereich in Heidelberg bei einem Unfall ums Leben gekommen, weil ein Fahrzeug mit überhöhter Geschwindigkeit unterwegs war. Auch da hatte es vorher keinen Unfall gegeben. Dass bisher nichts passiert ist, darf kein Argument dafür sein, nichts zu tun.“ Es müsse regelmäßig kontrolliert werden, fordert er. „Wenn das nicht gemacht wird, ist das eine Einladung, sich nicht an die Regeln zu halten.“

„Oberstadtplakette“ und andere Genehmigungen

Wer bestimmte Straßen der Marburger Oberstadt innerhalb gewisser Sperrzeiten befahren will, braucht dafür eine Genehmigung, etwa in Form einer Dauererlaubnis. Von der sogenannten „Oberstadtplakette“, die von Anwohnern und Geschäftsleuten beantragt werden kann, sind laut Stadt derzeit rund 140 Stück ausgestellt, 2019 und 2020 waren es bis zum Ende des Jahres jeweils rund 250. Hinzu kommen Genehmigungen für Handwerker und derzeit auch für Lieferdienste von Gastronomie-Betrieben, die in der Oberstadt ansässig sind. Außerdem könnten Einzelgenehmigungen, etwa für Umzüge, beantragt werden. 

Von Stefan Weisbrod

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