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Marburg Karin Buder kämpft für Contergan-Opfer
Marburg Karin Buder kämpft für Contergan-Opfer
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18:56 07.12.2019
Karin Buder aus Marburg vertritt Betroffene aus Brasilien.  Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Als der Hilferuf aus Brasilien sie per E-Mail erreichte, war für die Marburger Rechtsanwältin Karin Buder sofort klar: „Um Himmels willen, hier müssen wir was tun.“ Ein Contergan-Opfer hatte sich im Oktober bei ihr gemeldet, weil die deutsche Contergan-Stiftung die monatliche Rente nicht mehr zahlen will. 

„Die Conterganstiftung beabsichtigt, Ihren Anerkennungsbescheid vom 20.10.1976 mit Wirkung für die Zukunft zu widerrufen und die sofortige Vollziehung anzuordnen“, steht in dem Schreiben an Luis S., der in Porto Alegre wohnt – auf deutsch. Diese Empathielosigkeit, das gesamte Vorgehen der Conterganstiftung erschütterte Karin Buder. Sie war es, die 2014 das Conterganopfer Olaf Truxer vertrat, damals noch als VdK-Anwältin, und gegen die Stiftung gewann. Auch ihm sollte die Rente entzogen werden, und damit auch die Lebensgrundlage. Genauso wie jetzt 58 Brasilianern, von denen Karin Buder 25 vertritt.

Die Conterganstiftung beruft sich in ihrem Schreiben darauf, dass die schädigenden thalidomidhaltigen Präparate, welche damals in Brasilien vertrieben wurden, „durch einen Lizenznehmer in eigener Verantwortung hergestellt und vertrieben worden sind“. Sie zweifelt an, „dass das eingenommene Medikament – Sedalis – ein Präparat der Grünenthal GmbH“ aus Stolberg bei Aachen sei. 

"Die Geschädigten sind verzweifelt."

Nach dem Lesen des Schreibens fühlte sich Karin Buder ganz stark an den Fall Olaf Truxer erinnert und zögerte nicht lange. Sie fuhr nach Köln und stattete der Conterganstiftung einen Besuch ab. „Einen Tag lang habe ich in den Unterlagen meiner Mandanten recherchiert, mir Kopien anfertigen lassen und Fragen gestellt“, berichtet die Rechtsanwältin, die sich auf medizinrechtliche Fälle spezialisiert hat. 

Und sie fand das, wonach sie gesucht hat. Schon im Jahr 1976 hatte die medizinische Kommission der Conterganstiftung, deren Vorsitz Herbert Wartensleben hatte, geschrieben: „Bei dem eingenommenen Arzneimittel ‚Sedalis‘ handelt es sich um ein […] Schlafmittel der Firma Chemie Grünenthal, das in Brasilien durch die Firma Pinheiros für Chemie Grünenthal vertrieben wurde. Die Zuständigkeit der Stiftung ist damit eindeutig gegeben.“ Empfänger: Conterganstiftung, Geschädigter: Luis S. aus Porto Alegre.

Das ist Condergan

Das millionenfach verkaufte Beruhigungsmedikament Contergan der Firma Grünenthal, das den Wirkstoff Thalidomid enthielt, konnte bei der Einnahme in der frühen Schwangerschaft Schädigungen in der Wachstumsentwicklung der Föten hervorrufen. Weltweit sind von 1957 bis 1961 etwa 5.000 bis 10.000 geschädigte Kinder geboren worden, 4.000 allein in Deutschland. Etwa 2.400 Contergan-Opfer leben derzeit in Deutschland. Quelle: Wikipedia

Auf Nachfrage von Karin Buder, ob der Stiftung diese Information nicht bekannt war, wurde ihr mitgeteilt, dass hiernach nicht geschaut wurde, bevor die Schreiben rausgingen. Für die Anwältin „ein Unding. Die Geschädigten in Brasilien sind gerade sehr verzweifelt, denn sie sind auf das Geld angewiesen“, sagt sie kopfschüttelnd. 

Aber diese Schreiben haben auch noch etwas anderes bewirkt. „Es herrscht eine ­große Solidarität“, hat Karin Buder festgestellt. Vor Ort hilft ihr ein Kollege mit deutschen ­Wurzeln, der den direkten Kontakt zu ­ihren Mandanten hält und ihr Informationen zuspielt. In ihrer Kanzlei „haben wir uns das Essen und Schlafen abgewöhnt“ und in den sozialen Medien gibt es einen regen Austausch in spezifischen Gruppen. „Man bietet sich gegenseitig Hilfe an, es gibt eine weltweite Vernetzung. Es ist wirklich sehr interessant zu sehen, was soziale Medien auch positives bewegen können. Und es bewegt sich wirklich etwas“, so ihre Einschätzung.

Ihr Ehrgeiz ist geweckt

Denn auch andere Medien, wie der Spiegel und die Tagesschau, haben schon über diese Fälle berichtet. „Bei Übernahme der Mandate habe ich mit so einer medialen Aufmerksamkeit nicht gerechnet“, sagt Karin Buder und ergänzt: „Mein Ehrgeiz, diesen Rechtsstreit zu gewinnen, ist aufgrund der wirtschaftlichen Notlage, in die meine brasilianischen Mandanten bei einer zukünftigen Aberkennung kommen würden, nochmals besonders geweckt.“ Und die Chance, dass die Betroffenen weiter ihre Renten bekommen, sieht sie zwar gut. Allerdings: „Sicher sein kann man sich nie. Aber aufgrund der mir vorliegenden Informationen stehen die Zeichen gut.“

Denn auch der Pharma­konzern Grünenthal distanziert sich von der Vorgehensweise der Conterganstiftung und hat diese aufgefordert, den Fall ruhen zu lassen. Das ­Familienministerium, aus dessen Budget die Renten für die Contergangeschädigten bezahlt werden, sei inhaltlich nicht informiert über die fragwürdige Vorgehensweise. 

Aber die Brasilianer sind nicht die einzigen, die derzeit schlaflose Nächte haben. Die Marburger Anwältin hat bereits Post von einem Kollegen aus Finnland bekommen, dessen Mandant auch von der Conterganstiftung kontaktiert wurde. Weitere Bescheide sollen nach Mexiko geschickt worden sein. „Ich kann ihnen nur raten, sich zur Wehr zu setzen“, sagt eine kämpferische Karin Buder, die weiß, dass derzeit auch Contergan-Opfer aus Deutschland mit einem komischen Gefühl an den Briefkasten gehen.

von Katja Peters