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Marburg Kleine Schritte und große Visionen
Marburg Kleine Schritte und große Visionen
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08:00 01.09.2020
Karin Schwalm (Friedenspolitischer Gesprächskreis, von links), Maren Voigt (ICAN Marburg), Kristin Stressenreuter (ICAN Marburg) und Stadträtin Kirsten Dinnebier vor einem Hiroshima-Plakat am Marburger Hauxptbahnhof. Quelle: Tobias Hirsch
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Marburg

In vielen Ländern der Welt wird der 1. September als „Antikriegstag“ begangen. In vielen Orten, so auch in Marburg, ist er längst mehr als ein Gedenktag an den Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen am 1. September 1939 und dem damit verbundenen Beginn des 1. Weltkriegs. In vielen Orten arbeiten Friedensinitiativen an Initiativen zur Überwindung von Aufrüstung und Wettrüsten.

In Marburg ist es unter anderem das Bündnis “Nein zum Krieg“, das auf die noch heute bestehenden Kriegsgefahren hinweist. Entstanden aus dem „Friedenspolitischen Gesprächskreis“ des DGB umfasst das Bündnis inzwischen mehr als 25 Gruppen einschließlich „Fridays for Future“ und ICAN (International campaign to abolish nuclear weapons, zu deutsch: Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen).

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16 000 Atomwaffen exitieren weltweit

„Trotz der Atombombenwürfe über Hiroshima und Nagasaki, die unmittelbar 200 000 Menschen das Leben kosteten, gibt es nach wie vor 16 000 Atomwaffen im Besitz der USA, Russlands, Großbritanniens und anderer Atommächte“, sagt Dr. Irina Fach vom Bündnis.

Wie gefährlich das ist, berichtete Fernsehjournalist Dr. Franz Alt vor knapp zwei Jahren bei einem Vortrag im Bürgerhaus Kirchhain:

So stufte ein Oberstleutnant der sowjetischen Luftstreitkräfte namens Stanislaw J. Petrow als leitender Offizier in der Kommandozentrale der sowjetischen Luftverteidigungsstreitkräfte einen vom System gemeldeten Angriff der USA mit nuklearen Interkontinentalraketen auf die damalige Sowjetunion als Fehlalarm ein – er verhinderte damals womöglich um Haaresbreite den Beginn eines Atomkriegs. Petrow wurde 2012 mit dem Deutschen Medienpreis ausgezeichnet, 2013 wurde ihm in der Semperoper der mit 25.000 Euro dotierte Dresden-Preis verliehen.

Eine der zentralen Forderungen des Bündnisses „Nein zum Krieg“ ist, dass die Bundesregierung den Atomwaffenverbotsvertrag der Vereinten Nationen unterzeichnet. Der Vertrag, so berichtet Karin Schwalm, verbiete Staaten Atomwaffen zu testen, zu entwickeln, zu produzieren und zu besitzen. Außerdem sind die Weitergabe, die Lagerung und der Einsatz sowie die Drohung mit dem Einsatz verboten.

Der ausgearbeitete Vertrag wurde 2017 mit 122 Stimmen angenommen. Bis August 2020 hatten 82 Staaten unterzeichnet, 44 Staaten – darunter Österreich – den Vertrag ratifiziert. 90 Tage nach der 50. Ratifizierung wird der Vertrag in Kraft treten – eine Hoffnung für die Friedensbewegung, die Welt ein wenig sicherer zu machen.

In diesem Zusammenhang ist auch die Hoffnung zu sehen, dass die im Fliegerhorst Büchel in Rheinland-Pfalz gelagerten amerikanischen Atomwaffen abtransportiert werden. Büchel gilt als der einzige Standort in Deutschland, in dem noch US-Atomwaffen gelagert werden.

Am konkretesten ist das Szenario „Sicherheit neu denken“, das die Badische Landeskirche erarbeitet hat. Es sieht einen konkreten Stufenplan vor, wie Deutschland analog dem Ausstieg aus der Atom- und Kohleenergie bis zum Jahr 2040 die militärische Aufrüstung überwinden könnte.

Die Kernpunkte sind:

  • Deutschland stellt bis 2040 in Kooperation mit anderen Ländern komplett auf eine nachhaltige zivile Sicherheitspolitik um.
  • Deutschland investiert jährlich 80 Milliarden Euro in zivile Krisen-Prävention anstatt die Bundeswehr.
  • Entsprechend der Forderungen der Fridays-for-Future-Bewegung lebt und wirtschaftet Deutschland im Einklang mit den Pariser Klimazielen.
  • Dank jährlich 27 Milliarden Euro deutscher Beitragszahlungen ist die UNO wirklich wirksam.
  • Eine Wirtschafts- und Sicherheitspartnerschaft der EU mit Russland sichert den dauerhaften Frieden in Europa.

Ein erster Meilenstein soll das Jahr 2025 sein. Für dieses Jahr streben die Initiatoren einen Bundestagsbeschluss zum Umstieg auf eine zivile Sicherheitspolitik an. Das THW würde in der Folge erste Ausrüstungen der Bundeswehr übernehmen. Damit wären erste Voraussetzungen für ein Wirtschafts- und Sicherheitsabkommen mit Russland 2030 und einen Bundestagsbeschluss im Jahr 2035 zur vollständigen Konversion der Bundeswehr und der Rüstungsindustrie bis zum Jahr 2040 geschaffen.

Norman Paech spricht beim Marburger Friedensforum

Die Marburger Friedensaktivisten wollen jedenfalls für dieses Ziel werben. Nachdem sie in der ersten Monatshälfte schon mit einem aufrüttelnden Plakat am Hauptbahnhof an den 65. Jahrestag des Atombombenabwurfs über Hiroshima und Nagasaki erinnert hatten, laden sie für diesen Samstag ab 15 Uhr zum 4. Marburger Friedensforum auf den Lutherischen Kirchhof ein. Die Veranstaltung beginnt um 14 Uhr. Der emeritierte Völkerrechtler Professor Norman Paech spricht ab 15.30 Uhr über „Atomwaffen und UN-Atomwaffenverbotsvertrag“. Angeboten werden auch ein Kinderprogramm und Live-Musik.

Linke legt Kranz am Deserteursdenkmal nieder

Mit einer Kranzniederlegung und Kundgebung am Deserteursdenkmal in der Frankfurter Straße am heutigen Dienstag, 1. September, um 16 Uhr erinnert der Kreisverband der Partei Die Linke an die etwa 65 Millionen Toten, die der Weltkrieg insgesamt gefordert hat, und an die Millionen sowjetischen und jüdischen Menschen, die dem Rassenwahn der Nationalsozialisten zum Opfer gefallen sind. Die Linke fordert, dass die US-Truppen bei ihrem Teilabzug die in Rheinland-Pfalz stationierten Atomwaffen mitnehmen.

Es reden die Kreisvorsitzende Inge Sturm und der ehemalige außenpolitische Sprecher der Bundestagsfraktion Wolfgang Gehrcke.

Hintergrund

1. September 1939: mit dem Überfall auf Polen beginnt der 2. Weltkrieg

Der deutsche Überfall auf Polen am 1. September 1939 gilt als Beginn des Zweiten Weltkrieges. Noch vor dem Beschuss der Westerplatte bei Danzig wurde das Städtchen Wielun nahe der damaligen deutsch-polnischen Grenze von der deutschen Luftwaffe bombardiert. Schätzungen gehen von bis zu 1200 getöteten Zivilisten aus, die allein bei diesem Angriff ums Leben kamen.

Der deutsche Angriff auf Polen war genau vorbereitet. Bereits am 25. August war das Militärschiff SMS „Schleswig-Holstein“ zu einem angeblichen Freundschaftsbesuch in Danzig eingetroffen. Die Stadt und ihr Hinterland waren nach dem Ersten Weltkrieg unter ein Mandat des Völkerbunds, eines Vorläufers der Vereinten Nationen, gestellt worden. Die Nazi-Propaganda forderte seit Jahren, Danzig müsse wieder „heim ins Reich“. Gegen 4.45 Uhr am 1. September begann vom Schiff aus der Beschuss der Westerplatte. Auf der Halbinsel vor dem Danziger Hafen unterhielt die polnische Armee seit dem Jahr 1924 ein großes Munitionsdepot, welches festungsartig ausgebaut war.

Gegen 10 Uhr sagte Adolf Hitler in einer Rundfunkrede: „Seit 5.45 Uhr wird zurückgeschossen.“ Warum er die falsche Uhrzeit nannte, ist unklar. Er bezog sich mit der berüchtigten Formulierung auf angebliche polnische Grenzverletzungen wie einen behaupteten Überfall auf den deutschen Sender Gleiwitz - in Wahrheit eine von der SS inszenierte Propaganda-Aktion mit mehreren Todesopfern.

Die Schüsse auf die Westerplatte waren das Signal für die Wehrmacht, von der Ostsee bis zu den Karpaten auf breiter Front die polnische Grenze zu überschreiten. Die Kämpfe um Danzig, von deutscher Seite als „Befreiung Danzigs“ bezeichnet, gelten oft als Kriegsbeginn, obwohl es schon zuvor verheerende Angriffe gab.

Die polnischen Verteidiger der Westerplatte kapitulierten am 7. September. Am 27. September war Warschau von deutschen Soldaten erobert, letzte polnische Truppenteile ergaben sich am 6. Oktober.

Wie im Hitler-Stalin-Pakt vereinbart, besetzte die Sowjetunion Ostpolen. Bereits am 3. September hatten Polens Verbündete, Großbritannien und Frankreich, dem Deutschen Reich den Krieg erklärt – der „Polenfeldzug“ war zum Zweiten Weltkrieg geworden.

Seit dem Ende des zweiten Weltkriegs wird der 1. September weltweit als Antikriegstag begangen.

von Till Conrad

31.08.2020
31.08.2020