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Marburg Antifeminismus als politische Strategie
Marburg Antifeminismus als politische Strategie
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18:00 06.08.2019
Auf der Straße. Unterstützung für die Gender Studies auf dem „Science March“ in Berlin. Quelle: Tilmann Warnecke
Marburg

„Es wird aggressiver, der Ton wird rauer. Das berichten etwa auch die Gleichstellungsbeauftragten“, sagt Professorin Ursula Birsl von der Philipps-Universität Marburg. Das Verhältnis der Geschlechter ist seit Jahren im Wandel, aktuell formiere sich ein Bündnis aus Akteuren, die die Debatte befeuern. Politikwissenschaftlerin Birsl forscht gemeinsam mit ihrer Kollegin Annette Henninger im Projekt „Reverse“ zum Thema „Krise der Geschlechterverhältnisse – Antifeminismus als Krisenphänomen“.

Gegner zeichnen verzerrtes Bild

Wie rechte Akteure den Feminismus für ihre Zwecke nutzen, thematisierte Dr. Nina Schumacher, Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte der Philipps-Universität Marburg, auf der Kundgebung anlässlich des Weltfrauentags im März unter dem Motto „Unser Feminismus bleibt antirassistisch“ (die OP berichtete). Feministische Argumente würden für rassistische Hetze missbraucht und Gewalttaten gegen Frauen häufig nur dann angeprangert, wenn die Hautfarbe des Täters dafür taugt. Unter den OP-Berichten zu der Demonstration fanden sich auf Facebook zahlreiche unter anderem frauenfeindliche Kommentare, die die Demonstranten verunglimpften.

Obwohl sich die Einstellung zum Verhältnis der Geschlechter in den vergangenen Jahrzehnten in Deutschland nachweislich stark liberalisiert hat, polarisiert das Thema weiterhin, erklärt Birsl. „Geschlechterverhältnisse betreffen jeden, sprechen jeden an.“ Deshalb eigne es sich als politische Strategie, um Aufmerksamkeit zu gewinnen, zu mobilisieren. Der Begriff „Gender“ beschreibt in den Sozialwissenschaften die Rollenzuschreibungen für die verschiedenen Geschlechter. Mittlerweile sei der Begriff jedoch schon so häufig als „Kampfbegriff“ verwendet worden, dass er bei vielen Menschen negativ besetzt ist. „Dabei findet keine Auseinandersetzung damit statt, was der Begriff eigentlich meint“, sagt Birsl.

Die Wortwahl der Rechtspopulisten sei dabei in Deutschland, den USA oder Brasilien sehr ähnlich: Es gehe ihnen darum, liberale Geschlechterpolitik, Homosexualität und Genderforschung „zu bekämpfen“. Die Genderforschung diffamieren sie regelmäßig als „Ideologie“. Diese Wortwahl und die aggressiven Vorwürfe machen auch den Unterschied zu einer geschlechterkonservativen Einstellung aus. Als Beispiel für diese Abgrenzung nennt Birsl die Debatte um die „Ehe für alle“. Dabei habe eine Abgeordnete die Meinung vertreten, die Familie sei die Keimzelle der Gesellschaft und habe aus Vater und Mutter zu bestehen. „Das ist zwar konservativ, aber nicht antifeministisch.“

Hintergrund

Antifeminismus ist eine weltanschauliche Gegenbewegung zu Emanzipationsbestrebungen und der Liberalisierung der Geschlechterverhältnisse, erklärt Professorin Ursula Birsl von der Uni Marburg. Es handele sich dabei nicht um ein neues Phänomen, sondern das habe es schon bei der Einführung des Frauenwahlrechts vor 100 Jahren gegeben. Gender: Der aus dem Englischen übernommene Begriff Gender beschreibt in Abgrenzung zum biologischen Geschlecht das soziale Geschlecht. Dazu zählen etwa Rollenzuweisungen der Gesellschaft zu den Geschlechtern. Die im Grundgesetz verankerte Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau ist in vielen Aspekten noch nicht gegeben. Die Strategie des „Gender Mainstreaming“ sieht vor, dass Politik, Organisationen und Institutionen die Auswirkungen ihrer Arbeit auf die Gleichstellung berücksichtigen sollen.

Heinrich-Böll-Stiftung und Rosa-Luxemburg-Stiftung befassen sich in der gemeinsamen Broschüre „Gender raus!“ mit zwölf Thesen aus Antifeminismus und Gender-Kritik und stellen diese richtig. Auf den Internetseiten steht diese zum Download bereit.

Patricia Rams vom Zentrum für Gender Studies der Philipps-Universität warnte in der Kundgebung zum Weltfrauentag davor, antifeministische und rechte Dynamiken zu unterschätzen. „Der Antifeminismus, der von rechtskonservativen Parteien gepflegt wird, ist die eine Sache. Vielmehr sollte uns aber alarmieren, dass Antifeminismus auch ein verbindendes Element zwischen rechten, bürgerlichen und liberalen Haltungen sein kann.“
Bei den Akteuren sieht auch Birsl ein „interessantes Bündnis“. Teile des traditionellen Bildungsbürgertums und der Aristokratie hätten die Liberalisierung der Geschlechterverhältnisse nicht mitvollzogen. „In bestimmten Milieus werden die Erfolge der Emanzipation als Krise wahrgenommen, das eigene Rollenverständnis gerät ins Wanken.“ Hinzu kommen Gegner der angeblichen sogenannten Frühsexualisierung sowie Abtreibungsgegner.

Diese Akteure bauen sozusagen die antifeministische Ideologie auf. Mobilisierungspotenzial entfalten sie in „autoritären und traditionellen kleinbürgerlichen Arbeitermilieus, in denen früher traditionell CDU, CSU, SPD oder Die Linke gewählt“ worden seien, so Birsl. Mittlerweile werben rechtspopulistische und nationalistische Parteien in diesen Reihen um Wählerstimmen: „Die AfD nutzt Antifeminismus als politische Strategie, um darüber zu mobilisieren.“ Dabei wirkten auch Organisationen im Umfeld der Partei mit, die sowohl Verbindungen in das christlich-konservative als auch in extrem rechte Lager herstellen, etwa die „Demo für alle“, die sogenannte Zivile Koalition oder Pegida. Die rechte Wochenzeitung „Junge Freiheit“ betreibt die Kampagne „Gender mich nicht“ und macht über Flyer und eine Internetseite Stimmung gegen Genderforschung und Gender Mainstreaming. Durch eine verkürzte Darstellung zeichnet die Kampagne ein verzerrtes Bild. Auch in Marburg seien schon „Gender mich nicht“-Flyer verteilt worden, berichtet Birsl.

Professorin: Wir müssen aufmerksam sein

Selbst wenn die AfD mit dem Thema mobilisiere, habe sich der Antifeminismus noch nicht in deren Programm niedergeschlagen, sagt Birsl. Eine Gefahr sieht die Politikwissenschaftlerin jedoch bereits in einer Verschiebung des Diskurses, wie etwa beim Thema Flucht und Asyl geschehen. „Es wird ein Problem, wenn der Diskurs über die populistische Schiene in eine antifeministische Richtung verschoben wird und andere Parteien nachziehen. Da müssen wir besonders aufmerksam sein.“

Auch die Amadeu-Antonio-Stiftung warnt vor einem zunehmendem Antifeminismus von rechts. So seien Frauen, die sich politisch oder gesellschaftlich engagierten, häufiger Anfeindungen ausgesetzt. Ein Großteil dieser Angriffe auf Gender-Forscherinnen spielt sich laut Birsl im Internet ab. In Berlin, Münster und Kassel würden Kollegen
und Kolleginnen jedoch durchaus persönlich angegangen.

von Philipp Lauer