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Marburg Wirbel um Lebensschützer-Werbung
Marburg Wirbel um Lebensschützer-Werbung
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08:00 27.11.2019
Eine laufende Werbeaktion von Abtreibungsgegnern in Marburg – wie hier an der Bushaltestelle Universitätsstraße gegenüber einer Schwangerschaftsberatungsstelle – sorgt für Kritik. Quelle: Privatfoto
Marburg

„Gewalt ist keine Lösung“ steht auf dem Plakat an der Bushaltestelle Universitätsstraße. „Nimm meine Hand nicht mein Leben“ steht an einer Litfaßsäule am Erlenring. Zu sehen sind Fotos von friedlich schlafenden Babys, von ihren kleinen Köpfen, Händen, Füßen – Emotion pur. Die Marburger Jusos, die SPD-Jugendorganisation bezeichnen diese Werbung als „menschenverachtend“ und „abscheulich“.

Mit „Bevormundungen, Anfeindungen, Kriminalisierungen und Stigmatisierungen von Frauen“ müsse im Jahr 2019 endlich Schluss sein, es sei an der Zeit, darauf zu vertrauen, „dass Frauen eine so einschneidende Entscheidung nicht leichtfertig treffen. Es geht um ihren Körper und um ihr Leben“, heißt es in einer Stellungnahme.

Die Jusos fordern – und zwar auf dem heutigen SPD-Parteitag – die konsequente Umsetzung, eine Verschärfung der Plakatierordnung der Stadt. Diese lasse schon jetzt keine Menschen herabwürdigende Werbung zu – was im konkreten Fall aber passiere. „Solche Inhalte müssen in Marburg künftig verhindert werden“, sagt Marike Rüder, ­Juso-Vorsitzende auf OP-Anfrage.

Die Stadt beziehungsweise die Stadtwerke haben die Vermarktung der öffentlichen Außen-Werbeflächen an eine international tätige private Vermarktungs-Firma abgegeben. Nach eigenen Angaben vermarktet dieses Unternehmen mehr als 280.000 Außenwerbeflächen – auch die Militärwerbung an einem Stadtbus, die im Sommer für Aufsehen sorgte. Der Vertrag mit der Firma läuft bis zum 31. Dezember 2022, ein Jahr vorher müsste laut Stadtwerken gekündigt werden.

Strenggläubige starten Aktionen in Mittelhessen

Werbung, die nicht offensichtlich anstößig noch gesetzeswidrig sei, könne laut Stadtwerken mit Verweis auf die Verträge mit der Privatfirma nicht ohne Weiteres abgelehnt werden. Bei der Bundeswehr-Reklame, so die Jusos sei das Problem aber ohnehin anders gelagert. „So kritisch das Thema ist, für Soldatennachwuchs zu werben: Es verletzt nicht direkt eine Personengruppe, wie das die der Abtreibungsgegner tut“, sagt Rüder.

Dass die Werbung ausgerechnet in Marburg läuft, ist angesichts der Auszeichnung der Gießener Pro-Abtreibungs-Gynäkologin Dr. Kristina Hänel in der Universitätsstadt wohl kein Zufall. Einen ähnlichen Vorfall gab es vor wenigen Wochen bereits in Gießen, wo auf städtischen Bussen ein Verein wirbt, der – ohne staatlich anerkannt zu sein – ungewollt Schwangere beraten will. Hinter den aktuellen Werbe-Kampagnen steckt nach OP-­Informationen ein Zusammenschluss von in ganz Deutschland auftretenden, speziell in Mittelhessen aktiven Evangelikalen.

Die aktuelle Werbung in Marburg, die unter anderem ­nahe des Philippshauses und somit gegenüber einer Schwangerschafts-Beratungsstelle hängt (Rüder: „Das ist reine Provokation“), stammt von der „Interessenvertretung ungeborener Menschen“ (IVUM), deren Vorsitzender Dieter­ Egert zum Vereinszweck sagt: „Abtreibung muss genauso undenkbar werden wie Sklaverei oder Folter. Man kann keine sozialen Probleme lösen, indem man Menschen tötet.“

Plakate­ wie „Gewalt ist keine Lösung – Abtreibung ist menschenverachtend“ sollen demnach auf die gleichberechtigte Schutzwürdigkeit jedes Menschen ab seiner Zeugung hingewiesen werden. Abtreibung sei Unrecht. IVUM ist mit dem Bundesverband Lebensrecht verwoben, indem wiederum zahlreiche christliche Organisationen Mitglied sind, beziehungsweise diesen ideell unterstützen.

Das Gesetz

Während Paragraf 219 die Werbung für Abtreibung thematisiert, ist in Paragraf 218 Strafgesetzbuch das Grundsätzliche geregelt. Darin heißt es: „Wer eine Schwangerschaft abbricht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“ Bis heute ist eine Abtreibung daher in Deutschland eine­ Straftat, falls keine der in ­
Paragraf 218a festgeschriebenen Ausnahmen greift.

Nicht rechtswidrig ist ein Schwangerschaftsabbruch, wenn Frauen innerhalb von zwölf Wochen nach der Empfängnis abtreiben, aber nur, wenn sie sich mindestens drei Tage zuvor von einer staatlich anerkannten Schwangerschaftskonfliktberatungsstelle haben beraten lassen.

Das Ziel von Bundesverband und IVUM ist es, alle sogenannten 
Pro-Life-Organisationen, von ultrakonservativen Katholiken bis zu Evangelikalen zu vernetzen – von denen es auch in der Universitätsstadt einige gibt. Etwa die Evangelische Allianz Marburg, die in der Vergangenheit unter anderen zur Teilnahme an Kundgebungen wie „Ja zum Leben – für ein Europa ohne Abtreibung und Euthanasie“ aufgerufen hat, sich gegen „Selektion und Tötung“ einsetzen wolle.

Die mittelhessische Schwester-Gruppe,­ die Evangelische Allianz Gießen organisierte indes die jüngste Anti-Abtreibungs-Aktion auf Bussen in der Stadt. Ziel der Werbe-Kampagne sei, „darauf aufmerksam zu machen, wie wertvoll und schön das Leben ist. Wir wollen dem Drang zum schnellen Töten etwas Positives entgegensetzen“, sagt ein Insider zur OP.

Wie viele Anhänger die evangelikale Bewegung, die sich oft in verschiedenen Freikirchen auch in der Universitätsstadt und im Landkreis Marburg-Biedenkopf trifft, hat, ist unklar. Zu den Lebensschützern gehört auch die bundesweit tätige „Aktion Lebensrecht für alle“ – der Verein, der im Sommer den Preis „Marburger Leuchtfeuer“ an Hänel und ihre Unterstützer verurteilten.

Es könne kein „Dienst an der Gesundheit“ sein, wenn bei denen von der Preisträgerin angebotenen Behandlungen „regelmäßig einer der beiden Patienten in der Praxis stirbt“. Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD), so die Alfa-Kritik „nutzt sein Amt, um verfassungswidrige Positionen gesellschaftsfähig zu machen. Das ist medizinisch, ethisch, menschlich und politisch äußerst bedenklich.“

Zahl der Abtreibungen in Hessen sinkt auf 8.500

Positionen? Abtreiben ist in Deutschland zwar verboten und wird mit bis zu drei Jahren Haft bestraft. Aber unter bestimmten Bedingungen bleibt ein Schwangerschaftsabbruch straffrei. Etwa dann, wenn der Eingriff während der ersten zwölf Schwangerschaftswochen vorgenommen wird und die Frau an einer Schwangerschaftskonfliktberatung teilgenommen hat.

In die Pro-familia-Beratungsstelle im Südviertel, die das anbietet kommen nach eigenen Angaben jedes Jahr etwa 300 Frauen, die erwägen, die Schwangerschaft abzubrechen. Auch wer nichts sagt, erhält die für einen straffreien Abbruch nötige Bescheinigung (OP berichtete).

Wie viele Frauen in der Universitätsstadt oder im Landkreis eine­ Schwangerschaft abbrechen, ist unklar. Hessenweite Zahlen gibt es aber – und die lagen im Jahr 2018 bei 8.538. Die meisten, weit mehr als die Hälfte, sind bei dem Abbruch zwischen 25 und 34 Jahren alt, rund die Hälfte der betroffenen Frauen waren verheiratet. Demnach werden landesweit im Schnitt jeden Tag etwa 23 Kinder abgetrieben (Stand: 2018).

Im Jahr 2000 waren es bundesweit noch 134.000 Abtreibungen, im vergangenen Jahr 101.000. Statistisch gibt es bei den wenigsten, etwa vier von Hundert, schwerwiegende Gründe – medizinische, oder die Schwangerschaft resultiert aus einer Vergewaltigung. Bei den allermeisten Fällen sind es persönliche Nöte.

Meist wird gegenüber Therapeuten der falsche Zeitpunkt wie etwa befristete Arbeitsverträge oder der falsche Partner als Grund genannt.Weniger als 1.200 Praxen und Kliniken führten nach Angaben des Statistischen Bundesamts aktuell Schwangerschaftsabbrüche durch. Das sind 40 Prozent weniger als noch vor 15 Jahren.

Ärztinnen und Gynäkologen als "Tötungspezialistin" bezeichnet

Radikale Abtreibungsgegner haben auch Marburger Mediziner im Visier, etwa eine frauenärztliche Tagesklinik in der Deutschhausstraße. Auf einer Liste im Internet werden die Ärztinnen und andere Gynäkologen als „Tötungspezialistin“ bezeichnet, in die Nähe von Mördern gerückt.

Genauso geht es der Marburger Ärztin Natascha Nicklaus, die in Kassel praktiziert und die neben der Gießenerin Hänel eine der bundesweit wohl bekanntesten Frauenärztinnen ist und – in Anlehnung an den Begriff Holocaust, also dem Massenmord an Juden – als Mit-Verantwortliche für einen „Babycaust“ bezeichnet wird.

Der Berufsverband der Frauenärzte spricht nicht zuletzt deswegen von einem „feindlichen und aggressiven Klima in der Gesellschaft“, der gegenüber diesen Ärzten festzustellen sei. Aber: Die Lebensschützer-Szene ist breit gefächert, es finden sich normale Christen und gemäßigte Gläubige ebenso wie Radikale und Fundamentalisten.

Vor einem Jahr demonstrierten in Marburg etwa 350 Menschen für die Abschaffung des Paragrafen 219a, der sogenannte Abtreibungs-Werbung unter Strafe stellt. Nach einer Gesetzesreform bleibt das Verbot zwar bestehen, es gibt aber etwa eine bundesweite Ärzteliste, die von der Bundesärztekammer erstellt wurde. Darauf zu finden sind die rund 230 Mediziner, die das freiwillig mitgeteilt haben.

Mittlerweile ist das Plakat in der Universitätsstraße mit Protests-Slogans übermalt, die Litfaßsäulen etwa am Erlenring mit Plakaten überklebt, auf denen Sätze stehen wie „Vergewaltiger angreifen – Gewalt gegen Frauen ist nie eine Privatangelegenheit“.

Mittwoch, 27. Oktober, ab 19.30 Uhr trifft sich die Marburger SPD im Bürgerhaus Ginseldorf zum Parteitag.     

von Björn Wisker