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Marburg „Meiner Familie wurde die Normalität genommen“
Marburg „Meiner Familie wurde die Normalität genommen“
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09:58 19.02.2021
Marburg gedenkt den Terroropfern von Hanau: Die erste Demo zählte 1100, die zweite Demo rund 4000 Teilnehmer.
Marburg gedenkt den Terroropfern von Hanau: Die erste Demo zählte 1100, die zweite Demo rund 4000 Teilnehmer. Quelle: Björn Wisker
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Er atmet durch, bevor er über das spricht, was er schon Hunderte Male erzählt hat. Über das, was seiner Familie vor einem Jahr in Hanau zugestoßen ist. Abdullah Unvar ist der Cousin von Ferhat Unvar, einem der neun Mordopfer des Rechtsterror-Anschlags vom 19. Februar 2020.

„An diesem Tag ist uns ein geliebter Mensch und mit ihm jede Normalität genommen worden“, sagt der 34-Jährige. Als er über den Tattag, die bis heute belastenden Emotionen, spricht, fliegen ihm auf „Insta-Live“ – dem sozialen Netzwerk, in dem er mit Oberbürgermeister-Kandidat Dr. Thomas Spies (SPD) spricht – sprichwörtlich die Herzchen zu. Die Zuhörer klicken immer wieder auf das Herz-Symbol, um ihre Sympathie, ihr Mitgefühl, ihre Unterstützung zu signalisieren.

Was bedeutet Integration?

„Ich frage mich seit diesem Tag mehr denn je, was Integration, was integriert sein eigentlich bedeutet. Wann gilt jemand, der nicht weiß ist, als integriert?“, sagt der Architekt. Sowohl er als auch sein Cousin, ebenfalls die anderen Mordopfer hätten zwar äußerlich sichtbar einen Migrationshintergrund – groß geworden seien sie aber in Deutschland.

Abdullah Unvar

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Abdullah Unvar

Abdullah Unvar ist ein Hinterbliebener des Hanau-Anschlags.

Abdullah Unvar ist ein Hinterbliebener des Hanau-Anschlags.
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Kindergarten, Schule, Studium, selbstverständlich Sprachkenntnis, auch Job und Freundschaften mit „Biodeutschen“, was immer das bedeuten möge: „Man bleibt aber offenbar immer der Fremde, für manche der Unintegrierte“, sagt Unvar. Alleine die Tatsache, dass er, wie so viele Menschen mit ausländischen Wurzeln, stets den eigenen Werdegang, den Lebensweg in klassisch deutschen Strukturen betonen, sich erklären müsse, zeige, dass es um das Miteinander „schlimm und nicht selbstverständlich“ stehe.

Lückenlosen Aufklärung des Anschlags

Für die Sicherheit der nun „people of color“ – also Nicht-Weißen – genannten Menschen, sei die Politik, seien Politiker verantwortlich. Nur mit einer lückenlosen Aufklärung des Anschlags und mit einem systematischen Kampf gegen Rassismus, könne sich „das Übermorgen ändern“. Unvar, den es selbst in die Politik gezogen hat, fordert kommunale Anti-Diskriminierungsstellen und mehr Abgeordnete mit ausländischen Wurzeln. „Es braucht Erleben statt Experten“, sagt er.

Spies: „Keine Rechtfertigung für Rassismus“

Spies, der an die Betroffenheit und die bis zu 4000 Teilnehmer zählenden Demos in Marburg vor einem Jahr erinnert, sagt: „Integration ist eine Aufgabe der Mehrheitsgesellschaft, es ist eine Bringschuld.“ Und selbst wenn sich jemand abkapsele, sei das keine Rechtfertigung für Rassismus geschweige denn Gewalt.

Dass es das auch in und um Marburg gibt, erzählt Liban Farah. Der SPD-Politiker weiß über die Probleme von jedem mit fremd klingendem Namen bei Wohnungs- und Jobsuche auch in Marburg. „Die Lebensqualität leidet unter Benachteiligung. Alltags-Rassismus ist das eine, der strukturelle Rassismus das andere – und mitunter folgenreicher“, sagt er.

Von Björn Wisker