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Marburg Sie hat Wut zur Veränderung
Marburg Sie hat Wut zur Veränderung
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00:17 21.05.2019
Frohnatur und Feministin: Anna-Lena Stenzel steht nun mit an der Spitze der Marburger SPD – und wird künftig einen entscheidenden Wahlkampf für ihre Partei mitorganisieren. Quelle: Björn Wisker
Marburg

Der Körper spielt bei Anna-Lena Stenzel eine wichtige Rolle. Da ist zum einen die Körpersprache: Wenn die neue Vize-Vorsitzende der SPD, der mit 811 Mitgliedern größten Partei Marburgs, redet, nimmt sie dabei den ganzen Körper mit. Sie wippt auf und ab, gestikuliert mit Händen und Armen, wandert mit ihren Augen umher. Und dann sind da zum anderen noch Körperkontakt und Körperkontrolle.

Nach 13 Jahren als Handballerin – eine schwere Knieverletzung erzwang vor einigen Jahren das Hobbyende – ist sie geschickt und scheut sie keine Zweikämpfe. „Immer hart gegeneinander sein, aber stets fair. Und aufgeben ist keine Option“, sagt die 24-Jährige.

Sätze, die sich auf ihre politische Maxime übertragen lässt. „Ungerechtigkeiten machen mich wütend. Aber Wut ist sinnvoll und ein Antrieb für Veränderung“, sagt sie mit einem aller­ Wut entgegenstehenden Lächeln. Und genau darum sei sie auch in die Politik, in die Partei und letztlich zur Vorstands-Wahl gegangen: Statt sich in Wehklagen über unbefriedigende Zustände zu ergehen, wolle sie ­„gestalten, argumentieren, überzeugen“ – sich für das Gemeinwesen einsetzen.

Unterstützerin der "Fridays for Future"-Demonstranten

Denn auch ihr gefalle in der Kommunalpolitik so manches nicht – schon gar nicht die Zusammenarbeit ihrer Partei mit der CDU in der ZIMT-Regierung. „Das war eine der letzten verbleibenden Möglichkeiten nach der Kommunalwahl. Daraus müssen wir jetzt das Beste für die Stadt machen.“

Die SPD sei für sie, die Sören-Bartol-Vertraute, aber eine „linke Volkspartei“, deren Profil es ab sofort wieder zu schärfen gelte. Und zwar – in Europa, Bund, Land, Landkreis als auch in der Stadt – mit „klarerer Kante“ als in den vergangenen Jahren.

Und in der Kommunalpolitik, speziell bei der Nachwuchsorganisation Jusos mit einem stärkeren Fokus auf das nicht-akademische Klientel in der Region: Auszubildende. Nicht zuletzt wegen ihrer eigenen Polit-Anfänge unterstützt sie die Marburger Schüler bei den „Fridays for Future“-Demos. Denn die Tochter einer fränkischen Arbeiterfamilie verbrachte ihren 16. Geburtstag – das war nach der Fuku­shima-Katastrophe – auf einer ­Anti-Atomkraft-Demo.

Ungerechtigkeit erträgt sie nicht

„Ein paar Freunde ließen sich noch überzeugen, mitzugehen. Aber wir haben später auch noch richtig gefeiert, Spaß gehabt. Politisch interessierte und aktive Jugendliche sind ja keine spaßbefreiten Aliens“, sagt sie. Der Sozialdemokratie sei aber über die Jahre tatsächlich die Coolness abhanden gekommen, und somit auch junge Wähler.

Aber „Fridays for Future“ zeige die Politisierung der Schüler – und das Potenzial abzuschöpfen, dürfe man nicht den Grünen – bei denen sie einst beinahe selbst als Mitglied gelandet wäre – das Feld überlassen. Deshalb will sie sich kommunalpolitisch verstärkt in Verkehrs- und Stadtklimafragen einmischen, den Rad- und Nahverkehr stärken. Ungerechtigkeit, in welcher Form auch immer, ertrage sie nicht.

„Ich halte es tief in mir drin nicht aus, wenn etwa Geld, Name, Wohnort oder Geschlecht über die Zukunft eines Menschen entscheidet.“ Und zur Ungerechtigkeit gehöre auch die Klimafrage, die Tatsache, dass ältere Generationen den nachwachsenden Menschen einen „beschädigten Planeten vererben“.

Die 24-Jährige ist eine Überzeugungstäterin

Auch das bisweilen gar nicht so verborgene rechte Treiben umstrittener Burschenschaften – speziell Germania, Rheinfranken und Normannia Leipzig, seit wenigen Tagen auch der AfD – ist ihr ebenso zuwider. „Marburg ist gleichbedeutend mit Offenheit und Vielfalt. Rechten Spinnern muss man hier ständig signalisieren: Ihr habt hier nichts zu sagen.“ Schon gar nicht angesichts eines oft propagierten Frauenbilds, das Stenzel als bekennende Feministin verurteilt.

Die 24-Jährige ist eine Überzeugungstäterin, die – ähnlich wie manch anderer Politnachwuchs etwa bei Linken oder FDP – vor Energie zu strotzen scheint und die nun mit dem neuen Vorsitzenden Thorsten Büchner auch entscheidend den Wahlkampf der Kommunal- und Oberbürgermeisterwahl 2021 verantworten muss.

So nicht zu erwarten, als sie vor fünf Jahren zum Soziologiestudium in die Stadt kam. Ihren Master macht sie in Frankfurt, den Abschluss wohl nächstes Jahr. „Ich dachte immer, ich müsse doch spätestens im Studium einen klaren Berufswunsch haben. Doch bis heute kann ich mich nicht auf eine Möglichkeit festlegen, ich kann mir sehr viel vorstellen und habe daher keine Angst. Mein Fokus liegt momentan darauf, mein Studium abzuschließen und dann ins ­Berufsleben einzusteigen“, sagt sie und verdreht die Augen bei ­Anspielungen auf eine mögliche Polit-Karriere. „Nicht jeder, der sich politisch engagiert, muss auf einen hauptamtlichen Weg in die Politik schielen.“

von Björn Wisker