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Marburg Angst vor neuem „Affenfelsen“: Ein Dorf setzt sich zur Wehr
Marburg Angst vor neuem „Affenfelsen“: Ein Dorf setzt sich zur Wehr
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09:58 16.06.2021
Auf einem hinter dem Hügel gelegenen Grundstück zwischen „Über der Kirch“ und „Zur Hege“ in Wehrshausen planen mehrere Bauherren die Errichtung von Doppel-Gebäuden. Im Stadtteil regt sich wegen der Größenordnung des Projekts Widerstand.
Auf einem hinter dem Hügel gelegenen Grundstück zwischen „Über der Kirch“ und „Zur Hege“ in Wehrshausen planen mehrere Bauherren die Errichtung von Doppel-Gebäuden. Im Stadtteil regt sich wegen der Größenordnung des Projekts Widerstand. Quelle: Björn Wisker
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Wehrshausen

Der Wind raschelt leise in den Bäumen, Vögel zwitschern, irgendwo mäht jemand den Rasen, während sich ein Paketzusteller durch die schmale Straße presst. Doch die Ruhe, das Bild von „Hier ist nichts los“, täuscht. Denn in Wehrshausen, unweit des Ortseingangsschilds hinter dem Oberen Rotenberg, herrscht Aufruhr.

Der Grund dafür ist ein Bauvorhaben. Eines, das nach Einschätzung von Klaus Soer und Peter Bachmann so gar nicht in den Stadtteil passt. „Die Dimensionierung des Hauses ist enorm, das ist eine bedrängende Bebauung. Dieses Gebäude wird sich nicht in die Nachbarschaft, nicht in den Stadtteil insgesamt einfügen. Im Gegenteil: Wehrshausens Ortsbild wird empfindlich gestört“, sagt Soer.

Ein Bild des Stadtteils?

Konkret geht es um die Pläne einer Bauherrengemeinschaft auf einem Grundstück „Über der Kirch“, einer der von der Marbach kommend ersten Seitenstraßen im Dorf. Dort sollen zwei mehrstöckige Wohnhäuser mit zwölf Apartments entstehen. „Dieser Block wird das Bild des Stadtteils dominieren, das wird ein Affenfelsen“, sagt Bachmann.

Was sicher stimmt: Wehrshausen ist praktisch eine Ansammlung von flachen Ein- und Zweifamilienhäusern, ein Wohnhaus mit Eigentums- und Mietapartments, Geschoss-Wohnungsbau wäre recht außergewöhnlich. Laut der bisher bekannten Pläne soll das in den Hang zu bauende Gebäude mehr als 1200 Quadratmeter Wohnfläche bieten.

Soer: „Klassisches Rediteobjekt“

In Wehrshausen herrscht eben wegen dieser Pläne, deren Umfang, Investoren-Alarm: „Das riecht nach klassischem Renditeobjekt“, sagt Soer. Das, was der für das Gebiet 50 Jahre alte Bebauungsplan zulasse, werde zum Bedauern der Projektgegner nun „voll ausgeschöpft“, entspreche aber nicht dem, was „den Charakter des Wohngebietes wahrt, die Wohnqualität für alle Anwohner erhält“, sagt Bachmann.

Soer und Bachmann haben vor kurzem eine Petition, eine Unterschriften-Sammlung gestartet. Mehr als 300 Unterzeichner hat sie bereits – es ist praktisch das ganze Dorf, das sich gegen eine „monolithische Großbebauung“ und die drohende „Überforderung der Infrastruktur und des Verkehrs“ ausspricht.

Parkplatzsituation ist prekär

Durch die schmalen Straßen, zumal in dem Gebiet „Aufm Gebrande“, „Zur Hege“ und „Über der Kirch“, sei schon jetzt wegen der prekären Parkplatzsituation oft schwer durchzukommen. Noch schwerer wögen die „bereits jetzt überlasteten Kanalanlagen“. Die Kosten für eine nötige Erweiterung zu tragen, das sei mit den Alt-Wehrshäusern nicht zu machen.

Die Verdichtung wird von den Wehrshäusern als „Bausünde“ und „Verschandelung“ bezeichnet, Parallelen eben zum Affenfelsen wie auch der Stadtautobahn gezogen. Die Kritik erinnert an ein Bauprojekt in Ockershausen, einen nicht lange zurückliegenden Konflikt von Anwohnern der Hermannstraße mit dem Kerstinheim.

Der Zustand „ist das Außergewöhnliche“

Auch dort ist es vor allem der Vorwurf einer maximalen Bauplatz-Ausnutzung, eines „Klotz-Charakters“, wie er auch dem geplanten Jugendherbergsneubau in Weidenhausen anhaftete. Soer, Bachmann und Co. fordern den Magistrat auf, bei der Planung eine „Verkleinerung zu bewirken“ und den Bebauungsplan grundsätzlich umgehend zu ändern, sodass Bauprojekte mit hohen Geschossanzahlen nicht mehr möglich sind.

In Bauverwaltung und Magistrat sieht man indes keine Gestaltungsmöglichkeiten. „Verstößt ein Bauantrag nicht gegen die Vorgaben, müssen wir ihn genehmigen. Im konkreten Fall bewegt sich alles im Rahmen des Zulässigen, da gibt es keine Handhabe“, sagt Bauamtsleiter Walter Ruth im OP-Gespräch.

Auf einem Grundstück zwischen "Über der Kirch" und "Zur Hege" in Wehrshausen planen mehrere Bauherren die Errichtung von Doppel-Gebäuden. Im Stadtteil regt sich wegen der Größenordnung des Projekts Widerstand Quelle: Björn Wisker

Von einer hohen Geschosszahl könne auch nicht die Rede sein, denn wie im ganzen Stadtteil seien zwei Vollgeschosse erlaubt. Die aktuell geplanten Unter- und Staffelgeschosse zählen nicht in die Berechnung und seien prinzipiell erlaubt. Das Vorhaben wirke nicht zuletzt wegen der Hanglage „größer, als es tatsächlich sein wird“, wie Ruth sagt. Kritisch sieht man bei der Stadt daher eine im Internet kursierende Fotomontage des Gebäude-Duos. „Dass so eine Visualisierung den Menschen Sorgen macht, ist verständlich. Aber diese Ansicht entbehrt jeder Grundlage, ist völlig außerhalb des Maßstabs.“

Laut Bürgermeister Wieland Stötzel (CDU) ist entscheidend: Auf dem großen Grundstück „Über der Kirch“ steht derzeit ein für Wehrshäuser Verhältnisse eher kleines, vor dem Abriss stehendes Haus. „Schaut man sich die Nachbarschaft an, ist aber der jetzige Zuschnitt der Grundstücksbebauung das Außergewöhnliche, nicht die diskutierte Planung“, sagt Stötzel.

Stötzel: Nachbarschaft wird sich arrangieren müssen

Letztlich folge das Projekt nämlich nur einem Trend, den es auch in Wehrshausen schon länger gebe: „Die zu bebauende Fläche will jeder maximal ausnutzen, die Freifläche eher gering halten.“ Davon zeugten nicht zuletzt die vielen Grundstücksteilungen im Ort, wo auf einer Parzelle zwei statt einem Wohnhaus stünden und die Gärten offensichtlich geschrumpft seien.

Der seit mehr als 50 Jahren gültige Bebauungsplan, auf dem praktisch die gesamte Wehrshäuser Siedlung beruhe, besage, dass 30 Prozent eines jeden Grundstücks bebaut werden dürfen. Je größer das Grundstück, desto umfangreicher auch das zulässige Gebäude-Volumen samt Wohnfläche. „Im Stadtteil konnten sich in der Vergangenheit viele mit ihrem Hausbau verwirklichen, individuell umsetzen – und zwar im Rahmen eben dieses Bebauungsplans“, sagt Stötzel.

Die Kanalisation ist ein weiteres Thema

Sowohl die Kanal- als auch die Stellplatz-Sorgen der Anwohner im Gebiet „Über der Kirch“ und „Zur Hege“ seien unbegründet. Denn nach Prüfung durch Stadtwerke-Experten werde die bestehende Kanalisation das zusätzliche Volumen verkraften, obgleich den Bauherren die Errichtung eines Regenrückhaltebeckens zur Auflage gemacht werde, wie Ruth sagt. Auch müssten diese mehr als 20 Stellplätze nachweisen – und das nicht entlang der schmalen Straßen.

Die Nachbarschaft werde sich daher laut Stötzel mit der Bebauung „arrangieren müssen“ – und die Tatsache, dass zwölf der Innenstadt recht nahe Wohnungen entstehen und Wehrshausen wachse, sei ja etwas Positives.

Von Björn Wisker

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