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Marburg Angst vor dem Fremden
Marburg Angst vor dem Fremden
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17:55 18.06.2020
Fatou Yasemine Konate aus der Elfenbeinküste lebt seit zehn Jahren in Marburg. Quelle: Katja Peters
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Marburg

In Marburg hat Fatou Yasemine Konate keine Angst. Aber wenn sie in fremden Städten unterwegs ist, dann beschleicht sie ein mulmiges Gefühl. „Das ist eine unbewusste Reaktion auf die Berichterstattung in den Medien“, versucht die 38-Jährige eine Erklärung.

„Der Anschlag auf das Asylbewerberheim in Solingen, der lief sogar bei uns in Afrika in den Nachrichten“, berichtet sie. Das war das erste Mal, dass die junge Fatou überhaupt etwas Negatives über Deutschland in ihrem Heimatland Elfenbeinküste gehört hat.

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Dass die Medien einen großen Einfluss auf das Empfinden der Menschen haben, davon ist sie überzeugt. Die wenigsten hätten direkt schlechte Erfahrungen mit Migranten, und trotzdem hätten sie Angst.

„Wenn man was nicht kennt, dann reagiert man so, wie man es aus dem Fernsehen kennt“, kann sie manche Ängste sogar nachvollziehen. Auch viele Vorurteile würden dadurch geschürt.

„Schwarze müssen arm sein“

„Wenn ich bei Aldi an der Kasse stehe, dann ist das normal. Aber dass ich es mir auch leisten kann, bei Rewe einzukaufen, das ist scheinbar nicht normal.“ Denn dort erlebt sie schon mal argwöhnische Blicke. „Schwarze müssen arm sein. Das ist ein weit verbreitetes Vorurteil“, sagt sie und vermutet, woher das kommt: In Filmen gibt es selten reiche Schwarze, in den Geschichtsbüchern sind Schwarze unterdrückte Ungebildete in schlecht entwickelten Gesellschaften.

Dass sich diese Zeiten geändert haben, musste sie in Marburg erst einmal beweisen. Denn genau mit diesem Vorurteil wurde sie während ihres Studiums der Sozialwissenschaften mit Schwerpunkt Erziehungswissenschaften an der Philipps-Universität konfrontiert. In einer Gruppenarbeit wurde ihr von den weißen Mit-Kommilitonen unmissverständlich klargemacht, dass man ihr nicht zutraue, auf Augenhöhe mitzuarbeiten.

Erfahrungen sammeln statt Fernsehen

„Sie haben mich gefragt, ob ich überhaupt alles verstehen würde. Sie wollen schließlich gute Noten bekommen.“ Der betreuende Professor riet der Gruppe, sich zu trennen, was auch geschah. Dieses Erlebnis und eine sehr intensive Durchsuchung am Flughafen in Belgien als einzige Passagierin des Fluges aus Afrika haben Fatou Yasemine Konate sehr nachdenklich gemacht.

„Es ist die Angst vor dem Fremden“, ist sie sich sicher. Deutschland war in seiner bisherigen Geschichte kein Einwanderungsland wie beispielsweise Frankreich oder die USA. Deswegen habe man sich damit nicht beschäftigt und auch nicht mit den Menschen und ihren Herkunftsländern. Fatou Yasemine Konate hofft, dass das jetzt stärker passiert, „dass die Menschen eigene, persönliche Erfahrungen sammeln und nicht mehr durch Fernsehbilder geleitet werden“. Sie will das auch tun.

Von Katja Peters

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