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Marburg Freispruch: Kinderporno-Dateien auf Handy
Marburg Freispruch: Kinderporno-Dateien auf Handy
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11:00 22.12.2019
Nachdem die ehemalige Freundin des Angeklagten eine Nebenbuhlerin vermutete, durchsuchte sie sein Handy - Sie fand Kinderporno-Dateien. Der Angeklagte musste sich nun vor Gericht verantworten. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Weil in ihr der Verdacht aufgekommen war, dass er neben ihr noch eine andere,­ „feste“, Freundin hatte, wollte sie ihm auf die Schliche kommen. Sie begann, in seinem Handy nach Beweisen für ihren Verdacht zu suchen. Was sie dort aber, neben dem Namen ihrer Rivalin, tatsächlich fand, schockte sie noch mehr, als es die Bestätigung ihres Verdachtes vermochte: ein Foto ­
eines etwa acht- bis zehnjährigen Mädchens in eindeutiger sexueller Pose.

Zwei Wochen lang behielt sie diese Entdeckung für sich, bevor sie sich beim Verein „Wildwasser“ beraten ließ, wie sie ­damit umgehen soll. Dort habe­ man ihr eindeutig zur Anzeige­ 
geraten. Bei der folgenden Hausdurch­suchung beim Angeklagten stellte die Polizei­ ein Smart­phone, ein Netbook­ und eine mobile Fest­platte ­sicher. Auf den drei Geräten waren insgesamt 254 ­Foto- und Videodateien mit pornografischen Darstellungen­ von Kindern zu finden.

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Die Anwältin des Angeklagten, Nadin Nitz, sagte dazu nun, ihr Mandant habe von diesen Dateien keine Kenntnis gehabt. Lediglich einmal seien ihm von einem Freund, der sich immer um seine Technik gekümmert habe, über einen so genannten Messenger Bilder auf sein Handy gesendet wor­den, versehen mit einem Kommentar. Die habe er sofort gelöscht und dem Absender klar gesagt, er wolle so etwas nicht haben.


Das Netbook habe er gebraucht gekauft und besagtem Freund für vier Wochen überlassen, damit dieser das Betriebssystem etwas schneller machen könne. Und die externe Festplatte, die bei der Durchsu­chung sichergestellt worden war, sei Eigentum dieses Freundes gewesen.

Frau dachte an Racheakt ihrer Nebenbuhlerin

Die sei zwischen beiden immer wieder ausgetauscht worden, jeweils mit neuen Serien und Filmen „normaler“ Machart. Als erste Zeugin im Prozess trat die ehemalige „feste“ Freundin des Angeklagten auf, mit der er über mehrere Jahre zusammen war, auch während des Kinderporno-Fundes. Eine­ ­junge, akademisch gebildete­ Frau, die sich festlegte: „Das würde ich ihm niemals zutrauen, der ist nicht so ein Typ.“

Sie habe jederzeit Zugriff auf seine Geräte gehabt, diese seien auch nicht durch Passwörter geschützt gewesen. Er habe also nichts verbergen wollen. Die geschützten Dateien auf der externen Festplatte seien ihr auch aufgefallen, sie habe sich aber nichts weiter dabei gedacht, denn die Platte gehörte ja dem Technik-Freund des Angeklagten. Auch, dass dieser eine Zeitlang in Besitz des Netbooks gewesen sei, bestätigte sie.

Spannend war die Frage der Staatsanwältin, ob sie während besagter Zeit Kontakt zu ihrer Nebenbuh­lerin gehabt habe, die schließlich den Freund angezeigt hatte. „Anfang 2016 erhielt ich plötzlich von einer mir unbekannten Nummer eine SMS auf mein Handy mit dem Inhalt ‚Dein Freund betrügt Dich‘.“ Sie habe den Eindruck gewonnen, dass die Schreiberin sehr labil sei, „sie sprach sogar von Selbstmordgedanken“.

Als dann nach wenigen Wochen die Anzeige ins Haus flatterte, dachte die ehemalige feste Freundin zunächst an einen Racheakt. Als nun der Technik-Freund des Angeklagten, der diesem angeblich die Bilder aufs Handy geschickt und auch das Netbook und die externe Festplatte zumindest zeitweise in Gebrauch hatte, in den Zeugenstand gerufen wurde, tauchte dieser nicht auf. 
Vorwürfe konnten nicht belegt werden.

Zur weiteren Aufklärung konnte aber der geladene Sachverständige für IT-Forensik beitragen. Dieser bestätigte denn auch, dass auf dem Handy des Angeklagten tatsächlich eine Nachricht mit Bilddateien und dem Text „Cool, was es für heiße Sachen von Underteens gibt, oder?“ von besagtem Freund eingegangen waren. Diese seien dann auch gelöscht worden, allerdings nur im Messenger.

Vorwürfe konnten 
nicht belegt werden

Der Normalnutzer wisse nicht, dass ein Handy Bilddateien aber noch in einem anderen Verzeichnis speichere. Mit dieser Feststellung war nun schon mal ein ­wesentlicher Teil der Aussage des Ange­klagten bestätigt. Auch die auf den beiden anderen Medien gefundenen Bild­dateien seien gelöscht worden, für einen Experten allerdings teilweise noch auffindbar.

Darüber hinaus gab es zwei eingerichtete Nutzer­profile auf dem Netbook, eines lautete auf den Namen „Bjoer“, 
ein zweites auf den Namen ­„Nepal“. Wer diese Profile jeweils genutzt habe, sei aber auch für ihn als Gutachter nicht mit Sicher­heit festzustellen. Dazu muss man wissen, dass die Bezeichnung des Nutzerprofils 
„Bjoer“ an den Vornamen des Angeklagten angelehnt scheint.

Richterin Melanie Becker merkte noch an, dass der Angeklagte bisher strafrechtlich ein völlig unbeschriebenes Blatt sei. Die Staatsanwältin stellte in ihrem Plädoyer fest, dass im Verlauf des Verfahrens lediglich nachgewiesen werden konnte, dass die Kinderporno-Dateien auf dem Handy des Angeklagten tatsächlich von dessen Freund gesendet worden waren. Daher gehe sie von der Unschuld des Angeklagten aus.

Dafür spreche auch die Aus­wertung des Nutzerprofils „Bjoer“, für das keinerlei Aktivitäten auf Pädophilen-Plattformen oder Tauschbörsen festgestellt werden konnten. Nun sei allerdings bereits der Besitz von kinderpornografischen Schriften, so der Fachterminus, strafbar.

Offenbar habe der Angeklagte­ aber nichts von diesen Dateien­ auf seinen Geräten gewusst. ­Daher beantrage sie einen Freispruch. Ein Antrag, dem sich die Verteidigerin anschloss. 
Nach kurzer Beratung endete das Verfahren auch mit einem Freispruch, weil die gegen den Angeklagten erhobenen Vorwürfe nicht belegt werden konnten. 
Woher aber die kinderporno­grafischen Dateien auf dem Netbook und der externen Festplatte des Angeklagten stammten, wurde nicht geklärt.     

von Volker Kubisch