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Marburg Angeklagter belastet Opfer
Marburg Angeklagter belastet Opfer
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12:49 17.02.2020
Wegen schwerer Körperverletzung und Geiselnahme steht ein 45-Jähriger aus Cyriaxweimar vor Gericht.  Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Am ersten Verhandlungstag hatte der 45-jährige Angeklagte die Messerstiche abgestritten (OP berichtete). In einer mehrstündigen Einlassung schilderte er das Leben mit seiner Ehefrau und seinen Kindern – erst in Syrien, dann in Cyriaxweimar.

15 Jahre sei das Ehepaar nun schon zusammen, betonte der Syrer. „In den 15 Jahren habe es immer mal wieder Streit gegeben, dies komme in den besten Beziehungen vor“ sagte er. Doch nach der Geburt seines dritten Kindes wurde der Familienvater misstrauisch, ob seine Frau ihm stets treu gewesen sei. Denn sein Kind hat blonde Haare. Misstrauisch wurde der Familienvater aber auch, weil seine Frau sehr lange und intensive Telefonate mit ihrer Mutter geführt habe und immer wenn er den Raum betreten habe, das laufende Telefonat beendet wurde. „Es schien mir, als würde meine Frau etwas vor mir verbergen“, so der Angeklage.

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Ehefrau mit Handy ausspioniert

Zahlreiche Streitereien habe es gegeben, wo seine Frau, die er als jähzornig beschrieb, auch die gemeinsamen Kinder geschlagen haben soll. Die Ehefrau des Angeklagten soll sich stark im Verhalten geändert haben, stellte der Angeklagte heraus. Sie trage mittlerweile Kopftuch, bete jeden Tag und fordere auch die Kinder auf, dies zu tun.

Mehrfach fing der Angeklagte an zu weinen, als er in seiner Aussage über die gemeinsamen Kinder sprach. Es gab immer wieder große Auseinandersetzungen zwischen den Eheleuten, die auch dazu führten, dass der Angeklagte mit Herzschmerzen zusammenbrach und zeitweise bis zu fünf Tage im Krankenhaus verbrachte.

Weil immer wieder Zweifel an der Vaterschaft aufkamen, habe er seine Frau um einen Vaterschaftstest gebeten. Daraufhin soll sie geantwortet haben: „Möchtest du dies wirklich tun? Dann musst du gehen.“ Am Abend vor dem Tattag sei das Ehepaar gemeinsam in eine Shisha-Bar gegangen, um zu reden. Sie hätten sich daraufhin entschlossen ein paar Tage nach Holland zu dem Vater seiner Frau zu fahren.

Am Tattag selbst, dem 22. April vergangenen Jahres, soll es schon am Vormittag Streit gegeben haben. Daraufhin habe der Angeklagte sein neues Mobiltelefon angeschaltet und dies als Aufnahmegerät in der Wohnung versteckt. Die Aufnahmen liegen dem Gericht auch vor.

Emotional durcheinander

Gegen Mittag habe er das Mobiltelefon wieder aus der Wohnung geholt und abgehört. Ab der zehnten Minute der Aufnahme habe der Angeklagte ein fremdes Geräusch – er vermutet eine männliche flüsternde Stimme – sowie die Stimme seiner Frau gehört.

Was genau besprochen wurde, das wisse er nicht mehr, aber für ihn stand fest, dass seine Frau ihn betrüge. Immer wieder hörte er sich die Aufnahme an und wollte nicht wahrhaben, was er gehört hatte. Er sei emotional sehr durcheinander gewesen.

Wieder zu Hause soll der Angeklagte seine Frau mit dem Vorwurf konfrontiert und gerufen haben: „Du hast unsere Ehe zerstört!“ Seine Frau habe die Vorwürfe auch nach dem Abspielen der Tonaufnahme abgestritten und zu ihm gesagt: „Du hast dumme Gedanken im Kopf.“ Während des Gespräches sei ein Kind ins Bad gekommen. Nachdem der Angeklagte es raus begleitet hatte, soll das Opfer etwas in der Hand hinter ihrem Rücken versteckt haben. Mehrfach forderte der Angeklagte seine Frau auf, ihm den Gegenstand auszuhändigen – welches sich später als „Spachtel“ herausstellte. Es kam zur bekannten Rangelei.

Fluchtziel Dänemark

„Ich habe einen Fehler gemacht. Mit Gewalt habe ich ihr dann den Gegenstand entwendet und sie dabei verletzt. Bei Gott – ich weiß nicht genau, wie das passiert ist“, beteuerte der Angeklagte vor Gericht. Offensichtlich unter Panik verließ er nach einer kurzen Erstversorgung mit den Kindern das Haus. Kurze Zeit später soll er zurück in die Wohnung gekommen sein und habe seine Frau ohnmächtig im Schlafzimmer vorgefunden. Die sei aber, so der Syrer, nur vorgespielt gewesen. „Ich nahm den Plastiksack mit den Papieren der Kinder, verließ die Wohnung und fuhr mit den Kindern fort.“ Er wollte die Kinder zu einem Cousin nach Dänemark in Sicherheit bringen 
 „und dann die Polizei verständigen“. Dazu kam es aber nicht mehr, die Polizei beendete die Reise in der Nähe von Kiel.

Auf Nachfrage des Richters, ob er die männliche Stimme in der Aufnahme wiedererkannt habe, äußerte der Angeklagte, er würde die Stimme kennen, aber könne dazu nichts sagen, weil dann die gesamte Familie zerstört würde. Er würde sich schämen, weil auch der Schwiegervater im Besucherraum säße. Er beteuerte weiter, er habe es nie gewollt, seine Frau zu verletzen, geschweige denn zu töten.

Ob er sich erklären könne, wie die zahlreichen ihm vorgeworfenen Stich- und Schnittverletzungen passiert seien? „Nein“, antwortete der Angeklagte. Er war es nicht, aber eine Selbstverletzung wollte er seiner Frau auch nicht unterstellen.
Der Prozess wird am Montag, 24. Februar, ab 9 Uhr fortgesetzt.

von Jörn George     

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