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Marburg Angeklagte 
bricht in Tränen aus
Marburg Angeklagte 
bricht in Tränen aus
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00:17 05.03.2019
Im jüngsten Prozesstag zeigte die Angeklagte einen Gefühlsausbruch. Quelle: Nadine Weigel / Archiv
Marburg

Eigentlich war es eine berechtigte Frage: Nebenklageanwältin Elke Edelmann war in der Mittagspause aufgefallen, dass die Angeklagte kurz mit dem als Zeugen geladenen Chefarzt gesprochen hatte. Nach der Pause wollte sie dann wissen, was das Thema dieses Gesprächs gewesen sei.

Eigentlich sind derartige Nachfragen gängige Praxis und sollen Absprachen und Einflussnahmen auf Zeugen verhindern. Auf diese kurze Frage Edelmanns kam es jedoch fast zum Eklat: Der implizierte Vorwurf, dass die Angeklagte den Arzt angesprochen habe, wurde sofort von der Verteidigung ­dementiert.

Es sei anders herum gelaufen, stellte der Anwalt von Elena W. klar. Der Chefarzt sei auf seine Mandantin zugekommen. Auf die Anschlussfrage, worum es denn gegangen sei, reagierte­ der Mediziner völlig entgeistert: „Ich habe doch nur ‚Hallo‘ gesagt“, stammelte er perplex in sein Mikrofon. Ein kurzer Satz mit schwerwiegenden Folgen: Offenbar realisierte die 29 Jahre alte ehemalige Krankenschwester in diesem Augenblick, dass jeder freundliche Kontakt mit ihr nun vor ­Gericht diskutiert wird.

Gericht unterbricht Sitzung

Diese Erkenntnis und die Strapazen des kräftezehrenden Prozesses waren zu viel für die junge Frau: Der sonst so stoischen Angeklagten kamen die Tränen. Nach kurzer Zeit musste der Prozess sogar für zehn Minuten unterbrochen werden. Der Verlobte der Angeklagten, der im Zuschauerraum saß, folgte seiner Lebensgefährtin sofort in den Flur des Landgerichts, um sie zu trösten.

Dieser Gefühlsausbruch präsentierte die Angeklagte ungeplant ganz anders, als sie sich zuvor im Gerichtssaal gezeigt hatte: Ruhig, gefasst und ohne­ auch nur ein Wort zu sagen, saß sie zwischen ihren Anwälten. Während auf der Seite der Nebenklage bei den Eltern der Frühchen verständlicherweise­ Tränen flossen, war sie stets ­ungerührt erschienen.

Nun zeigen sich die Auswirkungen des langen und anstrengenden Verfahrens wohl auch bei Elena W. Der ehemaligen Krankenschwester wird vorgeworfen, zwischen Dezember 2015 und Februar 2016 drei Frühchen nicht verordnete ­Medikamente verabreicht zu haben. Eines der Frühchen starb in der Folge – ob die Medikamentengabe der Grund hierfür war, ist noch unklar.

Mehr zum vorigen Prozesstag lesen Sie hier.

von Melchior Bonacker