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Marburg Hier könnte Marburg wachsen
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15:00 12.02.2022
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Marburg

Wo könnten in Marburg in Zukunft neue Wohngebiete entstehen? Die allerersten Hinweise darauf finden sich im Entwurf für den neuen Regionalplan Mittelhessen. Darin steht eine Reihe von „Vorranggebieten Siedlung Planung“. Werden sie in den endgültigen Regionalplan aufgenommen, kann dies der erste Schritt zur Planung eines zukünftigen Baugebietes sein. Die Betonung liegt auf „kann“. Denn Kommunen können sich auch dagegen entscheiden, die Vorranggebiete tatsächlich entsprechend zu nutzen.

„Bei den im Regionalplan vorgeschlagenen ’Vorranggebieten Siedlung Planung’ handelt es sich generell um Entwicklungsoptionen, die für Siedlungserweiterungen genutzt werden können“, erklärt Patricia Grähling von der Pressestelle der Stadt Marburg. „Diese Angebote sind in Summe großzügig bemessen.“ Der Grund: Die Kommunen hätten damit Verhandlungsspielraum gegenüber Eigentümerinnen und Eigentümern und könnten auf der Ebene der Bauleitplanung auf ökologische und topografische Bedingungen Rücksicht nehmen. Und: „Für den Fall einer konkreten Planung sind immer weitere, sehr detaillierte Untersuchungen zu Umweltaspekten durchzuführen“, betont Grähling. So kann sich ein Vorranggebiet doch noch als ungeeignet erweisen.

Fest steht aus Sicht der Regionalplanung, dass in Marburg neue Siedlungsgebiete entstehen müssen. Der Regionalplan beziffert den Bedarf für Marburg bis zum Jahr 2035 auf 4 408 Wohnungen beziehungsweise 147 Hektar Siedlungsflächen. Um diesen Bedarf zu decken, ist im Entwurf eine Reihe von Vorranggebieten bei Bauerbach, Marbach, Michelbach, Moischt, Schröck und Stadtwald vorgesehen. Fachleute haben dazu auch eine erste Einschätzung der ökologischen Folgen in einem Umweltbericht dargestellt:

Bei Bauerbach sieht der Entwurf zwei mögliche Siedlungsgebiete vor – südwestlich des Ortes ein 19,1 Hektar großes Gebiet (S324), nordöstlich eine 9,8 Hektar große Fläche (S325).

Ertragssichere Böden gehen verloren

Beide Flächen sind laut Umweltprüfung aber problematisch, weil der Landwirtschaft an dieser Stelle ertragssichere Böden verloren gehen würden. Zudem leben in dem Gebiet Rotmilane. Deshalb sollen die Flächen zwar zunächst in den Regionalplan aufgenommen werden, aber es „werden weitere Untersuchungen und das Aufgreifen von Vermeidungsmaßnahmen auf nachfolgender Planungsebene vorgeschlagen“, heißt es in der Gesamtabwägung.

Bei einem 11,8 Hektar großen Gebiet in der Marbach zwischen Höhenweg und Sellhof (S338) stellt der Umweltbericht erhebliche Auswirkungen fest und empfiehlt deshalb einen Verzicht. Dabei geht es vor allem um die für die Stadt wichtigen Kaltluftströme. Aus Sicht der Raumplanung gibt es allerdings keine „siedlungsklimatisch besser geeignete Alternative“ zu der bereits im Regionalplan 2010 enthaltenen Flächen. Denn an allen Siedlungsrändern der Kernstadt seien für die Durchlüftung wichtige Flächen. Mittelbare Auswirkungen könnte ein Siedlungsgebiet an dieser Stelle auch auf das Flora-Fauna-Habitat Dammelsberg/Köhlersgrund haben, in dem unter anderem Fledermäuse, Grünspechte und Hirschkäfer leben. Erhebliche Beeinträchtigungen des FFH-Gebiets seien aber auszuschließen, heißt es.

Südwestlich von Michelbach ist eine 13,1 Hektar große Fläche als Vorranggebiet vorgesehen (S313), nördlich des Ortes ein 25,9 Hektar großes Gebiet (S314).

Ausgleichsfläche mit Streuobstwiesen

Während das südwestliche Gebiet voraussichtlich keine erheblichen Auswirkungen auf die Umwelt hat, ist in dem nördlichen Gebiet eine Ausgleichsfläche mit Streuobstwiesen. Solche Flächen werden als Ersatz angelegt, wenn andernorts in die Natur eingegriffen wird. Deshalb empfiehlt der Umweltbericht, bei der weiteren Planung die Umweltfolgen zu prüfen.

Auch für ein 12,9 Hektar großes Gebiet am West- und Nordrand von Moischt (S320) empfiehlt der Umweltbericht, die Folgen auf nachfolgenden Planungsebenen tiefergehend zu überprüfen. Grund dafür sind gute landwirtschaftliche Böden. Dagegen bewertet der Umweltbericht die Auswirkungen einer 11 Hektar großen möglichen Siedlungsfläche im Nordosten des Ortes (S339) als „nicht erheblich“.

Rund um Schröck sind insgesamt vier Vorranggebiete für Siedlungen im Entwurf eingetragen. Bei einem 14,8 Hektar großen Gebiet nördlich des Ortes (S322) empfiehlt die Umweltprüfung einen Verzicht, weil dort gute landwirtschaftliche Flächen sind. Zudem leben dort Tiere wie Mäusebussarde, Molche, Feuersalamander und Zauneidechsen. Da die Stadtwerke in der Nähe eine Trinkwasser-Gewinnungsanlage planen, hat die Regionalplanung die Fläche verkleinert. Sie hält deshalb zwei weitere Gebiete im Osten (S3922, 11,5 Hektar) und Südwesten (S3921, 23,9 Hektar) für erforderlich. Beide Flächen sind allerdings ertragssichere Böden, der Umweltbericht empfiehlt deshalb einen Verzicht. Dagegen sind die Umweltauswirkungen eines 5,4 Hektar großen möglichen Siedlungsgebietes im Westen des Ortes (S340) nach Einschätzung der Fachleute „voraussichtlich nicht erheblich“.

Als „nicht erheblich“ bewertet der Umweltbericht auch die Auswirkungen eines 11,1 Hektar großen geplanten Siedlungsgebietes am Hasenkopf (S305). Für dieses Gebiet hat bereits auf kommunaler Ebene eine detaillierte Umweltprüfung begonnen. Erste Teilergebnisse liegen schon vor. So hat ein artenschutzrechtliches Gutachten ergeben, dass das Gebiet weder für Großvögel noch für Rastvögel eine überregionale Bedeutung hat. Für Brutvögel hat der Hasenkopf aber eine mittlere Bedeutung. Die Gutachter empfehlen deshalb eine naturnahe Gestaltung des potenziellen Wohngebietes. Vor Ort gibt es erheblichen Widerstand gegen ein Baugebiet: Die Bürgerinitiative „Wir sind Hasenkopf“ fordert den Stopp der Bauleitplanung und hat mit dieser Forderung 1 500 Unterschriften gesammelt.

Der Regionalplan-Entwurf befindet sich derzeit in der Offenlage – auch die Stadt Marburg muss nun eine Stellungnahme zu den Vorschlägen abgeben. Auf OP-Anfrage gibt die Stadtverwaltung noch keine Bewertung ab, ob sie einzelne Siedlungs-Vorranggebiete für ungeeignet hält oder zusätzliche Flächen favorisiert, die nicht im Entwurf enthalten sind. „Eine endgültige Bewertung der Entwicklungsoptionen aus Marburger Sicht bleibt den Stadtverordneten vorbehalten“, teilt Grähling mit. Sollten die Gebiete in den Regionalplan aufgenommen werden, dann werde die Stadt die dadurch eröffneten Möglichkeiten „sehr restriktiv“ nutzen und die Bürgerinnen und Bürger intensiv beteiligen.

Von Stefan Dietrich