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Marburg Urteil nach Pfefferspray-Attacke
Marburg Urteil nach Pfefferspray-Attacke
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16:00 29.12.2019
Ein Busfahrer mit Migrationshintergrund wurde im Frühjahr Opfer einer Pfefferspray-Attacke – verübt von einem Rechtsradikalen? Für dieses Motiv gibt es vor Gericht keine Hinweise. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Zu Beginn der Amtsgerichts-Verhandlung hatte der Anwalt des Angeklagten eine Erklärung abgegeben, in der der 25-jährige Pharmaziestudent seine Lebensumstände erklärte, die letztendlich zur Tat geführt haben sollen. Erst durch den OP-Artikel, in dem von der Polizei um Hinweise zum Täter gebeten wurde,­ aufgrund seiner daraufhin begonnenen Recherche, sei sein Erinnerungsvermögen bruchstückchenweise zurückgekommen.

Er habe sich dafür, dass er der Gesuchte ist, aber so sehr geschämt, dass er nicht wagte, zur Polizei zu gehen. Als diese dann vor ihm stand, sei er sogar erleichtert gewesen. Schwierige Lebensumstände und die aus finanziellen Gründen abgesetzte Psychopharmaka hätten dazu geführt, dass er, aufgrund von starkem Alkoholgenuss bei einer Geburtstagsfeier im März, letztendlich einem Kontrollverlust erlag.

Zwischenzeitlich habe er versucht, den Schaden wieder gutzumachen, sich bei dem Busfahrer entschuldigt, ihm ein Schmerzensgeld von 750 Euro angeboten und sich bereiter­klärt, den Stadtwerken die entstandenen Kosten zu ersetzen.
Die Zeugenbefragungen unter anderen des Busfahrers, des Gastgebers der besagten Geburtstagsfeier und eines Parkhauswächters, der am frühen Morgen vor dem Parkhaus Pilgrimstein auf den Angeklagten aufmerksam geworden war und fotografiert hatte, bestätigten die Trunkenheit des Angeklagten.

Hintergrund

Ein Mann hatte in den frühen Morgenstunden des 23. März dieses Jahres einen Busfahrer der Linie 7, nachdem er im Bus bereits verbal auffällig geworden war, beim Aussteigen mit Pfefferspray besprüht und dabei „Sieg Heil“ gerufen. Der Busfahrer– ein Mann mit Migrationshintergrund – hatte daraufhin seine Fahrt nicht mehr fortsetzen können, was auch den Stadtwerken­ Marburg, bedingt auch durch ­seine damit verbundene ­zweitägige Arbeitsunfähigkeit, Kosten verursachte.

Zudem sagte ein Polizist aus, dass weder bei den ­polizeilichen Ermittlungen noch bei einer erfolgten Hausdurchsuchung etwas gefunden wurde, was bei dem Täter auf Rechtsradikalität hindeute. Trotzdem: Es sei schon „schlimm genug, dass Busfahrer Pöbeleien ausgesetzt sind und aus dem Nichts heraus mit Pfefferspray besprüht werden“, sagte Richter Dominik Best.

Ein solches Vergehen könne nicht mit einer Geldstrafe abgegolten werden. Er verurteilte den Angeklagten im minderschweren Fall der Körperverletzung zu drei Monaten Gefängnis und setzte die Strafe für zwei Jahre auf Bewährung aus.
Abschließend riet Best dem Studenten, seine psychotherapeutische Behandlung in der Bewährungszeit fortzusetzen.

Er wolle mit der Strafe auch nicht sein Leben oder beruflichen Werdegang zerstören und glaube ihm, dass es ein einmaliger Fehltritt gewesen ist. Best: „Ich will nicht, dass so etwas in der Stadt in der er lebt, passiert.“ Der Fall hatte bundesweit für Aufsehen gesorgt.     

von Elvira Rübeling