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Marburg Hans Ritterbusch wird sehnsüchtig erwartet
Marburg Hans Ritterbusch wird sehnsüchtig erwartet
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10:57 15.04.2020
Hans Ritterbusch versorgt einen Patienten. Quelle: Katja Peters
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Marburg

Für Hans Ritterbusch hat sich eigentlich nichts geändert. „Hygiene spielt bei uns schon immer eine sehr große Rolle“, sagt der 50-jährige Krankenpfleger, der seit über zehn Jahren in der ambulanten Pflege arbeitet.

„Ich mache das, was ich immer mache“, sagt er beim Besuch der OP und ergänzt: „Händedesinfektion und Maske tragen.“ Die trägt er übrigens schon immer, gerade wenn Erkältungszeit ist. Als Asthmatiker für ihn eine Selbstverständlichkeit. Und jetzt, während der Corona-Pandemie, sowieso.

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Allerdings ist es derzeit schwierig, Masken und Desinfektionsmittel in ausreichender Menge zu bekommen. So musste das Pflegeteam schon auf selbst genähte Mundschutze zurückgreifen.

„Es sind eher die Angehörigen, die in Panik verfallen“

Um 15.30 Uhr beginnt sein Spätdienst beim Pflegeteam Conny Ridder. Seine Lieblingsschicht. Gut 15 Patienten wird er in den kommenden sechs Stunden versorgen, fährt dafür durch die ganze Stadt. Alle erwarten ihn, freuen sich auf ein bisschen Smalltalk und die Pflege.

„Die Patienten selbst tragen die derzeitige Situation mit Fassung. Die meisten von ihnen haben Kriegserfahrungen, sind also krisenerprobt. Es sind eher die Angehörigen, die in Panik verfallen“, erzählt Ritterbusch. Für ihn und seine Kollegen bedeutet die Pandemie vor allem weniger Verkehr auf den Straßen und weniger Patienten. Denn dadurch, dass viele Angehörige jetzt zuhause sind, übernehmen diese Pflege und Hauswirtschaft.

Zuhören beim Schlaganfallpatienten

Das sieht Daniela Petri, stellvertretende Pflegedienstleitung, kritisch. „Durch die Ausfälle fällt pro Schicht eine Tour weg. Das macht sich finanziell schon bemerkbar“, sagt sie und schließt Kurzarbeit nicht aus. Sie hofft auf einen finanziellen Ausgleich durch den Rettungsschirm der Bundesregierung, „ansonsten stehen wir bald vor einem Finanzloch“.

Hans Ritterbusch packt derweil seine Tasche: Medikamente, Handschuhe, Desinfektionsmittel. Um 15.40 Uhr ist Abfahrt auf den Richtsberg. Ein Schlaganfallpatient mit Lähmung und Spastik muss seine Tabletten nehmen und bekommt das Abendbrot vorbereitet. Das Reden fällt ihm schwer, Ritterbusch das Zuhören. Denn das Sprachzentrum des Patienten ist betroffen, seine Aussprache unverständlich.

Pflegedienstleitung wertet Daten aus

Erste Amtshandlung nach Ankunft: desinfizieren, Handschuhe anziehen und auf dem Smartphone den Start-Button drücken. Nach getaner Arbeit wird zusätzlich alles in die Kurve eingetragen und der Stop-Button gedrückt. Die Daten werden später im Büro auf einen Server gespielt, die Pflegedienstleitung wertet sie aus.

Zwei Schwerstbehinderte hat Ritterbusch auf seiner Tour zu versorgen. Neben der Tablettengabe muss er sie waschen, das Inkontinenzmaterial wechseln und sie neu positionieren. Dabei geht er sehr routiniert vor, dennoch sorgfältig und empathisch. „Am Anfang war diese Privatsphäre schon eine Umstellung“, gibt er zu.

„Ich bin so froh, dass es Sie gibt“

„Ich bin ja mitten in deren Leben, in den Wohnungen mit den Fotos aus der Vergangenheit – persönlicher geht es ja kaum“, sagt er und kennt bei jedem Patienten die Wehwehchen. Seine Hauptaufgaben sind indes Blutzucker messen, Insulin spritzen, Tablettengabe, Stützstrümpfe an- und ausziehen sowie ein kurzes Gespräch.

Wie bei dem 89-Jährigen aus einem Marburger Stadtteil. Der wartet schon sehnsüchtig auf Ritterbusch. Er zieht ihm die Stützstrümpfe aus, cremt und massiert die Füße. Währenddessen erzählt der Patient von früher, wie er nach dem Krieg fünf Jahre im Krankenhaus lag, weil es kein Penicillin gab. Heute wird er versorgt durch Essen auf Rädern und den Pflegedienst. „Ich bin so froh, dass es Sie gibt“, sagt der Marburger zum Abschied. Morgen Abend wird er wieder auf Hans Ritterbusch warten.

Von Katja Peters

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