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Marburg „Facebook hat mich für tot erklärt“
Marburg „Facebook hat mich für tot erklärt“
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17:00 09.07.2020
Der Arzt Amad Shir neben einem Monitor, auf dem seine Facebook-Seite abgebildet ist - im Gedenkstatus: Das soziale Netzwerk hat ihn für tot erklärt. Quelle: Andreas Schmidt
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Marburg

Amad Shir sitzt in seiner Praxis in Cappel am Schreibtisch. An der Wand hängt ein Schild – „Gestern ist Geschichte, das Morgen ein Geheimnis und heute ist das Leben“ steht darauf. Der Arzt hat eben noch seinen letzten Patienten des Tages behandelt – wegen Rückenschmerzen. Dann hat er seine Arzthelferinnen in den Feierabend verabschiedet. Doch wenn es nach Facebook, dem größten sozialen Netzwerk, ginge, dann wäre all dies nicht möglich. Denn: Für Facebook ist der Allgemeinmediziner, der vor rund 30 Jahren aus Afghanistan nach Deutschland kam, tot.

Ruft man die Facebook-Seite von Amad Shir auf, so steht dort: „In Erinnerung an Amad Shir. Wir hoffen, dass all jene, die Amad lieben, durch den Besuch seines Profils Trost finden.“ Das Konto wurde in den sogenannten „Gedenkzustand“ geschaltet – von wem, das weiß Amad Shir nicht.

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Seit Freitag findet sich diese Seite auf dem Profil von Shir, „seitdem kann ich mich auch nicht mehr einloggen. Facebook hat mich für tot erklärt – und ich kann nichts dagegen tun“, sagt er im Gespräch mit der OP.

Kontakte, die seine Telefonnummer haben, rufen ihn an – denn sie können nicht glauben, was ihnen das soziale Netzwerk da berichtet. „Sie sind erleichtert, dass ich noch lebe“, sagt der Arzt. Schlimmer ist für ihn allerdings, dass seine Frau Beileidsbekundungen bekomme – das sei dramatisch.

„Für mich ist es absolut unverständlich, dass es vonseiten Facebooks keine Rückversicherung gibt“, sagt Shir. So könne das Netzwerk ja eine Nachricht schicken – wenn es darauf nach angemessener Zeit keine Antwort gebe, „kann ja die Gedenkseite geschaltet werden“, findet er. Auch sei beispielsweise keine Sterbeurkunde oder Ähnliches verlangt worden, „das ist einfach verantwortungslos“, findet Shir.

Facebook bietet an, einen sogenannten „Nachlasskontakt“ zu bestimmen, der dann nach dem Tod des Nutzers beispielsweise den Gedenkzustand der Seite anstoßen kann – oder gar die Löschung des Kontos.

„Das habe ich jedoch nicht gemacht“, versichert Shir. Auf seinen Hilfeseiten schreibt Facebook zudem, dass man das Konto in den Gedenkzustand versetze, „wenn ein Familienmitglied oder enge Freunde der verstorbenen Person uns informieren“. Wie dies überprüft wird, ist nicht zu finden.

Aus rein privater Sicht könnte er es noch akzeptieren, nicht mehr in dem sozialen Netzwerk vertreten zu sein. Doch ihm liegt seine ehemalige Heimat Afghanistan am Herzen, „das Land hat unter dem Krieg immens gelitten, es ist so viel zerstört“. Daher möchte Shir helfen, indem er auf seiner Facebook-Seite über medizinische Themen informiert. „Ich habe in den vergangenen sechs Monaten viele Anfragen von Nutzern aus Afghanistan anzunehmen, um so mehr Menschen zu erreichen“, sagt der Arzt. Und auf seiner Facebook-Seite informiert er – ebenso, wie auf seinem eigenen Youtube-Kanal – beispielsweise rund um Corona, Impfungen, Krebs oder zahlreiche andere Themen – bis hin zu kleinen Operationen. Und das ohne jegliche finanzielle Interessen, wie er versichert.

„Ich halte mich mit politischen Äußerungen bewusst zurück“, sagt er. Dennoch könne er nicht immer an sich halten – etwa, wenn es um die Unterdrückung von Frauenrechten gehe. „Doch auch dann schlage ich keinen provokanten Ton an. Denn hauptsächlich geht es mir um die Medizin. Aber auch Aufklärung ist wichtig.“

Hat er denn eine Vermutung, wer die Seite in den Gedenkzustand versetzt haben könne? „Vielleicht hat sich jemand nur einen Spaß erlaubt“, sagt Amad Shir. Er könne aber auch nicht ausschließen, dass er wegen Äußerungen, die von muslimischen Hardlinern kritisiert wurden, gehackt worden sei.

Es ist nicht das erste Mal, dass Facebook Probleme mit dem Gedenkzustand von Seiten hat: 2016 hatte das Unternehmen Millionen von Nutzern für tot erklärt – darunter auch Mark Zuckerberg, Gründer des sozialen Netzwerks. Damals hatte ein Unternehmenssprecher erläutert, dass für kurze Zeit „versehentlich eine Nachricht, die für Gedenk-Accounts gedacht ist, auf anderen Accounts veröffentlicht“ worden sei. Man habe den „schrecklichen Fehler“ behoben – was dazu geführt hatte, dass die Nachricht offenbar wahllos bei einigen Mitgliedern aktiviert wurde, erklärte Facebook damals nicht.

Und was sagt der Konzern zum aktuellen Fall? Nichts. Denn die Anfrage der OP wurde nicht beantwortet.

Ob Amad Shir seinen Account wieder freischalten lässt, weiß er noch nicht. Denn die Hürde ist hoch – und für ihn gerade zu hoch, wie er erklärt: Er sei nun – angeblich von Facebook – aufgefordert worden, ein Foto seines Ausweises zu schicken.

„Doch wer sagt mir, dass diese Mail tatsächlich von Facebook stammt? Vielleicht kommt sie ja von denselben Hackern, die auch meine Seite lahmgelegt haben.“ Da bleibe er doch lieber auf Facebook tot – und dafür im echten Leben quicklebendig.

Von Andreas Schmidt

09.07.2020
08.07.2020