Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Die volle Dosis Praxis
Marburg Die volle Dosis Praxis
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:58 08.08.2020
Praxisanleiter Herbert Emde (links) erläutert Judith Müller und Andreas Friedrich die Funktionsweise eines Port-Katheters.
Praxisanleiter Herbert Emde (links) erläutert Judith Müller und Andreas Friedrich die Funktionsweise eines Port-Katheters. Quelle: Fotos: Andreas Schmidt
Anzeige
Marburg

Schichtwechsel auf der Station 233 im UKGM: Die Pflegeschüler Judith Müller und Andreas Friedrich sitzen mit Praxisanleiter Herbert Emde an einem Tisch im Stationszimmer der Gastroenterologie / Endokrinologie und machen Übergabe. Detailliert besprechen sie, was in der vorherigen Schicht bei welchem Patienten gemacht wurde, worauf die beiden achten müssen, welche Besonderheiten anliegen.

Und auch, welche Veränderungen sich bei den Patienten ergeben haben. Aber auch: Gibt es neue Patienten? Mit welchen Diagnosen? Müssen die vielleicht nüchtern bleiben, weil Eingriffe anstehen? Detaillierte Fragen klären die beiden. Denn: Die beiden Schüler haben quasi die Verantwortung für einen Teil der Station.

Das, was vor fünf Jahren mit einem einmaligen Experiment begonnen hat – nämlich, dass Pflegeschüler eine Station leiten –, ist nun ein fester Bestandteil des Lehrplans geworden.

Dafür wurden am Marburger UKGM zwei zusätzliche Praxisanleiter eingestellt. Pflegedirektor Michael Reinecke betont, dass das „Projekt damals ein riesiger Erfolg auf allen Ebenen“ gewesen sei. Daher sei ein Konzept erstellt worden, die permanente Ausbildungseinheit zu schaffen. „Nun werden hier von den Schülern zehn Patienten versorgt – da könnte man ja auf die Idee kommen, dass deswegen Personal abgebaut wurde. Das ist nicht der Fall“, versichert der Pflegedirektor. Und: Auch die beiden zusätzlichen Praxisanleiter würden nicht über die normale Refinanzierung laufen. Für ihn ist die Station „eine tolle Sache“.

Das Ziel der Ausbildungseinheit: Den Schülern der Elisabeth-von-Thüringen-Akademie einen detaillierten und absolut praxisnahen Einblick in ihre spätere Tätigkeit geben. „Und das nicht nur ganz nah am Patienten, sondern auch immer mit dem direkten Draht zu uns“, sagt Herbert Emde. Die Betreuung könne so wesentlich intensiver als im normalen Tagesgeschäft laufen, „außerdem können wir so individuell und detailliert auf Problemstellungen eingehen“, sagt Emde.

Zeit ist insgesamt ein entscheidender Faktor – das betont auch Cäcilia Nau, Leiterin der Praxisanleiter. „Die Schüler müssen nicht unbedingt die Station leiten. Aber sie können die Patienten viel intensiver betreuen – mit einem Zeitfenster, das sie sonst nicht haben.“ Noch dazu sei seit Januar das neue Pflegeberufegesetz in Kraft – „und auch vor diesem Hintergrund werden die Schüler hier ausgebildet“, so Nau. Und das jeweils zwei Wochen lang.

„Wir kümmern uns um alle Bedürfnisse der Patienten“, fasst Andreas Friedrich die Tätigkeiten zusammen. Er befindet sich im zweiten Ausbildungsjahr und schätzt die Praxis, die er erlebt. „Wir bekommen hier alles mit.“

Judith Müller steht indes bereits kurz vor dem Examen – „das mache ich auch hier auf der Station“, verrät sie. Sie arbeite jetzt schon fast wie eine examinierte Kraft, „das ist auch eine gute Vorbereitung darauf, wie es nach dem Examen weitergeht.“

Doch genug der Rede – Pflegeschülerin Judith Müller macht ihren Rundgang. In einem Zimmer liegt Bernhard Schick. Bei ihm misst sie zunächst die Temperatur, dann Blutdruck und Puls – alles unter den Augen von Herbert Emde. Judith Müller trägt die Werte nicht nur in die Akte ein, sondern erläutert sie auch laut. „Welche Qualität hat denn der Puls?“, fragt Emde. Die Antwort kommt prompt – ebenso wie Schlussfolgerungen. Der Praxisanleiter ist zufrieden. „Ziel ist ja auch, dass wir die Schüler dazu anleiten, dass sie Ablaufpläne machen und sich den Arbeitstag organisieren. Wenn das nicht grob schlecht ist, lasse ich sie danach arbeiten – und später wird es dann reflektiert, ob alles sinnvoll war oder besser hätte laufen können“, erläutert der Praxisanleiter.

Ziel sei – je nach Ausbildungsstand der Schüler –, dass er selbst sich so weit wie möglich im Hintergrund halte. „Kurz vorm Examen wird’s natürlich ernst – danach müssen sie das selbst können. Aber die Ausbildungseinheit bietet die Gelegenheit, alles unter geschützten Bedingungen zu machen.“

Wichtig sei dabei auch, „dass sie lernen, Entscheidungsfindungen nachzuvollziehen. Denn im normalen Betrieb bekommen sie häufig nur Anweisungen“ – da bleibe für Analysen wenig Zeit. „Es ist unser Ziel, dass die Schüler lernen, warum wir etwas machen.“

Und ab wann greift Emde ein? „Das hängt immer davon ab, wie gefahrenträchtig eine Maßnahme gerade ist.“ Wissens- und Fähigkeitsstand der Schüler spielten dabei auch eine Rolle. „Und natürlich steht das Patientenwohl immer an vorderster Stelle.“

Auch die späteren Kollegen sind von dem Projekt angetan. „Wir haben zwar mit der Einarbeitung der jungen Leute erstmal nichts zu tun“, sagt Stationsleiterin Melanie Bräuning-Thurn.

„Aber für uns als Station ist es durchaus eine Bereicherung, dass wir ein solches Projekt hier haben.“ Denn: Die Patienten würden zu festen Zeiten von den Schülern betreut „und nicht vom normalen Team“, sagt sie.

Allerdings sei dies nur von Montag bis Freitag im Frühdienst so, erläutert Cäcilia Nau. Denn sonst müssten für den Freizeitausgleich von Wochenend- und Nachtdiensten weitere Stellen geschaffen werden. „Wir arbeiten dran“, sagt Nau lachend.

In knapp zwei Wochen steht das praktische Examen für Judith Müller an, „die Theorie war schon, und ich hoffe, die lief ganz gut“, sagt sie.

Jetzt bekomme sie noch einmal einen richtigen Praxis-Schub, „der ist sehr wichtig, denn ich bin schon recht aufgeregt“, gibt sie zu. „Dass ich aber jetzt noch einmal richtig intensiv an alles rangeführt werde, ist genau die richtige Vorbereitung“, sagt sie.

Sie habe jetzt schon ganz viele Einsätze gehabt, die mit der Tätigkeit im Examen abgefragt werden. Und wenn sie bestanden hat, was dann? „Dann würde ich gerne auf der Herzchirurgie arbeiten, denn dort habe ich mich bereits im Januar beworben.“ Denn sie habe vor ihrer Ausbildung Fachabitur gemacht – und die Kardiologie liege ihr im wahrsten Sinne des Wortes am Herzen.

Von Andreas Schmidt