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Marburg Mit der Bahn auf dem Heimweg
Marburg Mit der Bahn auf dem Heimweg
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09:13 15.02.2021
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Marburg

„Ehre und Amt, damit will ich nichts zu tun haben. Ich bin in der Freiwilligenarbeit aktiv, das ist ein großer Unterschied“, betont Ruth Obst. Sie ist seit sechs Jahren Heimfahrtbegleiterin für die Blista-Schüler der 5. und 6. Klasse. Jeden Freitag werden etwa 18 Mädchen und Jungen auf ihrem Weg nach Hause von Menschen wie Ruth Obst begleitet. Die Heimfahrt erfolgt mit der Deutschen Bahn und die Marburgerin sorgt mit sieben anderen Freiwilligen dafür, dass die Schüler am Zielbahnhof von den Eltern in Empfang genommen werden.

Ruth Obst

Sie ist eine Frau der ersten Stunde, als die Heimfahrtbegleitung vor sechs Jahren über die Freiwilligenagentur Marburg koordiniert wurde. „Ich habe einen Aufruf gelesen und mich gemeldet“, sagt die heute 69-Jährige. Sie hatte nach einer zeitlich begrenzten, klar umrissenen Aufgabe gesucht. „Dass daraus jetzt sechs Jahre geworden sind, das war damals nicht abzusehen“, sagt sie lachend und betont: „Ich könnte aber nach jedem Schuljahr aussteigen, wenn ich das wollte.“ Denn das Engagement ist immer befristet auf ein Schuljahr.

Die Besonderheit der Blindheit oder Sehbehinderung der Kinder, die sie begleitet, empfindet sie gar nicht als so große Herausforderung. „Schnelles umsteigen ist manchmal schwierig, aber ich bin beeindruckt, wie in wenigen Wochen aus den unsicheren Schülern selbstbewusste Bahnreisende werden.“ Das ist für sie ein großes Stück Teilhabe und dafür gibt sie gerne einen Teil ihrer Freizeit. Zwei bis drei Mal im Monat sind das freitags zwischen sechs und acht Stunden.

Amélie Gaime hat nach ihrem Umzug nach Deutschland auch nach einer Möglichkeit gesucht, sich freiwillig zu engagieren. Als ehemaliges Au-pair-Mädchen wollte sie wieder Kontakt zu Kindern und Familien. Beim SKF (Sozialdienst katholischer Frauen) fand sie das Familienpatenprojekt „Nestwerk“ und begleitet nun junge Mütter oder Familien mit Kindern bis zu drei Jahren etwa anderthalb Jahre lang.

Während ihrer ersten Patenschaft spielte sie wöchentlich zwei Stunden mit dem Neugeborenen, unterstützte die Mutter oder sie gingen alle drei zusammen spazieren. „Die junge Mutti war so dankbar, dass sie auch mal wieder mit einer Erwachsenen reden konnte. Dieser Austausch hat ihr sehr geholfen in dieser schwierigen Anfangszeit“, berichtet die 29-jährige Lehrerin.

Für sie war die Zeit bei der Familie auch die Möglichkeit, mal vom eigenen Beruf abzuschalten. „Aber vor allem ist es ein gutes Gefühl zu wissen, dass man in dieser Zeit jemandem helfen konnte“, betont die gebürtige Französin. Sie hat sich auf die Treffen gefreut und freut sich jetzt, nach anderthalb Jahren, dass die Familie auch ohne sie sehr gut zurechtkommt.

Nach einer halbjährigen Pause startet sie in ein paar Wochen mit der nächsten Patenschaft. Dabei versteht sie sich nicht als Therapeutin oder Erzieherin oder gar Haushaltshilfe. „Wir begegnen uns auf Augenhöhe. Und wenn die Mutti in der Zeit, wo ich da bin, einfach duschen gehen oder wichtige Telefonate führen kann, dann ist mein Besuch eine große Entlastung für sie“, so Amélie Gaime. Neben den Familienbesuchen nehmen die Paten auch an Supervisionen sowie Schulungen teil und treffen sich regelmäßig für gemeinsame Gespräche. Auch diesen Erfahrungsaustausch weiß die Marburgerin sehr zu schätzen.

Von Katja Peters

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