Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Nichts-Tag: Faulenzen ist angesagt!
Marburg Nichts-Tag: Faulenzen ist angesagt!
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:59 16.01.2020
Eine Auszeit lässt sich in der Natur an vielen Orten nehmen. Quelle: Tobias Hirsch
Anzeige
Marburg

Es war ein Geschenk, das der Amerikaner Harold Pullman Coffin 1973 mit dem ausgerufenen „National Nothing Day“ seinen Landsleuten machte. Er ahnte nicht, wie wichtig das Nichtstun mal sein könnte.

Das heutige Leben kennt kaum noch Pausen. Doch die sind ­„total wichtig“, sagt Psychologe Dennis Danner vom GAP, Verein für angewandte Psychologie in Marburg. Faulenzen müsse­ man sich erlauben.

Anzeige

Das Wort an sich sei zwar negativ besetzt, weil es suggeriert, dass man auf der faulen Haut liegt. Aber man müsse auch die Muße und die freie Zeit haben, um aktiv nichts zu tun. „Das haben wir völlig verlernt“, sagt Danner.

Wenn ich mir vornehme, nichts zu tun, dann ... füllt sich mein Tag trotzdem immer wieder mit Dingen, die meine Zeit sehr gut ausfüllen. Christine Hainbach (62), Erzieherin aus Wiesenbach.

Es sei wohltuend, am Meer zu sitzen und den Wellen zuzuschauen oder im Garten zu sitzen und die Sonne auf sich scheinen zu lassen. Als aktives Nichtstun beschreibt er Meditieren und Yoga. Man sei während dieser Zeit „offline“ und klinke sich aus. Man müsse sich bewusst machen, dass man in dieser Zeit nicht erreichbar ist.

„In der digitalen Welt sind viele Menschen getrieben. Sie ­finden den Schalter gar nicht mehr, um sich eine Auszeit zu gönnen“, sagt Danner. Das ­
Innehalten verlangsame uns. Die Auszeit gebe Gelegenheit, uns wieder zu spüren und habe eine beruhigende Wirkung auf den Körper.

Wenn ich mir vornehme, nichts zu tun, dann ... gehts raus in die Natur. Bewegung ist das Wichtigste. Aber allgemein sollte der Tag schon strukturiert sein. Günter Kinkel (74), aus Gönnern.

Es sei medizinisch bewiesen, dass Meditation ­eine heilende Wirkung auf alle möglichen Körpersystem habe. Psychologisch bewirke die Verlangsamung, dass man bei sich selbst ankommt und spüre, was wirklich wichtig sei. „Wir sind quasi nur mit uns selbst online“, sagt Danner.

Dies habe den positiven Effekt, dass man aufhört, sich zu vergleichen und erkennt, was einen ausmacht. Wer soziale Netzwerke während seiner Auszeit nutzt, sei weiter ein Getriebener. Der „Modus läuft einfach weiter, weil man glaubt, etwas zu verpassen.“

Wenn ich mir vornehme, nichts zu tun, dann ... gehe ich in den Kindergarten und schaue, wo ich da ein wenig helfen kann, die Dinge in Ordnung zu bringen oder was reparieren kann. Helmut Rotter (70), aus Frechenhausen.

Die elektronischen Geräte üben laut Danner einen unheimlichen Sog aus. Für manche sei eine Auszeit auch extrem unangenehm, weil die Gedankenwelt nicht zur Ruhe kommt. „Man hat es plötzlich mit sich selbst zu tun“, sagt Danner.

Er rät dazu, dass jeder seinen Weg in die Auszeit finden muss. Denjenigen, die das Meditieren ausprobieren möchten, sollten­ versuchen, es in den Alltag einzubauen – wie das Zähneputzen. Nach drei Wochen werde­ es zur Gewohnheit. Meditieren können man 5 bis 10 Minuten entweder nach dem Aufstehen, in der Mittagspause oder am Abend.

Wenn ich mir vornehme, nichts zu tun, dann ... besuche ich einfach das Schwimmbad und drehe da meine Runden. Ansonste gehört das zu einem Sonntag auf jeden Fall dazu. Rudi Becker (81), aus Hommertshausen.

„Dazu müssen ganz bewusst alle Geräte ausgeschaltet werden.“ Eine Auszeit lasse sich auch in der Natur oder in einem Sessel vor dem Fenster nehmen. „Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt“, sagt Danner.

von Silke Pfeifer-Sternke

Im Selbsttest: Auszeit vom Smartphone

OP-Redakteurin Silke Pfeifer-Sternke hat für einen Tag ihr Handy ausgeschaltet. Foto: Thorsten Richter

24 Stunden ohne Smart­phone bedeutet: kaum Kommunikation – weder aktiv noch passiv. Es bringt Ruhe in meinen eng getakteten Alltag. Das mobile Telefon ist mein täglicher Begleiter – es sorgt dafür, dass ich an Termine erinnert werde und dass ich Absprachen treffe – privat wie beruflich.

Und es dient dazu, dass ich Langeweile überbrücke, indem ich soziale Netzwerke durchforste. Sobald das Smart­phone „ping“ macht, werden E-Mails gelesen, Fragen ­beantwortet, Termine abgestimmt, die neuesten Videos angeschaut und telefoniert– mit und ohne Videotelefonie. Dies nicht zu können, treibt mir den Schweiß auf die Stirn.

Nach ein paar Stunden off­line ist es o.k. Am Abend freue ich mich auf nächsten Morgen: endlich wieder online! Ich habe nur wenig Informationen verpasst, aber das „Ping“ wird immer häufiger, je länger ich das Smart­phone nutze.

Am nächsten Tag ziehe ich eine Lehre aus dem Detox-Tag: Ich stelle den Signalton aus. Es fühlt sich gut an, nicht gleich zum Smartphone greifen zu müssen, nur weil es „Ping“ macht.

Silke Pfeifer-Sternke