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Marburg Die Schulen sehen sich gerüstet
Marburg Die Schulen sehen sich gerüstet
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23:32 08.01.2021
Wie geht es nach den Weihnachtsferien weiter an den Marburger Schulen? Vor dem Schulhof der Elisabethschule in Marburg weist ein Graffito auf die Maskenpflicht hin.
Wie geht es nach den Weihnachtsferien weiter an den Marburger Schulen? Vor dem Schulhof der Elisabethschule in Marburg weist ein Graffito auf die Maskenpflicht hin. Quelle: Foto: Thorsten Richter
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Marburg

Darüber hatte die Landesregierung am Mittwoch entschieden und informiert (die OP berichtete). Bei den Schulen gingen die Briefe aus dem Ministerium am Mittwochabend ein, wie heimische Schulleiter gestern bestätigten.

Besonders ist die Situation für Grundschüler. Das vermerkt auch Mario Michel, Leiter der Grundschule Kirchhain. An Grundschulen ist die Präsenzpflicht komplett ausgesetzt. Organisatorisch ist das für die Schulen nicht neu, das Prozedere sei dasselbe wie vor den Weihnachtsferien. Michel sieht im Gespräch mit der OP allerdings zwei große Konfliktpunkte für alle Beteiligten, also für Eltern, Kinder und Schulen.

„Die Verantwortung, ob ein Kind an die Schule geht, liegt jetzt ganz allein bei den Eltern“, merkt er an. Anders als beim ersten Lockdown im vergangenen Frühjahr. Dort waren die Schulen grundsätzlich geschlossen, es gab Notbetreuung für die Kinder von Eltern, die in systemrelevanten Berufen arbeiten. Eigentlich sei es das Ziel, die Schulen im Sinne des Infektionsschutzes möglichst leer zu halten. Deshalb rieten Lehrer Eltern auch dazu, die Kinder zu Hause zu lassen.

Nach den Erfahrungen vor Beginn der Weihnachtsferien rechnet der Kirchhainer Grundschulleiter derzeit damit, dass zwischen 40 und 50 Kinder am Montag zum Unterricht in die Schule kommen werden. Das wird je nach Wochentag unterschiedlich sein, weil Eltern Wahlmöglichkeiten haben.

Ein weit größeres Problem hat Mario Michel mit Aussagen von Kultusminister Ralph-Alexander Lorz (CDU) zur Vergleichbarkeit von Homeschooling und Präsenzunterricht. Lorz hatte am Mittwoch erklärt, dass Kinder im Distanzunterricht genauso viel lernten und das gleiche Material bekämen wie die Schüler, die nicht zuhause bleiben können. Wechsel sollten demnach also problemlos sein.

Genau das bezweifelt Michel aber. „Wäre das so, müsste man ja fragen, welchen Sinn Schule vor Ort hat“, sagt Michel. Er verweist auf die unterschiedliche technische Ausstattung von Grundschulen. Michel ist überzeugt, dass dieses inhaltliche Gleichschalten von Präsenz- und Distanzunterricht nicht funktionieren wird, insbesondere nicht über den Zeitraum von drei Wochen.

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) Hessen kritisiert die Regelung für die ersten bis sechsten Klassen. „Das Versprechen, dass das Lernangebot für Kinder, die zu Hause bleiben, gleichwertig ist mit dem Unterricht in der Schule, geht völlig an der Realität vorbei und weckt schon wieder Erwartungen bei den Eltern, die nicht erfüllt werden können“, erklärt der VBE-Landesvorsitzende Stefan Wesselmann laut einer Mitteilung. Denn beim Lernen auf Distanz sei zwar das Wiederholen und Vertiefen des gelernten Unterrichtsstoffs möglich, es sei aber kaum möglich, den Kindern auf diesem Weg neue Inhalte beizubringen. Für einen Livestream aus dem Unterricht fehle an den meisten Grundschulen aber die technische Infrastruktur.

Wie sieht es an weiterführenden Schulen aus? Die Martin-Luther-Schule in Marburg sieht sich auf den Distanzunterricht ab Montag gut vorbereitet. „Wir sind mit der Organisation fertig“, sagt Schulleiterin Wyrola Biedebach. Einfach ist die Regelung aus ihrer Sicht für die Schülerinnen und Schüler ab der siebten Klasse: Sie sind alle im Distanzunterricht, die Lehrerinnen und Lehrer unterrichten entweder per Videokonferenz oder sind telefonisch für die Schüler erreichbar.

Anders sieht es bei den fünften und sechsten Klassen aus. Die Martin-Luther-Schule bietet für Fünft- und Sechstklässler, die zur Schule kommen, eine Betreuung an. „Sie werden nicht unterrichtet, sondern betreut“, erklärt Biedebach. „Sie machen dann in der Schule die Aufgaben, die die anderen Kinder zuhause machen.“

Die Schule müsse am Montag sehen, wie viele Kinder zur Betreuung in die Schule kommen – und ob die für sie vorgesehenen iPads ausreichen. Die Schule hatte bereits iPads an Schüler verteilt, die zuhause keine entsprechenden Geräte haben. Biedebach glaubt nicht, dass das Schuljahr wegen der Schul-Schließung für die Schüler verloren ist. Schließlich habe es vom Sommer bis drei Tage vor Weihnachten regulären Schulbetrieb gegeben – und keine Klassenfahrten oder andere Aktionen. „Allerdings geht es nicht nur um den Unterrichtsstoff, sondern auch darum, wie geht es den Kindern? Wir wissen nicht, wie die Lernmöglichkeiten für sie zu Hause sind.“

Das wissen vor allem die Eltern und die müssen bei der neuen Regelung die Hauptlast schultern, Beruf und Betreuung vor allem der jüngeren Schüler stemmen, wenn sie sich für Homeschooling entscheiden. „Den Eltern wird erneut einiges zugemutet, es ist eine große Verantwortung, die sie nun haben und indirekt auch die Arbeitgeber“, sagt Monika Kruse, Vorsitzende des Kreiselternbeirats Marburg-Biedenkopf.

Sie äußert dabei Verständnis für die dieses Mal offener formulierten Vorgaben des Landes; die seien zwar „vor dem Hintergrund demografischer Erwägungen nachvollziehbar, aber auch sehr theoretisch“. Das Ziel des Landes: So viele Schüler im Fernunterricht zu haben wie möglich, wenn die Eltern mitmachen. Dabei gebe es „sehr viel Gestaltungsspielraum – es bleibt abzuwarten, wie sich die Dynamik entwickeln wird“, sagt Kruse. Sie rät dazu, die Empfehlungen des Landes ernst zu nehmen: „Wir müssen jetzt in den sauren Apfel beißen, wenn wir die Pandemie in den Griff bekommen wollen.“

Das Thema „Schule in Corona-Zeiten“ greift am kommenden Mittwoch (ab 17 Uhr) der CDU-Kreisverband bei einer Video-Konferenz mit Staatssekretär Manuel Lösel auf: Es geht um schulpolitische und -organisatorische Themen in der Corona-Lage.Interessierte können sich telefonisch (06421 / 22053) oder per Mail anmelden: info@cdu-marburg-biedenkopf.de

Von Ina Tannert, Michael Rinde und Stefan Dietrich

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