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Marburg Hallo, Nachbar!
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09:53 28.05.2021
Alexander Kolling von Solidarburg e. V. wirft einen Flyer mit Ringelblumensamen in einen Briefkasten in Marburg. Nicht nur am Tag der Nachbarn setzt sich der Verein für ein solidarisches Miteinander ein.
Alexander Kolling von Solidarburg e. V. wirft einen Flyer mit Ringelblumensamen in einen Briefkasten in Marburg. Nicht nur am Tag der Nachbarn setzt sich der Verein für ein solidarisches Miteinander ein. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Sie strahlt. Rama Morei liebt es, dass sie helfen kann. Zwei Mal die Woche erledigt die 19-Jährige einen Großeinkauf. Nicht für sich, sondern für ein Marburger Ehepaar, das an Covid-19 erkrankt ist und sich seit Anfang Mai in Quarantäne befindet. „Ich bin froh, dass ich sie in dieser schweren Zeit unterstützen kann“, sagt Rama. Vor anderthalb Jahren kam sie aus Palästina nach Marburg, lernt derzeit Deutsch im Studienkolleg und will im Herbst ihr Studium der Biomedizin beginnen. „Ich habe Zeit und würde gern noch mehr Menschen helfen“, betont sie lächelnd.

Rama Morei ist eine von rund 300 Freiwilligen, die sich in der Coronahilfe engagieren, dem zu Beginn der Pandemie ins Leben gerufenen Kooperationsprojekt der Stadt Marburg, der Freiwilligenagentur Marburg-Biedenkopf und weiteren Partnern (siehe Infobox). „Im März 2020 während des ersten Lockdowns war die Angst groß, viele ältere Menschen trauten sich gar nicht mehr aus dem Haus“, erinnert sich Regina Lang, Leiterin des Ordnungsamtes Marburg. Damals gründeten sich in der Unistadt schnell Nachbarschaftshilfen. „Problem aber war, dass Hilfesuchende gar nicht wussten, wer klingelt da an der Tür“, so Lang. Deshalb wurden für die Freiwilligen kurzerhand Ausweise erstellt, die ihre Hilfe legitimierten.

Rama Morei engagiert sich in der Corona-Hilfe. Foto: Nadine Weigel

Solch einen Ausweis trägt auch Rama Morei stolz bei sich, wenn sie ihre Einkäufe für die an Corona erkrankte Familie erledigt. Das Ehepaar möchte lieber anonym bleiben, aber im Telefongespräch mit der OP macht die 47-jährige Frau deutlich, wie erleichtert sie über die Einkaufshilfe von Rama Morei ist. „Sie ist sehr nett und ich bin froh, dass sie hilft, denn wir haben hier keine Familie. Zwar hat ein Arbeitskollege meines Mannes auch mal was für uns besorgt, aber er muss arbeiten und hat wenig Zeit“, erzählt die Frau.

Nicht nur Menschen, die in Quarantäne sind, nehmen das Angebot wahr. Es sind vor allem auch ältere Mitbürger, die sich über die zentrale Hotline 06421 / 201 20 00 Hilfe holen. Und diese Hilfe hat sich im Laufe der Corona-Pandemie extrem vielschichtig entwickelt: von Einkaufshilfe über Rezept-Abholungen, Gassigängen mit Hunden bis hin zur Vermittlung von Impflotsen, die für ältere Impflinge die Online-Registrierung übernahmen. Die Marburger Coronahilfe ist das Paradebeispiel nachbarschaftlichen Engagements.

380 Freiwillige

im Pflegepool

Auch das Projekt „Marburgs offenes Ohr“ wird über die Coronahilfe koordiniert. Es richtet sich an Menschen, die allein sind und gern einen Ansprechpartner hätten. Zahlreiche Studien belegen, dass die Corona-Pandemie auch eine Epidemie der Einsamkeit ist. Das gesellschaftliche Leben ist stark eingeschränkt und belastet die Psyche. Die negativen Auswirkungen von sozialer Isolation sind während der Pandemie besonders deutlich geworden. Der Deutsche Alterssurvey 2020 zeigt, dass der Anteil einsamer Menschen im Alter von 46 bis 90 Jahren bei knapp 14 Prozent und damit 1,5-mal höher als in den Jahren zuvor lag. Eine Forsa-Umfrage im Auftrag der Malteser ergab zudem, dass sich mehr als jeder fünfte Mensch ab 75 Jahren häufig oder zumindest hin und wieder einsam fühlt.

Gerade ältere Menschen seien sehr dankbar für die Angebote der Coronahilfe, sagt Regina Lang vom Ordnungsamt. „Bei den Fahrten zum Impfzentrum hat man die Dankbarkeit extrem gespürt“, so Lang. Denn auch Impffahrten koordiniert die Coronahilfe. „Am Anfang haben wir die Menschen ja noch nach Heuchelheim ins Impfzentrum gebracht, das war für viele ältere Personen natürlich sehr aufwühlend“, erinnert sich Lang.

Sie ist stolz auf ihr Team, aber auch auf das tolle Engagement der Marburger Mitbürgerinnen und Mitbürger. Allein 380 Freiwillige sind noch im Pflegepool der Marburger Coronahilfe registriert. Zehn Altersheime wurden in der Hochphase der Krise durch Ehrenamtliche unterstützt. „Das ist einfach Marburg“, freut sich Lang.

So flexibel wie die Coronahilfe ist, so soll es auch nach der Pandemie weitergehen. „Wir haben gemerkt, dass niedrigschwellige Hilfe sehr nachgefragt wird“, sagt Regina Lang und verrät, dass derzeit Planungen laufen, diese vielschichtige Form der Nachbarschaftshilfe auch nach Corona fortzuführen.

Von Nadine Weigel

Das ist die Corona-Hilfe

Der Prototyp der flexiblen und vielseitigen Nachbarschaftshilfe ist die Coronahilfe Marburg. Das Kooperationsprojekt von der Stadt Marburg, der Freiwilligenagentur, Alzheimer Gesellschaft Marburg-Biedenkopf e. V., Caritas Marburg, dem Projekt In Würde Teilhaben und weiteren Trägern des Beratungszentrums (BiP) bietet unterschiedliche Unterstützungsformen in der Krise an. Unter der Telefonnummer  06421 / 201-20 00 (Montag bis Freitag 10 bis 12.30 Uhr) kann jeder anrufen, der entweder Hilfe benötigt oder sich gern freiwillig engagieren möchte. E-Mail-Adresse:  corona-hilfe@marburg-stadt.de

Tag der Nachbarn

Der Tag der Nachbarn ist eine jährliche Initiative zur Stärkung des nachbarschaftlichen Miteinanders. Aufgrund der Corona-Krise ruft nebenan.de am 28. Mai deutschlandweit zu Corona-konformen Aktionen auf. Der Marburger Verein Solidarburg e. V. zum Beispiel (www.solidarburg.de) verteilt 1 000 Flyer mit Blumensamen in der Stadt als Anreiz, sie in der Nachbarschaft weiterzuverschenken. Auch im ganzen Landkreis beteiligen sich Initiativen mit unterschiedlichen Aktionen – von der Stadtrallye in Weidenhausen bis hin zu Postkarten von Kitakindern in Niederwald:  www.tagdernachbarn.de

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