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Marburg Am Dienstag streiken die Ärzte
Marburg Am Dienstag streiken die Ärzte
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08:58 30.01.2020
Das UKGM wird – wie auch die weiteren Universitätskliniken in Hessen – am Dienstag von den Ärzten bestreikt.  Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Patienten müssen sich auf Einschränkungen einstellen. Denn wie der „Marburger Bund“ mitteilte, seien die Ärzte für Dienstag zu einem ganztägigen Warnstreik aufgerufen. Hintergrund seien die von Arbeitgeberseite wegen „Terminschwierigkeiten“ verschobenen Verhandlungen, die nun am 27. Februar fortgesetzt werden sollen. „Die Verhandlungen werden hierdurch noch weiter in die Länge gezogen – und das vor dem Hintergrund, dass unsere Positionen ohnehin noch weit auseinander liegen“, heißt es vonseiten der Gewerkschaft.

Sie fordert für eine Verbesserung der Arbeit zu besonders belastenden Zeiten eine spürbare Erhöhung der Zuschläge für Nachtarbeit sowie Nachtarbeit und Sonntagsarbeit im Bereitschaftsdienst. „Wer tatsächlich weiß, was es bedeutet, insbesondere nachts – sowohl in Schichtsystemen als auch in Bereitschaftsdiensten mit 24-stündiger Präsenz oder in der Rufbereitschaft für Patienten einzustehen, der drückt seine ,Wertschätzung‘ nicht in Nullrunden aus“, heißt es.

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Außerdem will die Gewerkschaft eine Anhebung von Kinderzuschlägen, eine Tarifsteigerung von 6,9 Prozent sowie die versprochene Fortführung des so genannten Landestickets erreichen.

Ärzte sind „extrem unzufrieden“

In den beiden bisherigen Verhandlungsrunden seien keine entscheidenden Fortschritte gemacht worden, daher komme es nun zum Warnstreik.
Der Tarifvertrag (TV-Ärzte Hessen) gilt für mehr als 2 000 Ärztinnen und Ärzte sowie Zahnärztinnen und Zahnärzte. Außerhalb Hessens gilt an den Universitätskliniken der Tarifvertrag zwischen Marburger Bund und der Tarifgemeinschaft deutscher Länder (TdL). In diesem Tarifgebiet wird es am 4. Februar 2020 deutschlandweit ebenfalls zu einem Warnstreik mit einer Zentralkundgebung in Hannover kommen.

Aktuell befragt der Marburger Bund Hessen seine Mitglieder zu den Themen Gesundheitsschutz, Beruf und Familie sowie Forschung und Lehre. Der Rücklauf sei enorm – aktuell hätten mehr als 800 der insgesamt gut 2 000 Ärzte der Unikliniken Gießen-Marburg und Frankfurt teilgenommen.
Die erste Bilanz zeige ein „extrem hohes Maß an Unzufriedenheit bei den Beschäftigten“. Der überwiegende Teil der bisherigen Antworten ergebe, dass die Arbeitszeit nicht ausreiche, um die tägliche Arbeit zu erledigen. Pausen könnten nicht genommen werden und würden trotzdem von der geleisteten Arbeitszeit abgezogen, so die Gewerkschaft.

Gewerkschaft beklagt 
Zahl der Überstunden

Deutlich mehr als die Hälfte der Antworten zeige, dass es den Ärzten nicht möglich sei, ihre gesamte Arbeitszeit zu erfassen und Überstunden überhaupt aufzuzeichnen. „Da verwundert es nicht, dass insbesondere am privatisierten UKGM mehrere zehntausend ärztliche Überstunden entgegen tariflicher Bestimmungen nicht ausgezahlt, sondern als riesiger Berg vor sich hergeschoben werden“, so der Marburger Bund.
Auch für die Ausbildung des medizinischen Nachwuchses stehe für die meisten innerhalb der Arbeitszeit selten bis nie ausreichend Arbeitszeit zur Verfügung, obwohl auch dies Dienstaufgabe sei.

Der Verhandlungsführer des Landes Hessen, Staatssekretär Dr. Stefan Heck, sagte zur Streikankündigung: „Ich habe kein Verständnis für diese Entscheidung. Wir sind bei den Tarifverhandlungen bisher gut vorangekommen und ich habe die Gespräche als sehr konstruktiv empfunden.“ Der Streik sei überflüssig und ändere auch nichts an der Tatsache, „dass unser Angebot fair und angemessen ist. Wir bieten nicht nur die analoge Erhöhung zum TdL-Abschluss aus April 2017, sondern legen noch das Landesticket oben drauf. Das ist ein attraktives Gesamtpaket für die Beschäftigten.“

Auch die Geschäftsführung des UKGM hält den Warnstreikaufruf für unbegründet. „Wir sind derzeit in guten Gesprächen über höhere Entgelte und stehen am Anfang der Verhandlungen. Deshalb gibt es keinen Grund, unsere Unikliniken in Gießen und Marburg zu bestreiken“, sagte der Vorsitzende der Geschäftsführung, Dr. Gunther K. Weiß. Die Arbeitgeberseite habe rückwirkend ab Januar 2020 eine Lohnerhöhung um 2,0 Prozent, ab Januar 2021 weitere 2,0 Prozent und im Januar 2021 weitere 1,0 Prozent angeboten. Zudem wolle man das Landesticket Hessen für dieses und kommendes Jahr sowie optional für 2022 unter Vorbehalt fortführen.

An die Patienten des UKGM sagt Weiß: „Das Universitätsklinikum Gießen und Marburg wird alles dafür tun, die medizinische Versorgung auch während der Streikmaßnahme so weit als möglich sicherzustellen. Es kann aber nicht ausgeschlossen werden, dass es im Bereich der planbaren Untersuchungen und Behandlungen zu Verzögerungen oder Ausfällen kommt.“ Das bitte er bereits jetzt zu entschuldigen. Weiß versichert: „Die Notfallversorgung ist aber auf jeden Fall gewährleistet. Dafür werden wir eine Notdienstvereinbarung treffen.“

von Andreas Schmidt