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Marburg Digitaler Protest statt Straßen-Demo
Marburg Digitaler Protest statt Straßen-Demo
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12:58 30.04.2020
Eine Straßen-Demo – wie hier im vergangenen Jahr – wird es morgen nicht geben. Quelle: Foto: Thorsten Richter
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Marburg

Transparente, Parolen, Kundgebungen, fahnenschwenkende Demonstranten auf den Straßen – dieses Bild gehört eigentlich zum 1. Mai wie ein kräftiger Händedruck zur Begrüßung. Doch in diesem Jahr ist eben alles anders. Morgen gibt es keine Aufmärsche am historischen Kampftag der Arbeiterbewegung, der zum Feiertag wurde, und an dem Gewerkschaften wie der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) international zu Solidarität und Demonstration aufrufen.

„Es ist eigentlich unser Tag des Jahres, aber dieses Mal geht es eben nicht – das ist schon ambivalent, das man im Moment solidarisch ist, indem man sich isoliert“, sagt Pit Metz, Vorsitzender des DGB-Kreisverbands. Die physische Isolation bedeute aber nicht die geistige Abschottung, nicht die Abkehr vom Maimotto der Gewerkschafter „Solidarisch ist man nicht alleine“. Außerdem ist der DGB – 1949 gegründet – doch „viel älter als Corona“ und lasse sich vom Virus nicht auch noch die Solidarität nehmen. Zum Tag der Arbeit setzten die Gewerkschafter daher auf digitale Alternativen, um den Kampfgeist der traditionellen Mai-Demos wenigstens ein Stück weit zu gestalten.

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Klinik-Privatisierung im Fokus

Auf Bundesebene soll es morgen einen Livestream geben, über den sich Redner aus ganz Deutschland auch ohne Kundgebung Gehör verschaffen wollen. Zusätzlich plant der DGB Region Mittelhessen ein eigenes Format: Auf dessen Homepage werden den Freitag über verschiedene Videoclips mit Ansprachen und Grußworten der Akteure gezeigt, die im Normalfall während der Kundgebung am Rednerpult gestanden hätten. Darunter etwa Michael Rudolf, DGB-Bezirksvorsitzender Hessen/Thüringen, eigentlich geplanter Hauptredner der Marburger Kundgebung. Außerdem die Kreisvorsitzenden der vier Landkreise Marburg-Biedenkopf, Gießen, Vogelsberg und Lahn-Dill. So soll zumindest ein Hauch des Gemeinschaftsgefühls zum Tag der Arbeit über die Bildschirme flimmern. Das Netz bietet die Plattform, um „ungehaltene Reden trotzdem hören zu können“, erklärt Anna-Maria Boulnois, Gewerkschaftssekretärin des DGB-Mittelhessen. Darüber hinaus soll es eine „Online-Bilder-Demo“ geben. Dazu hat der Regionalverband rund 200 Motto-Plakate verschickt, die Mitglieder sandten Selfies mit den Plakaten an Häusern, Zäunen oder aus Fenstern hängend zurück. Aneinander gereiht soll aus der Bilderstrecke eine „Online-Bilder-Demo“ entstehen.

Was die Themen angeht, auf die der DGB aufmerksam machen will, wird die Lage im Gesundheitssystem einen zentralen Schwerpunkt bilden: Trotz aller Einschränkungen durch die Corona-Pandemie, etwas konnte diese durchaus bewirken, „die Diskussion um gesellschaftliche Werte hat eine neue Bedeutung erfahren und wird gerade neu entfacht“, sagt Metz. Ebenso im Blick steht der wirtschaftliche Aspekt, Privatisierungen von Kliniken wie das Universitätsklinikum Gießen-Marburg. Mit der Privatisierung einher gehen für Metz „Einsparungen, Personalabbau und Outsourcing, nur die Dividende zählt – und jetzt fällt uns die ganze Chose auf die Füße.“ Er fordert die Rückführung: „Kliniken müssen wieder zurück in die öffentliche Hand, die Ordnung des Gesundheitssystems ist Sache des Staates.“

Der DGB fordert zudem eine Aufwertung systemrelevanter Berufe unter anderem aus dem Gesundheitssystem, der Lebensmittelversorgung, dem ÖPNV oder der Kinderbetreuung. „Die Berufe, denen nun eine besondere Bedeutung in unserer Gesellschaft zukommt, sind häufig jene mit schlechten Arbeitsbedingungen und geringer Bezahlung“, hebt Rudolf hervor. Der momentanen Wertschätzung sollten nun steigende Gehälter folgen, „nur Applaus reicht nicht aus“. Dass zudem gerade in diesen Berufen häufig Frauen arbeiten sei „sehr auffällig“, ebenso, dass es dort besonders wenige Tarifverträge gebe, ergänzt Boulnois. Das lasse sich „leider nicht so leicht ändern“, sei aber „ein Ziel für die nahe Zukunft“.

Als Alternative zu den abgesagten Veranstaltungen am Tag der Arbeit startet der Deutsche Gewerkschaftsbund am 1. Mai ab 11 Uhr eine Live-Sendung auf der Webseite www.dgb.de/erster-mai-tag-der-arbeit. Diese läuft ebenfalls auf den Seiten des DGB auf Facebook und Youtube. Das digitale Angebot des DGB Region Mittelhessen ist unter www.mittelhessen.dgb.de zu finden.

Von Ina Tannert

30.04.2020
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