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Marburg Altpapier ist lukrative Einnahmequelle
Marburg Altpapier ist lukrative Einnahmequelle
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19:05 24.02.2017
Quelle: dpa
Marburg

Die Blaue Tonne in Privathaushalten benötigt nur einen Stellplatz, bleibt in der Regel sauber und schafft beim Nutzer immer ein gutes Gefühl: Denn wer sie mit nicht mehr benötigtem Papier füttert, hilft aktiv mit, die Umwelt zu entlasten.

Recyceltes Papier kommt schon seit vielen Jahren mannigfaltig zum Einsatz, ist in der Gesellschaft akzeptiert und hat sich somit auch zu einem Wirtschaftszweig entwickelt. Besonders groß ist der Anteil von recyceltem Papier bei Verpackungsmaterial aus Karton oder Wellpappe. Auch Zeitungen werden auf solchem Papier gedruckt.Und dann gibt es natürlich auch noch einen Markt für Hygieneartikel.

Allein im hiesigen Landkreis Marburg-Biedenkopf landen im Jahr 16000 Tonnen Papier in den Tonnen der Privathaushalte. Pro Kopf sind das derzeit satte 67 Kilogramm. Damit lässt sich dann auch was anfangen.

Gerade zu Jahresbeginn trat ein neuer fünf Jahresvertrag in Kraft, den die Abfallwirtschaft Lahn-Fulda (ALF) mit der Palm Recycling GmbH aus ­Aalen abgeschlossen hat. Von diesem Vertrag profitiert nicht nur die ALF, sondern insbesondere die Städte und Gemeinden des Landkreises und ­der Müllabfuhrzweckverband Biedenkopf. „Bereits seit 2011 schütten wir die Überschüsse, die wir bei der Altpapierverwertung erzielen, an die Kommunen aus“, erklärt Landrätin Kirsten Fründt.

Wie jetzt? Was hat Kirsten Fründt damit zu tun? - Ganz einfach, sie ist als hiesige Landrätin die stellvertretende Vorstandsvorsitzende der ALF. Und in dieser Funktion erläutert sie weiter: „Pro Jahr konnten wir seither rund eine Millionen Euro als Erlösbeteiligung an die Kommunen im Landkreis auszahlen. Und damit kommt das Geld ­allen Gebührenzahlern zugute, weil die Kommunen und der Müllabfuhrzweckverband Biedenkopf die Einnahmen zur Finanzierung der Abfalleinsammlungskosten einsetzen.“

Das Unternehmen aus Aalen ist für den hiesigen Landkreis beziehungsweise für die ALF kein Unbekanntes. Es war bereits als Subunternehmer für die Verwertung des Altpapiers aus dem Landkreis verantwortlich. So kennt es sich mit den Gegebenheiten vor Ort aus, was Dr. Peter Zulauf, den technischen Geschäftsführer des Verbandes­ zu der Einschätzung kommen lässt, dass der Ablauf reibungslos funktionieren wird. Da der Wert, den Altpapier am Markt erzielt, durchaus deutlichen Schwankungen unterworfen ist, ist der Erlös, den die ALF erzielt, an einen Marktindex gekoppelt.

Zulauf sagt deshalb über den neuen Vertrag: „Was den Vertrag so lukrativ macht, ist die Tatsache, dass wir zum Marktpreis ­jeweils noch einen festen Bonus pro Tonne Altpapier erhalten, den wir mit an die Kommunen ausschütten.“ Der durchschnittliche Marktpreis lag nach Angaben der ALF im vergangenen Jahr bei rund 43 Euro pro 1000 Kilo, der durchschnittliche Ausschüttungsbetrag lag jedoch bei rund 83 Euro pro Tonne. Recyceltes Papier besteht in der Regel aus erstmalig benutzten ­Papier und mehrfach genutztem Papier. In seiner Gesamtheit bleibt es in einer gleich­bleibenden Qualität. „Und die ist eigentlich schon sehr hoch“, sagt Johanna Achenbach vom Umwelt- und Ressourcenmanagement der ALF, die zugleich als Sprecherin fungiert.

Pizza-Pappschachtel ja, aber bitte ohne Pizzareste

Als fleißiger Sammler von Altpapier sollte man aber auch ein paar Spielregeln beherzigen, um es den Menschen, die mit den weiteren Aufgaben betraut sind, einfacherer zu machen. Will heißen, man sollte es sich nicht ganz zu bequem machen, wenn man sein privates Altpapier in die blaue Tonne „kloppt“. ­Zulauf wird konkret: „Probleme haben die Papierfabriken zum Beispiel mit stark verunreinigten Papieren. Die Pappschachtel, in der die Pizza geliefert wurde, darf zwar ins Altpapier, aber unbedingt ohne Pizza­reste.“ Essensreste haben in der Blauen Tonne generell nicht zu suchen, und doch gelangen sie immer wieder über solche Aktionen in den Kreislauf. Und wenn wir schon dabei sind: Johanna Achenbach kennt noch weitere „Blindgänger“, die gerne in der Blauen Tonne landen, dort aber gar nicht ­hingehören.

„Beschichtete Papiere, Hygienepapiere­ oder Verbundstoffe.“ Was ist darunter genau zu verstehen? Also Verbundstoffe sind zum Beispiel Milchtüten oder die Verpackungen, in denen sich Eistee befindet. Die haben auch den Grünen Punkt aufgedruckt und gehören deshalb in den gelben Sack oder in die Gelbe Tonne, je nachdem, wie der Privathaushalt da aufgestellt ist. Auch wenn das Taschentuch als Papiertaschentuch deklariert ist, gehört es nach der Benutzung nicht in die Blaue Tonne, sondern wie Pappteller mit Beschichtung in den Restmüll, also in die Graue Tonne.

Und dann gibt es da noch die Frage, wohin mit den Alttapeten nach einem Tapetenwechsel in den eigenen vier Wänden? Weder als wilde Müllentsorgung in den Wald, was leider auch immer wieder vorkommt, noch in die Blaue ­Tonne. Tapeten, erst recht, wenn sie benutzt wurde und noch einen Leimanteil anhaften haben, aber auch wenn sie nicht ­benutzt wurden, werden fachgerecht über die Graue Tonne, also als Restmüll entsorgt.

Gut, und wenn also allein diese Spielregeln vom Verbraucher akzeptiert und eingehalten werden, steht der guten Qualität des Altpapiers im Landkreis nichts mehr im Wege.

Landrätin Kirsten Fründt lobt auch die Menschen im Kreis: „Insgesamt gesehen sind wird mit der Materialqualität zufrieden. Deshalb sind wir sehr zuversichtlich, dass es auch zukünftig keine Qualitätsprobleme bei der Altpapiersammlung gibt.“

Eine gute Qualität und eine in etwa gleichbleibende Menge­ sind die Komponenten für den Erfolg am Markt - und oben drauf noch ein bisschen Weitsicht und Zusammenarbeit: So haben mehrere Nord- und Mittelhessische Landkreise ein ­gemeinsames europaweites Ausschreibungsverfahren getätigt, das die ALF federführend begleitet hat. So konnte eine ­Gesamtmenge von rund 125000 Tonnen pro Jahr am Markt platziert werden. „Diese Mengenbündelung hat sicherlich einen zusätzlichen positiven Effekt auf das Ausschreibungsergebnis gehabt“, ist sich Dr. Peter Zulauf sicher.

HINTERGRUND: Das in den Blauen Tonnen ­gesammelte Altpapier wird im Auftrag des Müllabfuhrzweckverbandes Biedenkopf, der Städte Stadtallendorf, Kirchhain, Neustadt, Amöneburg, Rauschenberg und den Gemeinden Ebsdorfergrund, Weimar und Münchhausen durch private Entsorgungsunternehmen eingesammelt. Lediglich in Marburg wird diese Aufgabe vom städtischen Dienstleistungsbetrieb erledigt.

Das Altpapier wird zum einen auf der Müllumladestation in Marburg-Wehrda und auf dem Gelände der Firma Völker in Hachborn in Großraumcontainer umgeladen und im Auftrag der Abfallwirtschaft Lahn-Fulda (ALF), einem Zweckverband der Landkreise Marburg-Biedenkopf und Schwalm-Eder, über ein privates Entsorgungsunternehmen zur weiteren Verwertung abtransportiert. Vorstandsvorsitzender der ALF ist Winfried Becker, Landrat des Schwalm-Eder-Kreises, stellvertretende Vorstandsvorsitzende ist Kirsten Fründt, Landrätin des Landkreises Marburg-Biedenkopf.

Die Quote von recyceltem Papier in Europa stieg von etwas mehr als 40 Prozent in 1991 über die Schallmauer von mehr als 50 Prozent in 2000 auf nunmehr rund 71 Prozent. Dieser Wert ist mit geringfügigen Abweichungen seit einigen Jahren konstant. Das entspricht einem Wert von 55 Millionen Tonnen Altpapier. Deutschland liegt dabei etwas über den Durchschnitt.

Hierzulande werden jährlich rund 75 Prozent des vielfältig eingesetzten Papiers wieder ­recycelt.

Mit Europa sind in diesem Fall die folgenden Länder ­gemeint: Österreich, Belgien, Tschechische Republik, Finnland, Frankreich, Deutschland, Ungarn, Italien, Norwegen, ­Polen, Portugal, Rumänien, Slowakische Republik, Spanien, Schweden, Schweiz, ­Niederlande und das Vereinigte Königreich.

von Götz Schaub