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Marburg "Die Rentenwirklichkeit ist erschreckend"
Marburg "Die Rentenwirklichkeit ist erschreckend"
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12:00 04.08.2021
Wenn die Rente nicht reicht: Rund eine Million Rentner arbeiten auch im Ruhestand – häufig aufgrund von Altersarmut.
Wenn die Rente nicht reicht: Rund eine Million Rentner arbeiten auch im Ruhestand – häufig aufgrund von Altersarmut.  Quelle: Lino Mirgeler/dpa
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Marburg

Immer mehr Ältere in Deutschland gehen einer Beschäftigung nach. So waren im vergangenen Jahr 1,04 Millionen Beschäftigte 67 Jahre oder älter. Fast 600.000 hatten noch im Alter ab 70 einen regelmäßigen Job. Das zeigt die Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken im Bundestag.

Fast 220.000 waren sogar ab 75 Jahre und 72.000 Beschäftigte ab 80 Jahre alt. Unter den Menschen mit einer Beschäftigung ab 67 sind 800.000 Minijobberinnen und -jobber. Bei der Kombination aus Rente und Minijob muss man sich nicht sozialversichern und die zusätzlichen Einnahmen nicht versteuern.

Zahlen, die Charles Guillaume von „Arbeit und Bildung“ in Marburg so auch kennt. Guillaume ist bei dem Bildungsträger unter anderem Coach für ältere Menschen – und Projektverantwortlicher der „Rentnerjobbörse“, die von dem Verein vor fünf Jahren unter www.rentnerjob-marburg.de ins Leben gerufen wurde.

Online-Projekt wird von Beratung flankiert

Der damalige Geschäftsführer Rainer Dolle erklärte seinerzeit dazu: „Die Rentner im Landkreis sind nahezu die Ärmsten in ganz Hessen.“ Er bezog sich mit der Zahl auf eine Statistik des Gesamtverbands der Deutschen Finanzwirtschaft. Dolle war sich schon vor fünf Jahren sicher: „Das Thema arme Rentner wird uns in Zukunft noch stärker beschäftigen.“ Eine Erfahrung, die Charles Guillaume nur bestätigen kann. Denn: Das Projekt, das anfangs als reines Online-Angebot geplant war, wird mittlerweile von einer ausgiebigen Beratung flankiert.

„Wir haben ganz schnell festgestellt, dass viele Rentner das Angebot nicht wahrnehmen konnten, weil sie keinen Internetzugang haben“, verdeutlicht Guillaume.

„Arbeit und Bildung“ habe quasi einen „Arbeitgeber- und einen Arbeitnehmerservice eingerichtet“, sagt Guillaume. „Wir haben einmal wöchentlich feste Sprechstunden, an denen die Rentner zu uns kommen können.“ Und in der weiteren Folge habe man auch das interne „Matching“ zwischen Angebot und Nachfrage intensiviert, „um den Leuten auch Alternativangebote zu ihren Gesuchen machen zu können“.

Doch Corona habe die Arbeit immens erschwert. Vor allem auch, weil es weniger Angebote gegeben habe. „Gerade viele Minijobber haben ihre Arbeit verloren“, weiß Guillaume.

Das bestätigt Doris Hammes von der IG BAU Mittelhessen: Demnach seien im Landkreis vergangenes Jahr laut Zahlen der Arbeitsagentur rund 1 500 geringfügig entlohnte Arbeitsverhältnisse verloren gegangen.

Seit Juli bietet die Rentnerjobbörse in Zusammenarbeit mit der Stadt Marburg und der Freiwilligenagentur einen Lieferservice für Rentner an, „als Einkaufshilfe. Wir machen dabei nur Großeinkäufe oder begleiten das Einkaufen“, sagt Charles Guillaume.

Seit 2017 bietet er in Zusammenarbeit mit Arbeitsagentur und Kreisjobcenter ein individuelles „Coaching 50+“ an. Einen Großteil nimmt dabei die Rentenberatung ein. „Da zeigt sich: Die Altersarmut wird nicht erst kommen – sie ist schon richtig da.“ Zahlreiche der Menschen, die er berate, „bekommen eine echt horrend niedrige Rente. Und das, obwohl sie teils 45 Jahre gearbeitet haben.“ Für diese Menschen biete die Rentnerjobbörse eine Chance, als Minijobber die Rente aufzubessern. „Sie müssen also weiter arbeiten“, konstatiert Guillaume. Es sei teilweise schon „erschreckend, wie die Rentenwirklichkeit aussieht“, die sich häufig auch aus prekären Arbeitssituationen entwickele. „Kurze Arbeitsverträge, schlecht bezahlt, Leiharbeit“, zählt Guillaume auf, „da hätte der Staat früher dran denken müssen, wozu das letztlich führt.“

Nicht für jedes Arbeitsjahr gibt es Rentenpunkte

Auch der stetig steigende Bruttodurchschnittslohn trage weiter zur Rentenmisere der Geringverdiener bei. Denn: „Jeder denkt, dass er für ein Jahr Arbeit auch einen Rentenpunkt bekommt. Das ist aber nicht die Realität.“ Denn nur für Verdienste, die dem Bruttodurchschnittslohn entsprechen, „gibt es auch einen Rentenpunkt. Und der Durchschnitt liegt dieses Jahr schon bei 40 000 Euro“, verdeutlicht der Coach.

Doch es gebe auch den anderen Fall: Rentner, die gerne weiter arbeiten wollen. „Das wird sich bestimmt in den nächsten fünf bis zehn Jahren noch steigern. Denn die Generation, die jetzt kommt, wird die bewegteste Generation sein, die wir je hatten.“ Diese Mobilität werde sich künftig noch steigern.

Mit Wegfall des Lockdowns hat sich die Börse auch wieder gefüllt. „Wir haben schon in den ersten beiden Wochen direkt sehr viele Jobs reinbekommen“, sagt Muhammad Enan, der die Arbeitgeberseite des Angebots betreut. Im Durchschnitt gebe es jährlich zwischen 50 und 80 Angebote, bei denen ein „Matching“ stattfindet. Zudem würden in der Jobbörse stetig zwischen 25 und 50 Stellenangebote stehen. „Wir arbeiten auch eng mit Arbeitsagentur, KJC und Freiwilligenagentur zusammen“, sagt Enan. Von haushaltsnahen Dienstleistungen bis hin zu Fahrdiensten, „die sehr beliebt sind“, reicht das Angebot.

Und: Rentnerjob Marburg soll perspektivisch auch ausgeweitet werden. „Denn der Bedarf ist da“, sagt Charles Guillaume. In Bezug auf die Altersarmut treibt ihn eine Frage um: „Was ist, wenn die Rentner irgendwann nicht mehr arbeiten gehen können und dann Unterstützung brauchen?“ Würdevolles Leben sei bei minimalster Rente und Aufstockung durch die Grundsicherung kaum möglich. Da seien „politische Lösungen gefragt“.

Gerade bei Minijobbern spielt er eine entscheidende Rolle: der Mindestlohn. Der wurde zum 1. Juli um zehn Cent auf 9,60 Euro je Stunde angehoben. Die Anpassung ist Teil einer schrittweisen Steigerung: Zum 1. Januar 2022 erhöht sich der Mindestlohn auf 9,82 Euro und ein halbes Jahr später auf 10,45 Euro.

Ausgehandelt hatten Arbeitgeber- und Gewerkschaftsvertreter diese Schritte nach langem Streit in der Mindestlohnkommission, die laut Gesetz alle zwei Jahre die künftige Höhe der Lohnuntergrenze neu festlegen muss. Auf Empfehlung der Kommission hatte die Bundesregierung dann die Erhöhung beschlossen.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) fordert seit Langem deutlich mehr, nämlich 12 Euro pro Stunde. „Von 9,60 Euro je Stunde kann niemand, weder auf dem Land und schon gar nicht in den Ballungsräumen der Großstädte, seine Miete bezahlen, seinen Kindern eine Klassenfahrt oder jetzt im Sommer eine Ferienreise ermöglichen“, so DGB-Vorstandsmitglied Stefan Körzell. Löhne unter 12 Euro machten arm trotz Arbeit und sorgten für Altersarmut.

Mindestlohn ist gestiegen

Gerade bei Minijobbern spielt er eine entscheidende Rolle: der Mindestlohn. Der wurde zum 1. Juli um zehn Cent auf 9,60 Euro je Stunde angehoben. Die Anpassung ist Teil einer schrittweisen Steigerung: Zum 1. Januar 2022 erhöht sich der Mindestlohn auf 9,82 Euro und ein halbes Jahr später auf 10,45 Euro.

Ausgehandelt hatten Arbeitgeber- und Gewerkschaftsvertreter diese Schritte nach langem Streit in der Mindestlohnkommission, die laut Gesetz alle zwei Jahre die künftige Höhe der Lohnuntergrenze neu festlegen muss. Auf Empfehlung der Kommission hatte die Bundesregierung dann die Erhöhung beschlossen.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) fordert seit Langem deutlich mehr, nämlich 12 Euro pro Stunde. „Von 9,60 Euro je Stunde kann niemand, weder auf dem Land und schon gar nicht in den Ballungsräumen der Großstädte, seine Miete bezahlen, seinen Kindern eine Klassenfahrt oder jetzt im Sommer eine Ferienreise ermöglichen“, so DGB-Vorstandsmitglied Stefan Körzell. Löhne unter 12 Euro machten arm trotz Arbeit und sorgten für Altersarmut.

Von Andreas Schmidt

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