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Marburg Glücksmomente in vielen Tonlagen
Marburg Glücksmomente in vielen Tonlagen
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08:00 17.09.2019
Fünf tolle Sänger: „Alte Bekannte“, 2017 aus den „Wise Guys“ hervorgegangen, brachten das rappelvolle Erwin-Piscator-Haus zum Brodeln. Quelle: Melanie Weiershäuser
Marburg

Was für ein Abend! Nach fast drei Stunden mit ausnahmslos positiven Schwingungen, ausgesendet von frohgemuten Sängern und einem unverwechselbaren Sound, verlässt garantiert niemand den Saal so, wie er zu Konzertbeginn darin Platz genommen hat. Es ist, als habe eine Metamorphose stattgefunden. Eine musikalische Verzauberung.

Das quirlige A-capella-Quintett, das sowohl den intimen Kirchenraum wie die Mega-Konzertkulisse bespielt, ist sofort voll da und macht den Tenor seiner Darbietung mit dem Eröffnungssong klar: „Es macht Spaß, auch mal nett zu sein.“ Selbst wenn es die erste Begegnung mit der Formation sein sollte, die 2017 aus den „Wise Guys“ hervorging und jetzt mit ihrem zweiten, dem neuen Top-10-Album „Das Leben ist schön“ von sich reden macht, wächst schnell ein vertrauliches Wohlsein.

Der Bass bohrt in die Magengrube

Es ist, als kenne man Daniel „Dän“ Dickopf, Nils Olfert, Clemens Schmuck, Björn Sterzenbach und Ingo Wolfgarten schon eine Weile. Wer „Alte Bekannte“ live erlebt wie am Samstagabend im rappelvollen Erwin-Piscator-Haus, erliegt einer vielfachen Faszination: Ob hart oder zart, ob rockig, poppig, bluesig und schmusig, die vielseitigen Stimmen, klugen Texte und harmonische Kompositionen treffen ins Gefühlszentrum.

Und schick sehen die Kerle auch noch aus! Sozial engagiert sind sie sowieso. Was ihr Können aber letztlich unwiderstehlich und ihren Auftritt auch unvergesslich macht, ist – eine Illusion. Der Bass bohrt in die Magengrube. Die Beats pulsen durch die Adern, beschleunigen den Herzschlag. Es geht nicht anders: Die Hände müssen mitklatschen, die Beine zucken.

Stillsitzen? Fällt schwer. Und ist mit zunehmender Konzertdauer schließlich unmöglich. Aber halt: Bass und Beats? „A capella“ bedeutet doch: ein Vokalensemble ohne Instrumente. Tatsächlich sind bei „Alte Bekannte“ weder Bass noch Schlagzeug oder Keyboard mit im Spiel, obwohl sich ihre Lieder danach anhören. Unglaublich, wie es Dickopf, Sterzenbach und Schmuck per Mund-Percussion, Hand- und Fußeinsatz gelingt, die perfekte Instrumenten-Illusion zu erzeugen.

Die Welt vielleicht zu einem besseren Ort zu machen

„Ja, wir müssen schon in Stimmung sein, um rüberzubringen, dass das Leben schön ist“, nimmt Songtexter Dickopf das Publikum gedanklich mit ins Hotelzimmer, wo sich die fünf regelmäßig vorm Auftritt „eintunen“. Das untermauern sie mit dem hymnisch-fröhlichen „Heute ist mein Tag“, bei dem Nils Olferts Leadstimme in höchste Töne schwingt. „Glaubt nicht, dass es so sorglos weitergeht“, augenzwinkert „Dän“, „auch wir verschließen uns den Problemen nicht“.

Auch sie kennen Mietenexplosion und Landflucht. So habe es ihren Ingo „in eine Gegend namens Eifel“ verschlagen, in ein Häuschen mit Tonstudio. Musikalisches Fazit, einem kultigen Status-Quo-Hit nachempfunden: „You‘re in the Eifel now.“ Tröstende Hände legen sich auf Ingos Schultern, und um noch mehr Mitgefühl geht es im traumhaften „Du bist wieder hier“, geschrieben für einen Menschen mit Depression „in der Hoffnung auf seine Heilung“.

Das Publikum – vom Schulkind bis zur Rentnerin ist alles da – reflektiert in Stille und spürt die Botschaft: Den Schlüssel zu sich selber finden, sich in Gemeinschaft gut beschirmt fühlen (worauf auch die Bühnen­deko weist mit zehn stimmig ausgeleuchteten, teils von der Decke hängenden Schirmen), und die Welt vielleicht zu einem besseren Ort zu machen.

"Dancefloor"-Ingo als selbstverliebter Latin Lover

Die thematische wie musikalische Bandbreite ist ein Genuss, jeder singt mal die Hauptstimme, tritt vor oder in den Hintergrund, feierliche wechseln in frenetische Momente, die den Saal zum Brodeln bringen. Mega-Applaus ernten die 80er/90er-Jahre-Medleys voller Beatboxing, „Blutgrätschen in den Groove“ und mit Clemens als „Sahnehäubchen“.

Nicht minder herrlich: „Dancefloor“-Ingo als selbstverliebter Latin Lover, Bass-Betörer Björn als „Perfekter Mann“ und der sonore Dän sogar „verschworen“. Ob neue Songs oder ältere „Wise Guys“-Perlen: Die Fans reißt es hoch, sie schwingen und singen mit, was ihre positiv aufgeladenen Energien hergeben.

Nach mehreren Zugaben münden mitreißende Stunden voller Glücksmomente ins traditionelle „Afterglow“: Das Quintett zeigt sich nach kurzer Entspannungsphase nochmal im Eingangsbereich des EPH und entlässt die beseelten Zuhörer mit „Love yourself“ in die Nacht.     

von Sabine Jackl