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Marburg Ein Betrüger, ein gutgläubiger Friseur und hysterische Fans
Marburg Ein Betrüger, ein gutgläubiger Friseur und hysterische Fans
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11:58 25.02.2021
Der in Marburg aufgewachsene Filmemacher Michael Wulfes (2. von rechts) drehte 2005 die Dokumentation "Der Tag, an dem die Beatles (beinahe) nach Marburg kamen". Mit auf dem Foto sind Ferdi-Kilian-Darsteller  Robert Katz (2. von links) und Kameramann Volker Tittel.
Der in Marburg aufgewachsene Filmemacher Michael Wulfes (2. von rechts) drehte 2005 die Dokumentation "Der Tag, an dem die Beatles (beinahe) nach Marburg kamen". Mit auf dem Foto sind Ferdi-Kilian-Darsteller  Robert Katz (2. von links) und Kameramann Volker Tittel. Quelle: Archiv
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Marburg

Am 25. Februar 1943 wurde George Harrison in Liverpool geboren. Harrison starb vor 20 Jahren in Beverly Hills. Der eher introvertierte Gitarrist galt als der „stille Beatle“ an der Seite von John Lennon, Paul McCartney und Ringo Starr. Grund für die OP an die legendären Pilzköpfe aus Liverpool,die am 9. Februar 1961 ihr erstes Konzerte im ebenfalls legendären Liverpooler Cavern Club spielten.

Wir erinnern an die Beatles indirekt – mit einer zauberhaften Marburger Anekdote aus den 1960er Jahren. Der in Marburg aufgewachsene Filmregisseur Michael Wulfes erinnerte daran 2006 mit seinem wunderbaren Film „Der Tag, als die Beatles (beinahe) nach Marburg kamen“. „Von allen Geschichten über Veranstaltungen, die nicht stattgefunden haben, war die über das Konzert der ,Beatles’ in Marburg sicherlich die schönste“, sagte bei den Dreharbeiten der ehemalige OP-Redakteur Jürgen Böckling.

Der Tag, als die Beatles (beinahe) nach Marburg kamen Der Marburger Friseur Ferdi Kilian glaubte 1966, er könne die Beatles in die Marburger Stadtsäle holen. Dumm: Er war einem Betrüger aufgesessen. Quelle: Archiv

Die Geschichte spielte 1966. Die Beatles waren auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Wo immer sie auftraten, wurden sie von Fans belagert. 1966 absolvierten sie vom 24. Juni bis zum 4. Juli eine Welttournee mit sechs Konzerten an drei Tagen in Deutschland. In Marburg lebte in dieser Zeit ein Friseur namens Ferdi Kilian. Der war einem Betrüger aufgesessen, der ihm versprach, die Beatles würden zu einem Konzert in die ehemaligen Stadtsäle kommen. Kilian glaubte fest daran. Er ließ Plakate drucken, mietete den Saal, verkaufte Eintrittskarten, war für kurze Zeit ein Held in Marburg. Der Mann, der die Beatles nach Marburg holt.

Jürgen Böckling, in diesen Tagen Redakteur bei der OP, und der frühere Marburger Musikmanager Claus Schreiner, klärten damals auf, was wir alle aus der Geschichte wissen: Die „Beatles“ kommen nicht. Doch 1966 färbte in der Stadt an der Lahn ein wenig vom Ruhm der Pilzköpfe auf den gutgläubigen Ferdi Kilian ab – bis Claus Schreiner und Jürgen Böckling aus erster Hand erfuhren, dass weder die „Beatles“ noch das Management jemals etwas von dem Provinzstädtchen Marburg gehört hatten, geschweige denn daran dachten, jemals hier in den alten Stadtsälen aufzutreten. Der Held wurde zum Gespött.

Eine Exkursion in die Vergangenheit

Der Marburger Dokumentarfilmer Michael Wulfes machte einen Film aus dieser Anekdote, ließ viele Zeitzeugen zu Wort kommen, die sich damals, angesteckt von der allgemeinen Hysterie, Karten im Vorverkauf sicherten. „In Marburg war ja vieles denkbar. Das Städtchen war verspielt und verträumt, es war eine richtige kleine Puppenstube“, erinnerte sich Böckling.

Der hatte 2005 auf dem Weg in den Urlaub für die Dreharbeiten einen kleinen Abstecher nach Marburg gemacht. Für ihn war es eine „hübsche Exkursion“ in die Vergangenheit: „Marburg hat sich in all den Jahren gar nicht so sehr verändert. Leider wurden die Stadtsäle und das Wirtshaus an der Lahn abgerissen und es gibt einige Bausünden. Aber Marburg ist immer noch schön“, sagte Böckling, der von 1964 bis 1967 für die OP arbeitete.

Feste Größe in der Konzertlandschaft

Claus Schreiner war schon Mitte der 60er Jahre eine feste Größe in der Marburger Konzertlandschaft: Gerade 23 Jahre alt, hatte er 1966 bereits zahlreiche Konzerte veranstaltet, unter anderem mit Albert Mangelsdorff. Schreiner war von Anfang an skeptisch: „Das war so hirnrissig. Die ,Beatles’ haben ohnehin nur sehr wenige Konzerte gegeben und dann sollten sie ausgerechnet nach Marburg kommen. Ich fand die Hysterie eher lustig.“

Jürgen Böckling erinnert sich gut an Ferdi Kilian. „Das war so ein etwas rundlicher, filmreifer, irgendwie ein barocker Typ. Der glaubte einfach an das Gute im Menschen.“

Zwei Dreh-Wochen in Marburg

Zwei Wochen lang drehte Wulfes nach langen Recherchen in Marburg. 30 Stunden Filmmaterial nahm er mit nach München – von Gesprächen mit Marburgern, die in irgendeiner Form mit dem Konzert, das nie stattgefunden hatte, zu tun hatten. Am letzten Drehtag im Juni 2005 mühte sich Ferdi-Kilian-Darsteller Robert Kratz in einem antiken Ford Taunus P 5 aus dem Jahr 1965 die steile Reitgasse empor. Robert Kratz war nicht der sicherste Autofahrer. Wieder und wieder schickten ihn Kameramann Volker Tittel und Regisseur Michael Wulfes stotternd den steilen Berg hinauf. Am Ende atmete Robert Kratz ebenso tief durch wie der Besitzer des alten Ford, Michael Bremer aus Altenbuseck.

Wulfes war nach Abschluss der Dreharbeiten glücklich: „Wir haben 22 Zeitzeugen interviewt und richtig schöne Sachen gedreht.“ Mit nach München nahm sein Filmteam Erinnerungen an eine „wunderschöne Stadt mit hübschen Frauen an jeder Ecke“, wie Kilian-Darsteller Kratz aus Fürstenfeldbruck damals bemerkte. Selbst der Wahlmünchner Wulfes, der 1968 aus Marburg in die große Welt floh, war von seiner alten Heimat angenehm überrascht: „Wenn ich Kinder hätte, würde ich sagen: Marburg wäre der ideale Ort, wo sie aufwachsen könnten.“ Das hat sich bis heute nicht geändert.

Es begann 2002

Begonnen hatte alles 2002 mit einem Artikel in der OP. Der Dokumentarfilmer Wulfes, damals 53 Jahre alt, erinnerte sich dunkel an diese Episode aus seiner Jugend und suchte Marburger, die sich ebenfalls an ein Konzert mit den berühmten Beatles erinnerten, das nie stattgefunden hatte. „Die Beatles kommen“ – das habe man damals in der Stadt gemunkelt. Er war schon lange ein Fernsehprofi, hatte viele Filme gemacht, für die ARD, das ZDF, die Dritten.

Er hatte ein Porträt über Diego Maradona gedreht, für Arte einen alten New Yorker Bahnhof vorgestellt, Fernsehzuschauern den Alltag in Kuba näher gebracht. Er war überall in der Welt gewesen – mit Kamera und Mikrofon: in Indien, in Bangladesch, in der Mongolei, in Kanada, in Mexiko und beim FC Bayern. Nun zog es ihn beruflich zurück nach Marburg. Er würde gern einen Film drehen über den „Tag, an dem die Beatles in Marburg spielten“, sagte er der OP.

Diesen Tag gab es natürlich nie, der wäre in den Annalen der Stadt festgehalten wie der 30-jährige Krieg, wie der Besuch Luthers oder das Wirken der Heiligen Elisabeth. Nein, die Beatles haben nie in Marburg gespielt. Das galt schon 2002 als sicher. Nur: was war dran an der Geschichte?

Was bleibt ist ein Film

Auf den OP-Artikel gab es viele Leserreaktionen. Frauen und Männer meldeten sich, erinnerten sich an das Konzert, das es nie gegeben hatte. Manche hatten sogar noch die Eintrittskarten aufbewahrt. Andere kannten den Friseur. Die OP stellte die Kontakte her zwischen dem Filmemacher und den Zeitzeugen. Was geblieben ist von den Beatles, die (nie) in Marburg waren? Ein bezaubernder Film über die späten 60er Jahre in Marburg, über hysterische Fans, einen Betrüger und einen gutgläubigen Friseur, der Marburg später verließ.

Am 8. Februar 2006 präsentierte die OP den Film gemeinsam mit dem Marburger Cineplex als Vorpremiere – die Vorstellung war natürlich ausverkauft. Wulfes sagte der OP: „Für mich ist es im Grunde ein Liebesfilm: Ferdi Kilian wollte die Liebe seines Vaters und die Marburger haben sich in die Konzert-Idee verliebt.“

Von Uwe Badouin