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Marburg Als „Juniorbotschafterin“ in die USA
Marburg Als „Juniorbotschafterin“ in die USA
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12:58 14.08.2021
Friseurmeisterin Tessa Schönfeld ist nun auch Stipendiatin: Mit dem „Parlamentarischen Patenschafts-Programm“ des Bundestags geht sie als Juniorbotschafterin für ein Jahr in die USA.
Friseurmeisterin Tessa Schönfeld ist nun auch Stipendiatin: Mit dem „Parlamentarischen Patenschafts-Programm“ des Bundestags geht sie als Juniorbotschafterin für ein Jahr in die USA. Quelle: Foto: Andreas Schmidt
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Marburg

Tessa Schönfeld kann trotz ihrer gerade einmal 23 Jahre schon auf eine beeindruckende Karriere im Friseurhandwerk zurückblicken: Im Februar 2019 erhielt die junge Frau während der Freisprechungsfeier im Cineplex ihren Gesellenbrief – so, wie viele weitere Junggesellinnen und -gesellen. Doch: Tessa Schönfeld hatte ihre Ausbildungszeit auf eineinhalb Jahre verkürzt und war noch dazu als Innungsbeste ausgezeichnet worden.

Doch damit nicht genug: Direkt nach der Ausbildung begannen auch die Meisterkurse. Die Jung-Friseurin meldete sich an, „ich war gerade im Flow“, sagte sie damals im Gespräch mit der OP. Mit dem Resultat, dass sie Ende August auch ihren Meisterbrief in den Händen hielt. Und nahm auch noch am Leistungswettbewerb im Hessischen Friseurhandwerk teil – wo sie als Siegerin im wahrsten Wortsinn als Beste abschnitt. Beim Bundesentscheid im November landete sie auf dem siebten Platz – und war damit dennoch zufrieden, „denn das war eine tolle Erfahrung“, sagte sie damals im Gespräch mit der OP.

Heute beginnt jedoch ein neuer Abschnitt für die mittlerweile 23-Jährige. Denn: Sie sitzt derweil im Flieger in die USA, hat ein Stipendium als „Juniorbotschafterin“ über das parlamentarische Patenschafts-Programm (PPP) des Bundestags erhalten. Und wieder gibt es ein Alleinstellungsmerkmal: Tessa Schönfeld ist eine der ersten Friseurinnen, die für dieses Programm ausgewählt wurden, „die konnten sich vorher nicht bewerben“, weiß sie – ebenso wenig, wie etwa Menschen aus der Pflege, „weil es alles körpernahe Berufe sind“. Dass sie ins Ausland wollte, um dort Erfahrungen zu sammeln, stand für Schönfeld bereits nach dem Meistertitel fest. PPP kannte sie zwar, doch kam es aus obigen Gründen damals nicht in Frage.

Also bewarb sie sich bei Erasmus+, hatte Anfang 2020 Stellen in Paris, Valencia und London für jeweils sechs Wochen herausgesucht, „ich hatte auch schon teilweise Unterkünfte“, erzählt sie. Paris war also die erste Station – „aber der Auslandstraum mit all den Erfahrungen war schnell ausgeträumt: Nach einer Woche musste ich wegen Corona abbrechen und kam wieder zurück nach Deutschland“. Das Problem: Auch zu Hause konnte sie zunächst nicht weiterarbeiten, da sich die Friseure im Lockdown befanden.

Studium statt Lockdown

„Den Gedanken ans Ausland hatte ich nicht komplett aufgegeben. Aber durch die Zeit, die ich Anfang vergangenen Jahres hatte, habe ich im Wintersemester ein Studium der Wirtschaftspsychologie in Darmstadt begonnen.“ Doch PPP hatte sie weiter im Blick. „Und als ich gesehen habe, dass das jetzt für Friseure klappt, habe ich mich beworben. Denn das geht nur bis zum Alter von 24 Jahren.“ Die Bewerbung hat geklappt, „das Studium wird pausiert – und jetzt geht es in die USA“, freut sie sich.

Ob sie dort jedoch als Friseurin arbeiten darf, ist noch nicht ganz sicher – wegen der Körpernähe, „man bräuchte bestimmte Sonderzertifikate“. Aber Tessa Schönfeld will dennoch in andere Berufsfelder hineinschnuppern. „Vielleicht klappt es ja, bei Wella, L’Oreal oder Coty unterzukommen, Bewerbungen werde ich auf jeden Fall schreiben.“ Und: Auch ihr Werkzeug wird sie mitnehmen. Neben den beruflichen Erfahrungen freut sich die 23-Jährige auch auf den Besuch eines Colleges. Denn auch das ist für ein halbes Jahr vorgesehen. „Ich werde dort Psychologie-, Englisch- und vielleicht auch Marketing-Kurse belegen.“

Normalerweise leben die PPP-Stipendiaten in Gastfamilien. „Ich komme nach Lexington in North Carolina zu Carol. Sie ist 75 Jahre alt, lebt in einem großen Farmhaus und ihre Kinder sind schon erwachsen“, weiß Tessa Schönfeld. „Sie hat richtig Lust, Kontakte zu knüpfen und ist Englischlehrerin im Ruhestand. Wir haben uns schon im Video-Chat kennengelernt – ich freue mich, das wird spannend.“

„Jedes Jahr können pro Wahlkreis Schülerinnen und Schüler mit PPP ins Ausland geschickt werden, das konnte ich auch schon mehrfach tun“, sagt der heimische SPD-Bundestagsabgeordnete Sören Bartol. 285 Plätze gebe es jährlich bei 299 Wahlkreisen. Doch das PPP für junge Berufstätige „ist etwas ganz Besonderes. Das konnte ich während meiner knapp 20 Jahre im Bundestag bisher erst ein weiteres Mal vergeben“, freut sich Bartol, es gebe nämlich bundesweit nur 75 Plätze.

Firmen profitieren

Er habe mit der Auswahl nichts zu tun gehabt, „ich hätte lediglich nein sagen können“. Doch weiß er, dass sich nicht so viele junge Berufstätige bewerben, wie Schüler. „Man muss ja aus dem Beruf komplett raus – das kann nicht jeder“, sagt Bartol. „Noch dazu muss man ja auch Chefs finden, die zu den Plänen ja sagen." Doch wenn es von der Unternehmensführung die Zusage gebe, seien die Betriebe auch stolz auf ihre Azubis. „Sie profitieren ja auch davon“, ist sich Bartol sicher. „Denn wer ein Jahr lang im Ausland war, kommt als veränderter Mensch zurück – dank all der Erfahrungen, die er oder sie gesammelt haben.“

Von Andreas Schmidt

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