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Marburg „Jeder trägt einen kleinen Rassisten in sich“
Marburg „Jeder trägt einen kleinen Rassisten in sich“
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11:00 20.03.2022
Demo gegen Rassismus: Jemand ruft mithilfe des Schildes zu mehr Zivilcourage auf. (Symbolfoto)
Demo gegen Rassismus: Jemand ruft mithilfe des Schildes zu mehr Zivilcourage auf. (Symbolfoto) Quelle: Christoph Soeder/dpa
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Marburg

Wer bei einer Schlägerei auf dem Schulhof damals nur weggeschaut hat, der bekam oftmals den Spruch „Wer nichts macht, macht mit“ um die Ohren. Gemeint ist damit, dass man bei Streitigkeiten auch den Mut haben sollte, dazwischenzugehen oder zu schlichten, auch wenn man nicht direkt beteiligt ist – Stellung beziehen ist die Devise, wenn es um Zivilcourage geht. Opfer von Mobbing jeglicher Art können so geschützt werden. Doch „Wer nichts macht, macht mit“ gilt gerade in Bezug auf das Thema Alltagsrassismus nur bedingt. Das weiß auch Johannes Maaser, der Zuständige für Gewaltprävention im Fachbereich Sicherheit und Ordnung der Stadt Marburg, denn er sagt: „Das Wichtigste ist Eigenschutz, also bitte nicht den Helden spielen.“ Wie man Betroffenen trotzdem effektiv helfen kann, erklärt der 38-Jährige im OP-Gespräch.

Alltagsrassismus erkennen

 Bevor man jedoch einschreiten kann, ist es wichtig, alltagsrassistische Anfeindungen zu erkennen. „Alltagsrassismus ist eine Abwertung aufgrund oder wegen einer tatsächlichen oder angenommenen Gruppenzugehörigkeit“, erklärt Maaser. „Ob ich sage, ‚mein Nachbar nervt mich‘, oder ‚die Türken gehen mir auf die Nerven‘, ist ein großer Unterschied. Die Gruppengrenzen werden so in den Vordergrund gestellt.“ 

Kein Kavaliersdelikt

Xiaotian Tang, die Integrationsbeauftragte der Stadt Marburg, berichtet von ihren Erfahrungen im Alltag. „Am Anfang der Pandemie kam ich gerade aus China. Damals war in den deutschen Medien nur bekannt, dass es ein Virus gibt und dass es vermutlich aus China kommt“, sagt die 38-Jährige. Um ihre Mitmenschen nicht potenziell zu gefährden, trägt sie eine medizinische Maske und ist anfangs so gut wie die Einzige damit. „Ich stand an einer Bushaltestelle gegenüber einer Schule, als die Kinder sich aus dem Fenster lehnen, um rassistische Grimassen zu schneiden“, berichtet sie. „Sie haben ihre Augen mit den Fingern zur Seite gezogen.“ Somit entsteht der Eindruck von sehr schmalen Augen.
Tang war in dieser Situation schockiert und hat sich nicht gewehrt, denn das war das erste Mal, dass sie in Marburg mit Alltagsrassismus konfrontiert wurde. „Im Nachhinein habe ich mich sogar schuldig gefühlt, dass ich nicht das Gespräch mit den Lehrern gesucht habe, denn ich sage selbst immer, dass man den Mut dazu haben sollte, zu Rassismus ganz laut Nein zu sagen“, sagt sie. Für Betroffene sei das aber kompliziert. Bisher habe sie noch kein konkretes Erfolgsrezept, hätte sich aber gewünscht, dass Passanten ihr beigestanden hätten.

Effektiv helfen

Was kann ein Passant also tun, wenn er Zeuge von Alltagsrassismus wird? Maaser rät dazu, immer die Betroffenen zu stärken und ihnen zu zeigen, dass sie nicht alleine oder schutzlos sind. Das direkte Gespräch mit dem Täter zu suchen, sei laut Maaser keine gute Idee. „Wenn man den Täter anspricht, kann man selbst zum Opfer werden. Solche Einstellungen verfestigen sich über Jahre. Man sollte den Betroffenen zeigen, dass das keine Mehrheitsmeinung ist, sondern eine Einzelmeinung.“ Die Befürchtung, dass ihre Mitmenschen ähnlich denken, hatte Xiaotian Tang auch zunächst. „Ich wurde mal von einem großen Mann auf der Straße angeschrien, dass die Maske in Deutschland nicht erlaubt sei.“ Mit dem geistigen Blick auf die Situation mit den Schulkindern, beschloss sie, sich zu wehren und dem Mann mitzuteilen, dass er falsch liegt. „Das war vielleicht nicht die beste Idee, so etwas kann auch gefährlich sein, trotzdem habe ich wenigstens etwas getan. Das war für mich persönlich der Beginn im Kampf gegen Alltagsrassismus.“ Dass Tang nicht in eine gefährliche Situation geraten ist, war Glück, denn ob als Opfer oder Passant – es kann auch anders ausgehen.

Der Fall Tugçe

Ein mahnendes Beispiel ist laut Maaser der Fall von Tugçe Albayrak im Jahr 2014. Ein Streit eskalierte auf dem Parkplatz eines Schnellrestaurants in Offenbach, als die damals 23-Jährige ein paar 13-Jährigen zur Hilfe eilte, weil diese von einem 18-jährigen Mann belästigt wurden. Im Streit fiel Tuğçe zu Boden und starb schließlich an den Folgen ihrer Verletzungen. Über den Fall wurde bundesweit in den Medien berichtet und debattiert. Schließlich wurde Tugçe Albayrak zur Symbolfigur für Zivilcourage.
Sollte es also zu einer handfesten Auseinandersetzung kommen, rät der Experte, sich zunächst selbst zu schützen. „Wenn ich mich selbst in Gefahr bringe, ist niemandem geholfen“, weiß er. „Nur wenn ich selber handlungsfähig bin, kann ich auch helfen. Das hat auch nichts mit Feigheit zu tun, wenn man nicht als Held eintritt.“

Regel #1 Selbstschutz

„Man sollte also nie direkt dazwischengehen“, betont Maaser. Er empfiehlt, sich zunächst selbst in eine sichere Position zu bringen, und sich als Zeuge kurz genau anzuschauen, was passiert. Danach kann die Polizei verständigt werden. Im zweiten Schritt könnten Zeugen Öffentlichkeit erzeugen. „Sprechen Sie Passanten direkt an, zum Beispiel ‚Sie mit der grünen Jacke‘. Bilden Sie eine Allianz und gehen Sie dann gemeinsam hin, wenn es wirklich eskaliert ist.“ Zudem sollte die Allianz immer opferorientiert handeln, also die betroffene Person aus der Situation herausziehen und in Sicherheit bringen.
Der Spruch „Wer nichts macht, macht mit“, gelte laut Maaser bei Rassismus also auf jeden Fall. „Es gibt ein Pendant zu dem Spruch, und zwar ‚Wer schweigt, stimmt zu‘. Rassismus lebt davon, dass die Täter sich sicher fühlen. Täter, die Diskriminierung offen leben, sind sich sicher, dass das von der Gruppe akzeptiert wird“, sagt er. Als Betroffener sollte man sich zunächst in Sicherheit bringen, dann Zeugen suchen und anzeigen. „Diese Grenze zu markieren, ist gesellschaftlich wichtig“, sagt Maaser. Tang ist der Meinung, dass jeder Mensch einen kleinen Rassisten in sich trägt. „Es kommt immer wieder zu alltagsrassistischen Situationen, auch wenn das Gegenüber es nicht so meint, deshalb ist es wichtig, die Gesellschaft zu sensibilisieren“, betont sie.
Die Stadt Marburg hat für Betroffene eine Antidiskriminierungsberatung eingerichtet. Frau Aygün Habibova berät Ratsuchende kostenlos und vertraulich unter der Telefonnummer 0 64 21 / 2 01 15 65.

von Larissa Pitzen

Marburg Internationale Wochen gegen Rassismus - Zivilcourage gegen Rassismus
20.03.2022
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