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Marburg Alltagshelden im Ausnahmezustand
Marburg Alltagshelden im Ausnahmezustand
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09:58 10.03.2021
Ob Feuerwehrleute, Krankenschwestern, Verkäuferinnen im Einzelhandel oder Postboten: Corona-Helden im Alltag gibt es viele.
Ob Feuerwehrleute, Krankenschwestern, Verkäuferinnen im Einzelhandel oder Postboten: Corona-Helden im Alltag gibt es viele. Quelle: Nadine Weigel und Thorsten Richter
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Marburg

Seit einem Jahr ist die Welt im Ausnahmezustand. Auch in Marburg-Biedenkopf ist alles anders. Die Corona-Pandemie bestimmt unser aller Leben. Während des ersten harten Lockdowns stellte die OP Menschen vor, die den Laden am Laufen gehalten haben. Menschen, die zu Corona-Helden wurden, obwohl sie gar keine sein wollten. Menschen, die sagten, „ich mach’ doch nur meine Arbeit“ oder „das ist doch selbstverständlich“. Heute wollen wir von einigen dieser Alltagshelden wissen, wie sie das Corona-Jahr erlebt haben und was sich für sie verbessert oder verschlechtert hat.

Dörr stellt Angst hinten an

Für Leonie Dörr war es mit die herausforderndste Zeit in ihrem Leben. Durch ihren Beruf als Altenpflegerin war die 23-Jährige mittendrin in der Pandemie. „Gerade als ich im November mein Examen bestanden habe, hatten wir Corona auf meiner Station“, erinnert sie sich. Es kam auch zu Todesfällen. Doch die eigene Angst, sich selbst anzustecken, stellte sie hinten an. „Mir war nur wichtig, dass es den Bewohnerinnen und Bewohnern bald wieder besser geht“, erzählt sie.

Ebenso wichtig war ihr, dafür zu sorgen, dass sich ihre Schützlinge in der Zeit der Quarantäne und des Besuchsverbotes nicht so allein fühlten. Trotz der Belastung hat sie nicht einen Tag daran gedacht, den Job, der zwar systemrelevant ist, aber nicht entsprechend bezahlt wird, hinzuschmeißen.

Hilfsbereitschaft ist gestiegen

Denn sie hat auch Positives aus der Krise mitnehmen können. Zum Beispiel die Hilfsbereitschaft. Zu erleben, dass Menschen in so einer Extremsituation füreinander da sind, sei schön gewesen, sagt sie. Und auch der Zusammenhalt bei ihren Kolleginnen und Kollegen im Evangelischen Alten-und Pflegeheim Elisabethenhof Marburg sei gestiegen. „Corona hat uns als Team noch einmal mehr zusammen geschweißt“, findet Leonie.

Ähnlich empfindet es Bärbel Kniese-Krah, die als Medizinische Fachangestellte in der Hausarztpraxis von Dr. Ulrike Kretschmann arbeitet. „Dadurch, dass die äußeren sozialen Kontakte auf Eis gelegt sind, ist das Verhältnis im Team noch einmal enger geworden“, sagt die 55-Jährige. Das Corona-Jahr sei anfangs chaotisch gewesen durch die sich täglich verändernde Lage. Kritisch sieht sie die mangelnde Informationspolitik seitens der Regierung.

Angst vor der Ausbreitung der Mutation

„Wir haben meist zuerst durch die Medien erfahren, wie es weitergeht, da hat man sich schon alleingelassen gefühlt.“ Froh ist sie, dass ihre Praxis immer gut organisiert war und zum Beispiel von Beginn an genügend Schutzausrüstung für die Durchführung von Corona-Tests bei den Patienten vorhanden war. Und dennoch: „Zwar ist man mit Mundschutz, Schutzbrille etc. geschützt, aber trotzdem bleibt ein ungutes Gefühl“, gibt sie zu. Vor allem seit dem Auftreten der noch ansteckenderen Corona-Mutation B 117 hat sie Angst, dass sich das Infektionsgeschehen wieder ausbreitet.

Mit dieser Angst ist sie nicht allein. Auch Sohn Julian Krah bereiten die steigenden Zahlen in Kombination mit den nun stattfindenden Lockerungen Bauschmerzen. Denn der Rettungsassistent weiß, was Corona anrichten kann. Seit einem Jahr fährt der 28-Jährige regelmäßig Covid-19-Patienten im Rettungswagen ins Krankenhaus.

Krah: Stabiler Patient wird in kurzer Zeit kritisch

„Wer sagt, Corona sei nicht so schlimm, hat nicht gesehen, was ich gesehen habe. Innerhalb kürzester Zeit kann ein stabiler Patient kritisch werden. Und es trifft nicht nur Alte, auch junge Menschen landen beatmet auf der Intensivstation“, betont der Rettungssanitäter, der seit einem Jahr quasi im Dauereinsatz ist.

Sein Job ist nicht nur emotional anstrengender geworden. Auch körperlich. Denn nach jedem Corona-Patienten muss der Rettungswagen gründlich desinfiziert werden. „Da geht schon einmal eine Stunde dabei drauf.“ Auch privat war Corona eine Herausforderung für Julian Krah und seine Verlobte Anna Pia, die als Intensivkrankenschwester im Diakonie-Krankenhaus in Wehrda arbeitet. Als sogenannte „Frontline-Worker“, die also an vorderster Front gegen die Corona-Pandemie kämpfen, haben sie privat noch isolierter gelebt, um die Menschen in ihrem Umfeld zu schützen.

Krah hofft auf Erhöhung des Impftempos

Julian Krah hofft, dass sich das Impftempo erhöht und die Menschen trotz Lockerungen nicht unvorsichtig werden. Er hat kein Verständnis dafür, wenn Menschen Corona nicht ernst nehmen. „Auch wir bräuchten dringend mal Urlaub, aber erst muss sich die Lage normalisieren“, betont er. Und das passiere nicht, bevor nicht genügend Menschen geimpft seien. Zwar sind er und Anna Pia bereits geimpft, „das bedeutet aber jetzt nicht, dass wir unvorsichtig werden können“.

Auf die Impfungen hofft auch Anke Hillig. Die Erzieherin und Leiterin der Evangelischen Kita in Ockershausen freut sich, dass ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mittlerweile für eine Impfung registriert sind. „Dadurch erhoffen wir uns eine innere Gelassenheit, da man geschützter ist“, sagt sie.

Hilling: „Angst, dass Corona in unserem Leben ist“

Auch die wöchentlichen Schnelltests würden dazu beitragen, dennoch bleibe trotz Hygienemaßnahmen eine „leichte Angst, dass Corona in unserem Leben ist“. Das Jahr hat die Kita-Leiterin als herausfordernd und anstrengend empfunden. „Die emotionalen Anstrengungen waren und sind kraftraubend.“ Ihre kleinen Schützlinge sieht sie als regelrechte „Hoffnungsträger“ an. „Die Kinder sind diejenigen gewesen, die am besten in der Lage waren, sich an das Neue anzupassen und nicht in Traurigkeit und Sorge zu versinken“, weiß Hillig.

Sorgen machte sich auch Landwirt Leon Henkel aus Erksdorf in den vergangenen Monaten. Nicht nur um die Menschen, die in seinem Umfeld an Covid-19 erkrankt waren, sondern auch um den Fortbestand seiner Arbeit. „Angenommen ich wäre erkrankt, wer hätte denn die Kühe gefüttert? Kann ich mit dem Schlepper durchs Dorf fahren, wenn ich in Quarantäne bin?“ Diese und ähnliche Fragen treiben den 21-jährigen Jungbauern um. Er hofft, dass die Pandemie bald vorbei ist, auch damit er sich weniger Sorgen um seine Eltern und Großeltern machen muss, mit denen er gemeinsam auf dem Hof wohnt.

Hier geht's zu den Corona-Helden.

Von Nadine Weigel